Interview

Dieser Priester wanderte nach Jerusalem – hin und zurück fast 14.000 Kilometer

Hannes Klug

Von Hannes Klug

Fr, 11. Januar 2019 um 07:52 Uhr

Kultur

Er stieg über die Alpen, ging durch slowakische Wälder und saß mit jordanischen Beduinen am Lagerfeuer: Der Priester Johannes Maria Schwarz wanderte durch 26 Länder bis nach Jerusalem.

BZ: Herr Schwarz, was hat Sie dazu bewogen, diese Pilgerreise anzutreten?
Schwarz: Pilgern bedeutet unter anderem Reduktion. Ich wollte das Wesentliche wieder mehr in den Blick nehmen, weil bei der Arbeit in der Pfarrei und an verschiedenen Projekten der Kopf auch viel um das Drumherum kreist. Ein Weg mit seinem Rhythmus und der Vereinfachung des Lebens kann eine Hilfe sein. Gehen, beten, essen, schlafen. Die Probleme, die dabei auftauchen, sind nicht extrem komplex. Das hilft für den Fokus auf das Wichtige.

BZ: Sie sind hin und zurück auf unterschiedlichen Wegen gegangen. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Route geplant?
Schwarz: Auf dem schnellsten Weg bin ich wohl nicht nach Jerusalem gewandert. Ich wollte durch einsame Gegenden gehen und einige Zwischenziele besuchen. Georgien und Armenien waren ganz oben auf der Liste, aber auch herrlich stille Wüsten und das traumhafte Kappadokien.
Termin

Vortrag im Rahmen der Mundologia-Reihe
13. Januar 2019, 11 Uhr
Paulussaal, Dreisamstraße 3, Freiburg

Vorverkauf beim BZ-Karten-Service (bz-ticket.de/mundologia-tickets oder Tel. 0761 / 496-8888) und bei allen BZ-Geschäftsstellen.
16. Mundologia-Festival: 8. bis 10. Februar 2019, Konzerthaus Freiburg: mundologia.de

BZ: Ihre Reise führte Sie durch 26 Länder. Gab es besonders einprägsame Erlebnisse?
Schwarz: Die Wüste mit ihrer Weite und ihrer unglaublichen Stille. Wenn man da um zwei Uhr nachts in den Himmel blickt, der in Milliarden Lichter explodiert ist, dann ist das unbeschreiblich.

BZ: Allein unterwegs zu sein, kann riskant sein. Gab es gefährliche Situationen?
Schwarz: Ich bin viele Tage entlang der syrischen Grenze und vorbei an Flüchtlingslagern gewandert. 2013 herrschte dort schon der fürchterliche Bürgerkrieg. Mehr als einmal wurde ich dabei selbst vom türkischen Militär als vermeintlicher Dschihadist aus Europa angehalten. Wenn da die Maschinengewehre auf einen gerichtet sind, dann flattert das Herz schon ein wenig. Die tatsächlich gefährlichste Situation war aber, als mich auf dem Rückweg in Italien ein Auto angefahren hat. Zehn Zentimeter und ich wäre nicht im Graben, sondern unter dem Fiat gelegen. Unterwegs gab es natürlich Situationen mit Hirtenhunden, Schakalen, Bären oder dubiosen Gesellen. Aber am Ende des Tages spielt sich die Gefahr bei diesen Dingen mehr im Kopf ab.

BZ: Welches waren die größten Herausforderungen auf Ihrer Wanderung?
Schwarz: Die größte Herausforderung war, die eigenen Schwächen und Unvollkommenheiten auszuhalten, die man manchmal erst entdeckt, wenn das normale Leben mit seiner Ausgeglichenheit wegfällt. An das Körperliche hingegen gewöhnt man sich bei 14 000 Kilometern irgendwann.

BZ: Wie war die Ankunft in Jerusalem?
Schwarz: Ich kannte die Stadt von einer früheren Reise. Daher hatte ich auch irgendwie Angst, dort anzukommen. Denn die Stadt würde so anders sein als meine eher stille Reise bis dorthin. Lärm, Konflikte, Stress. Es ist ein heiliger und zugleich unheiliger Ort. Von daher war ich überrascht, dass ich inmitten des Chaos bei meiner Ankunft doch das Gefühl hatte heimzukommen. Das hatte ich nicht erwartet. Und als ich nach drei Monaten den Rückweg antrat, spürte ich auch ein bisschen Wehmut, Jerusalem zu verlassen.

BZ: Eine Pilgerreise ist immer auch eine Reise zu sich selbst. Was haben Sie dabei über sich erfahren?
Schwarz: Dass mein Weg noch ein weiter ist.

BZ: Inwieweit hat diese Reise Ihr heutiges Leben beeinflusst?
Schwarz: Wenn man 15 Monate unterwegs ist, empfindet man eine Reise weniger als Wendepunkt oder als Zäsur. Das Leben zu Fuß fließt einfach in die Biografie ein. Es hat mich sicher verändert, aber 15 Monate zuhause hätten mich wohl auch verändert.

BZ: Sie leben sehr zurückgezogen – ist das ein Ergebnis dieser Zeit, in der Sie allein unterwegs waren?
Schwarz: Ich bin dankbar, aktuell viel Zeit in einer Einsiedelei verbringen zu dürfen. Aber dies ist keine neue Entwicklung. Ich bin zwar gerne unter Leuten, aber schon seit meiner Jugend auch viel allein unterwegs. Stille ist mir wichtig. Lärm richtet mich zugrunde.

BZ: War es für Sie schwierig, wieder sesshaft zu werden? Und planen Sie schon die nächste Tour?
Schwarz: Jerusalem war nicht mein erster langer Pilgerweg und auch nicht der letzte. Erst letzten Sommer bin ich 4300 Kilometer über die Alpen gepilgert, um die Geschichten der Wallfahrtsorte und Klöster in den Bergen zu entdecken und in einem neuen Buch zu erzählen. Ideen für die Zukunft gibt es, aber wenn es nicht sein soll, ist es auch gut. Denn für den eigentlich wichtigen Weg im Leben braucht man keine Wanderschuhe.
Zur Person

Johannes Maria Schwarz (Jahrgang 1978) wuchs in der Nähe von Linz auf, studierte Theologie in der österreichischen Kartause Gaming. 2004 wurde er Priester und übt seinen Beruf im Erzbistum Vaduz aus.