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10. Oktober 2009

EIN BUCHLADENREPORT: "Gäbe es Nordkorea nicht, sähen wir alt aus"

In China erleben Buchläden eine Renaissance: Sie bieten der kritischen Internetgemeinde Gelegenheit, sich auch in der Wirklichkeit zu treffen / Von Bernhard Bartsch

  1. Mutter Courage: Ladengründerin Liu, Gemahl Foto: Bartsch

Neulich wurde wieder viel gelacht. Es war Samstagnachmittag und Yang Jishen (70) hatte gerade aus "Grabstein" gelesen, einem schonungslosen Bericht über die Hungersnöte der Mao-Zeit. "Ihr Vortrag frustriert mich", meldete sich ein junger Mann. "Ich bin Journalist in der Provinz und darf immer nur gute Nachrichten schreiben, nie die Wahrheit." – "Geduld, junger Mann, Ihre Zeit wird kommen", entgegnete Yang. "Ich habe mein Leben lang bei der Nachrichtenagentur Xinhua gearbeitet und in dieser Zeit höchstens drei anständige Texte schreiben können. Aber seit ich im Ruhestand bin, kann ich machen, was ich will. Freuen Sie sich also aufs Alter."

Der schwarze Humor ist typisch für die Samstagnachmittage im Sanwei-Buchladen, einem grauen Backsteinhaus nahe dem Pekinger Regierungsviertel. Hunderte Besucher drängen sich dann hier, manchmal stehen sie sogar noch auf der Treppe. Doch man kann die Lesungen später auch im Internet herunterladen. Dort kursieren auch die meisten Bücher, über die hier gesprochen wird und die es im Laden nicht zu kaufen gibt, weil Titel wie Yangs "Grabstein" in China auf dem Index stehen.

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Gesprochen wird über sie trotzdem. Denn in China erlebt die alte Buchladenkultur eine Renaissance. Schon vor hundert Jahren, als das Kaiserreich zerfiel und China seinen Weg in die Moderne suchte, waren Buchhandlungen wichtiger Umschlagplatz für Reform- und Revolutionsideen. Die Kommunisten der ersten Generation bezogen dort das Rüstzeug für ihren Ehrgeiz, auch Mao, der als Gehilfe der Pekinger Universitätsbibliothek seine ersten marxistischen Denkübungen machte. Da die Partei die Macht des Wortes kennt, versucht sie bis heute Debatten zu steuern und stutzen, doch Meinungsfreiheit findet trotzdem Nischen. Wichtigstes Forum ist das Internet, aber die Intellektuellen kommen auch in die Buchläden, wo man sich in angeschlossenen Teehäusern ohne Aufsehen treffen kann.

Manche betonen, dass sie sich mehr als Treffpunkte denn als Buchvertriebe sehen. Andere existieren nur, weil sie reiche Liebhaber haben. So wie Sanwei, der 1988 als erster privater Buchladen seine Tore öffnete. "Wir waren damals die erste Pekinger Buchhandlung, in der Kunden nach Lust und Laune lesen durften, ohne zum Kauf verpflichtet zu sein", sagt Gründerin Liu Yuansheng. Die 72-Jährige galt unter Mao zwei Jahrzehnte lang als Revisionistin, ihr Mann saß sieben Jahre im Gefängnis. "Als die Reformzeit anfing, hatten wir die erste Hälfte unseres Lebens schon verschwendet, weswegen wir umso mehr versuchen wollten, in der zweiten Hälfte noch etwas Sinnvolles zu tun. Viele sagen uns, dass wir sehr mutig seien", sagt Liu. "Aber uns interessiert nur die Wahrheit, und es sollte eigentlich kein Mut nötig sein, diese offen auszusprechen."

Allerdings sind dies nicht nur Orte für couragierte Alte. Den Großteil machen junge Akademiker und Journalisten aus. Auch Dissidentenprominenz lässt sich regelmäßig blicken, etwa die Bloggerin Zeng Jinyan, deren Mann Hu Jia wegen seiner Demokratieappelle in Haft sitzt. Superstar der jungen Vordenkerszene ist allerdings der 27-jährige Han Han, der gleichzeitig als Autorennfahrer, Herzensbrecher und Autor Karriere gemacht hat und einen der meistgelesenen Blogs des Landes schreibt. "Ich versuche, immer an die Grenze zu gehen und sie jedes Mal ein bisschen weiter hinauszuschieben", sagt Han. "Ich habe das Glück, schon seit einigen Jahren berühmt zu sein, weshalb ich mir mehr erlauben kann als viele andere. Heute sind viele Chinesen stolz darauf, dass es bis uns schon viel besser ist als in Nordkorea, aber wenn es Nordkorea nicht gäbe, sähen wir ganz schön alt aus."

Das kommt bei Chinas jungen Intellektuellen gut an, allerdings nur bei denen, die sich von der Partei nicht ins Dickicht nationalistischer Parolen locken lassen. Letztere sind in China zweifellos in der Mehrheit – und das Buchladenkonzept hat auch die Regimetreuen überzeugt, so dass sie inzwischen ihre eigenen Treffpunkte betreiben. Etwa das Buch-Café Utopia im Pekinger Universitätsviertel Haidian. Hier versammelt sich die "Neue Linke", die der alten Linken näher steht, als man zugeben will. Buchauswahl und Programm sind auf Revolutionsromantiker und Mao-Nostalgiker zugeschnitten. "Maos militärische Gedanken sind für immer die unbesiegbare Flagge unserer Armee", ist etwa das Motto des Vortrags, mit dem kürzlich Mei Qiyi, ein pensionierter General, 250 Zuhörer in Bann zog. Darin erging er sich zwei Stunden lang in Schlachtenbeschreibungen des Strickmusters: Kommunistische Truppen werden von bösen Kräften in aussichtslose Lage manövriert, dann erscheint Mao, sagt Sachen wie "Siege werden nicht mit Waffen, sondern mit dem Herz entschieden" und der Sieg ist sicher. Die Zuhörer – älter und ärmer als die Sanwei-Besucher – geben Szenenapplaus.

In den Regalen hier stehen neben marxistischen Klassikern und Mao-Bänden auch Manifeste des neuen, trotzigen chinesischen Selbstbewusstseins. Etwa das Buch "Währungskrieg", in dem eine angebliche antichinesische Verschwörung des internationalen Großkapitals aufgedeckt wird. Oder der neue Bestseller "China ist nicht glücklich", der das Land auffordert, die Ursache seiner Probleme im Ausland zu suchen. Auch verkauft sich hier "Großlandliteratur" bestens, die China an alte Stärke erinnern soll.

So schwärmt Bildungsfunktionär Zhu vom China der Tang-Dynastie. Leider habe das Land seither an Selbstbewusstsein verloren. "Damals hat China die klügsten Köpfe des Planeten angezogen", sagt Zhu, "und aus aller Welt kamen Frauen, um mit chinesischen Männern zu schlafen, weil das ihr größter Traum war." Zhu verrät damit wohl mehr über eigene Träume als über Chinas Geschichte. Doch bei den Massen kommt das gut an.

Autor: / Von Bernhard Bartsch