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24. Dezember 2008
Weihnachten
Die Zeit der Gaben
Warum machen wir zu Heiligabend Geschenke? Ein Essay über die Beziehung von Geld und Mitgefühl, Kapitalismus und Weihnachten.
Trotz der Finanzkrise ist das Weihnachtsgeschäft in Deutschland gut gelaufen. Heute nun werden die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum getauscht. Das Jahr, in dem der Kapitalismus in eine globale Finanzkrise geriet, kommt zur Ruhe. Statt um Geld geht es jetzt um Gaben und um Glauben. Was wie ein großer Gegensatz scheint, ist aber in Wirklichkeit untrennbar. Axel Paul, Privatdozent für Soziologie an der Freiburger Universität, beschreibt die Geschichte des Schenkens.
EIN BÜRGERLICHES FESTEs besteht kein Zweifel: Das Weihnachtsfest ist für die meisten Deutschen, selbst wenn sie Christen sind, in erster Linie ein Fest des Schenkens und Beschenktwerdens. Ähnlich wie bei vielen Hochzeiten geben kirchliche Riten nur den dekorativen Rahmen einer im Kern bürgerlichen Feier ab. Der weihnachtliche Kirchgang dient der Einstimmung aufs gemütlich-festliche Beisammensein im Kreis der Familie und Freunde, ist das Vorspiel zum Geschenkereigen.
Die christliche Botschaft, die Menschwerdung Gottes, droht – so scheint es – vom Duft der Weihnachtsgans und vom Rascheln des Geschenkpapiers verschluckt zu werden. Wenn Weihnachten ein Fest des Friedens ist, dann weniger weil Gott der Menschheit in Jesu das Versprechen seiner Barmherzigkeit gab, als vielmehr weil der gesetzliche Ladenschluss dem Kaufrausch für ganze zweieinhalb Tage ein vorläufiges Ende setzt. Nicht das Gnaden bringende Christkind, sondern der Weihnachtsmann als weißbärtiger und rotbewamster Paketzusteller ist die emblematische Figur der Weihnachtszeit.
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GEGLÜCKTE GESCHENKE
Wie aber, wenn die kommerzielle Perversion des Weihnachtsfests gar keine wäre? Wenn das bürgerliche Ritual des Schenkens es zwar fast um seine religiösen Gehalte, nicht aber um den schemenhaften Aufschein einer anderen, wenn auch innerweltlichen Ordnung brächte?
Es ist keine Frage, das Schenken ist in vielen Fällen eine lästige Pflicht, eine dem Komment geschuldete Geste, ebenso wie umgekehrt so mancher Beschenkte sich hinter der Fassade des Dankes schon über den Umtausch des Erhaltenen Gedanken macht. Auch ist häufig nicht klar – vor allem wenn ein Geschenk besonders großzügig ausfällt–, ob der Schenker nicht strategische Absichten verfolgt, ob er Gunst und Aufmerksamkeit zu kaufen versucht. Richtig ist auch, dass allein die Existenz sogenannter Geschenkeläden die Idee des Schenkens praktisch lügen straft, indem sie dem Käufer des Geschenkes zwar nicht den materiellen Aufwand, wohl aber – und schlimmer noch – die Überlegung erspart, wie dem Beschenkten eine Freude zu machen wäre. All das bleibt.
Dennoch sind die Idee und oft auch die Praxis des Schenkens das Gegenteil des vom individuellen Interesse geleiteten, Nutzen heischenden Tauschs, das Gegenteils des Kaufs einer Ware oder Dienstleistung – nämlich das Bemühen, dem anderen Gutes zu tun, sich ihm anzuempfinden, sein Glück eigenes Glück sein zu lassen. Ein Geschenk, wenn es "glückt", ist immer auch ein Geschenk, wenn nicht der Liebe, so doch der Zuneigung, das Angebot oder die Bekräftigung einer Beziehung jenseits eines punktuellen, auf den eigenen Vorteil schielenden Kontakts. Gelingendes Schenken geht nicht auf in der Übergabe eines Geschenkes, das den Beschenkten erfreut, das ihm nützlich ist oder gefällt. Das Geschenk ist letztlich eine Art Gelegenheitsursache für die Anerkennung des Beschenkten durch den Schenker wie für die Dankbarkeit des Beschenkten dem Schenker gegenüber.
GOTTES SOHN
Das Schenken steht nicht im Mittelpunkt der Weihnachtsgeschichte. Bei Matthäus werden Gaben der Sterndeuter aus dem Morgenlande an das neugeborene Kind erwähnt, abgesehen davon ist von weihnachtlichen Geschenken in den Evangelien keine Rede. Immerhin kann damit die elterliche Bescherung ihrer Kinder und allgemeiner vielleicht die der Schwachen durch die Starken aus christlicher Perspektive als rituelle Wiederholung des Weihnachtsgeschehens gesehen werden. Das eigentliche Geschenk der Weihnachtsgeschichte sind aber nicht die Jesus zugeeigneten Gaben; das Geschenk um das es geht, ist die Sendung Jesu selbst. Indem Gott den Menschen seinen Sohn schickt und ihn als Menschenkind das Licht der Welt erblicken läßt, bestätigt er den alttestamentarischen Bund und erweist der Menschheit – Sodom und Gomorrha zum Trotz – sein Vertrauen. Und weil Gott in Jesus Mensch wird, werden die Menschen zwar nicht göttlich, wohl aber einander gleich und damit allererst frei, sich als Subjekte zu begegnen.
Gewiss, die Geburt Jesu ist (wie später sein Tod) eine Gabe, die nicht vergolten werden kann. Sie unterstreicht damit Gottes Anspruch auf Herrschaft. Auf der anderen Seite diskreditiert Gott durch Jesus das herkömmliche, der Gottheit geschuldete Opfer. Fürderhin werden diesseitige Almosen und tätige Nächstenliebe zum wahren Gottesdienst. Jesus ist ein Gabenspender, nicht nur weil er uns mit Gottes Liebe beschenkt, sondern weil er die Menschen zur Gabe befreit.
GABE UND GELD
Gaben freilich tauschten die Menschen schon immer. In frühen, staatenlosen Gesellschaften war der Gabentausch eine Form sozialer Organisation. Soziale Gruppen standen sich als Gläubiger und Schuldner gegenüber. Durch den Tausch wirtschaftlich nutzbarer, vor allem aber symbolischer, in ihrem Wert nicht auf einen einheitlichen Maßstab reduzierbarer Güter und Dienste waren sie in ebenso variable wie unkündbare Schuldverhältnisse verstrickt. Großzügige Gaben waren ein probates Mittel, sich als im Status überlegen zu beweisen und Führungsaufgaben zu beanspruchen. Es herrschte eine politische Ökonomie der Verschwendung: Statt Reichtümer anzuhäufen, wurden sie regelmäßig verschleudert.
Für den Aufbruch aus einer von den Regeln des Gabentauschs beherrschten kollektivistischen Welt in eine vom nüchtern ökonomischen Kalkül bestimmte Gesellschaft war, neben der christlichen Revolution und anderer Aufklärung mehr, wesentlich die Erfindung und Durchsetzung des Geldes und des monetären, zinsbelasteten Kredits verantwortlich. Das Geld machte es möglich, Unvergleichliches zu vergleichen, Schuld zu quantifizieren und damit zu tilgen. Der Kredit erleichterte nicht nur rein technisch die Akkumulation von Geld, sondern er erhob die Mehrwertproduktion zur alleinigen raison d’être des Wirtschaftens. Das Kapital wurde zum Selbstzweck. Jetzt erscheint die ganze Welt als großer Markt, auf dem das Profitinteresse regiert und keine Grenzen mehr kennt, auf dem Marx’ berühmter Formel zufolge "alles Heilige entweiht und alles Stehende verdampft".
DIE CARITAS
Das Bürgertum war Initiator und eine gute Zeit lang Träger dieses historischen Prozesses. Doch gerade weil es gefühllos Handel zu treiben lernte, wurde es auf der anderen Seite frei, private Umgangsformen, moralische und politische Ideale zu entwickeln, die der Sache nach zwar das Gegenteil ihres Geschäftsgebarens waren, dieses andererseits aber zur Voraussetzung hatten. Der Kapitalismus ist mit dem Gabentausch untrennbar verbunden. Denn nur ein soziales Handeln wie das rein ökonomische, das von rigiden Verteilungs- und gemeinschaftlichen Bindungszwängen entlastet ist, kann erst Interessen und Gefühle, Vertragliches und Persönliches, Kaufen und Schenken prinzipiell unterscheiden.
Die Idee und auch die vielleicht gar nicht so bescheidene Praxis einer anderen Ordnung als der des Marktes zehren von der psychosozialen Differenzierung, welche das Geld erst möglich gemacht hat. Der archaische Gabentausch ist dem Kapitalismus nicht einfach zum Opfer gefallen, seine Logik hat sich nicht restlos in die des Profits transformiert. Erst indem das Geld der kühlen Kalkulation, dem blanken Interesse und der bloß vertraglichen Beziehung den Weg ebnete, wurde aus dem obligaten Gabentausch der frühen Gesellschaften unsere freiwillige Gabe, die Möglichkeit des uninteressierten Geschenks. Der Kommerz ist zugleich die Negation wie auch die Bedingung einer anderen Welt, einer Sphäre, in welcher die Gesetze des Marktes der Caritas weichen. Weil wir das Jahr über wirtschaften, können wir an Weihnachten schenken.


