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07. Februar 2012

Der Unorthodoxe

Dem Freiburger Kulturwissenschaftler und Autor Klaus Theweleit zum siebzigsten Geburtstag.

  1. Klaus Theweleit Foto: kunz

Unbestechlich: Das fällt einem zuerst ein, wenn man sich den Autor und Menschen Klaus Theweleit vorstellt. In Zeiten, in denen noch nicht einmal Bundespräsidenten dem moralischen Anspruch geistiger und materieller Unabhängigkeit genügen können, ist das schon ein hohes Gut. Man kann auch sagen, dass Klaus Theweleit jemand ist, der sich in allen Abenteuern seines mäandernden, frei flottierenden und frei assoziierenden Bewusstseins treu geblieben ist. Oder wenn nicht sich, dann einer Haltung: der des kulturkritischen linken Chronisten deutscher (und anderer) gesellschafts- und medienpolitischer Zeitläufte, der an die Interventionskraft des Einzelnen glaubt.

Den Marsch durch die Institutionen, den die meisten Vertreter der 1968er-Generation erfolgreich hinter sich gebracht haben – bis zum Renegatentum, hat der seit seinem Studium der Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaft in Freiburg lebende Kulturwissenschaftler, ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen, nur sehr bedingt angetreten. Nachdem mit seiner den akademischen Gepflogenheiten – bescheiden ausgedrückt – nicht entsprechenden Dissertation "Männerphantasien" eine universitäre Karriere verbaut war, wagte er eine Existenz als freier Autor. Den Grundstein legten die zwei Bände "Männerphantasien": Theweleits psychoanalytisch unterfüttertes Charakterporträt des "soldatischen Mannes" ist mehr als vier Jahrzehnte nach seinem Erscheinen zum Klassiker geworden mit, schätzt Theweleits Frankfurter Verleger KD Wolff, mehr als 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Die Lizenz liegt heute beim Piper Verlag – und wer immer in das Buch hineinschaut, zeigt sich verblüfft darüber, wie unverbraucht Theweleits Thesen bis heute wirken. Die auch von ihm selbst heftig befeuerte Diskussion um Jonathan Littells umstrittenen Roman "Die Wohlgesinnten" hat das noch einmal mit Nachdruck unter Beweis gestellt.

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Dass der ehemalige SDS-Aktivist ein unorthodoxer Denker in jeder Beziehung geblieben ist, macht seine Stimme heute – nach dem Ende der großen Erzählungen der Menschheit – wertvoller denn je. Theweleit hat sich ja immer schon gegen jedes Systemdenken gewehrt – selbst gegen die Unterscheidung von Theorie und Fiktion, Wissenschaft und Kunst, Sachbuch und Belletristik. Seine Bücher zeichnen sich durch Überschneidungen und Übertretungen aus: Grenzen sind etwas, was Klaus Theweleit nur dann zu akzeptieren bereit ist, wenn sie überschritten werden (können).

So haben seine aus dem Archiv seiner berühmt-berüchtigten Zettelkästen, aus den Materialschlachten seiner Lese- und (vor allem auch) Hörfrüchte (Jimi Hendrix und Bob Dylan sind seine Helden) entstandenen Texte oft genug als "Friendly Fire" – so der Titel seines 2004 erschienenen Bandes mit "Deadline"-Texten – gewirkt: Befeuern der Mainstreamfestungen mit Querschlägern (um beim für den Analytiker aller Machtpole eigentlich unangemessenen Militärjargon zu bleiben), die ihre Schubkraft oft genug aus dem Insistieren auf der historischen Wahrheit des (deutschen) Faschismus bezogen.

Der Erfinder des "Theorieromans" – wofür er 2003 mit dem Merck-Preis der Darmstädter Akademie geehrt wurde – hat sich zuletzt, ein großer Leser mit Respekt vor und Liebe zu seinen Gegenständen, auf die kleinen Formen verlegt: Artikel, Essays, Reden – über Fußball und Film, Maler (wie Blalla Hallmann) und Comiczeichner (wie Carls Barks), Literaten (wie Benn) und Träume. Seine auf mehrere Bände angelegten Großprojekte "Buch der Könige" und "Pocahontas" ruhten – auch weil Theweleit seit 1998 eine Professur an der Karlsruher Akademie der Bildenden Künste innehatte. Jetzt, im sogenannten Ruhestand, will er das Liegengelassene wieder aufnehmen. Für 2013 ist der nächste "Pocahontas"-Band (mit der Geschichte von Kolonialisierung und Tabakindustrie) geplant. Klaus Theweleit, der heute 70 Jahre alt wird, hat noch viel vor.

Autor: Bettina Schulte