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30. Dezember 2010
Ein Erinnerungsort
Internationale Wissenschaftler nutzen das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen als Quellensammlung.
"Ich bin gerade in Indien. Es ist heiß, 30 Grad!", sagt Georg Voss und lächelt. Natürlich ist der ehrenamtliche Mitarbeiter des Deutschen Tagebucharchivs (DTA) nicht in Indien. Er sitzt an einem Schreibtisch des DTA im winterlichen Emmendingen und vertieft sich in eine mit einer – für ungeübte Augen – ziemlich unleserlichen Handschrift gefüllten Kladde. Das Indien-Heft ist eines von 16 Tagebüchern, das eine 1925 geborene Frau verfasst hat. Sie ist in ihrem Leben viel herumgekommen – und hat ihre Reiseerlebnisse, aber auch Besuche in Museen und Theatern, akribisch aufgezeichnet und durch Originalbelege etwa von Rechnungen und Speisekarten sowie privaten Schwarz-Weiß-Fotos ergänzt. Weil die Dame ihr Tagebuch dem Archiv überlassen hat, kann Voss nun an ihrem Leben teilhaben – doch eigentliches Bestreben ist es, anderen Menschen diese Gelegenheit zu geben. Für das DTA lesen rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter aus ganz Deutschland Tagebücher, Briefe oder Erinnerungen, um sie wissenschaftlich Recherchierenden zugänglich zu machen.
"Das war von Anfang an das Ziel des Tagebucharchivs: dass die eingesandten Dokumente als Quellen für die Geschichts- und Kulturforschung nicht mehr verloren gehen", berichtet Frauke von Troschke, die die Einrichtung vor fast 13 Jahren gründete. Bevor ein Historiker, Sozialwissenschaftler, Volkskundler oder Theologe, ein Studierender oder ein Journalist auf eine solche Quelle der Alltagsgeschichte zurückgreifen kann, muss das Dokument nicht nur gelesen – und das heißt eben manchmal auch: entziffert – werden. Es wird kopiert, die Kopie wird gebunden und mit einer Signatur versehen. Nun folgt die inhaltliche Arbeit – Zeit, Ort, Verfassername und Inhaltsstichworte werden vergeben. Der mit diesen Informationen bestückte handschriftliche Erfassungsbogen wird in eine eigens für das DTA aufgebaute Datenbank in den Computer übertragen. Bis zu einem halben Jahr kann diese Arbeit dauern. Frauke Vrba ist als pensionierte Bibliothekarin den Umgang mit solchen strukturierten Informationen gewöhnt und hat im Tagebucharchiv eine Aufgabe gefunden, die ihrer Kompetenz entspricht: Sie überträgt die Daten in die Datenbank "Allegro" und macht sie damit zu Erinnerungsorten. Mittlerweile verfügt das DTA über rund 9000 sogenannte Ego-Dokumente, die alle solcherart aufgearbeitet werden. "Ein Schatz", sagt von Troschke, die die Arbeit auch als "eine politisch wichtige Aufgabe" bezeichnet – zumal die Einrichtung in Emmendingen bundesweit einmalig sei.
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Drei bis vier Rechercheanfragen aus Deutschland, aber auch Großbritannien, USA, Japan, schätzt Mitarbeiterin Jutta Jäger-Schenk, erreichten das DTA pro Woche telefonisch oder per mail. Sie bemüht sich, die Anfrage zeitnah zu beantworten. "Je unkonkreter die Anfrage, desto mehr Zeit brauchen wir natürlich", sagt sie. Ein Blick in die vom DTA geführte Statistik gibt einen Einblick, wie breit gefächert das Interesse der Wissenschaftler ist: Geforscht wurde in den vergangenen zwölf Monaten etwa zu folgenden Themen: "Reiseaufzeichnungen wandernder Handwerksgesellen", "Entwicklungstendenzen jugendsprachlicher Sprechweisen von 1950 bis heute", "Kindheit und Jugend während der NS-Zeit in Freiburg", "Belagerung von Leningrad 1941 bis 1944" oder "Psychotherapie und Psychoanalyse in Tagebüchern".
Wenn ein Wissenschaftler vom DTA erfahren hat, dass zu seinem Thema Quellen in Emmendingen vorliegen, lässt er sich entweder Kopien schicken oder kommt selber in die Stadt, um vor Ort zu recherchieren. "Viele nehmen sich ein Hotel und bleiben zwei, drei Tage oder auch eine Woche, um hier zu arbeiten", erläutert Jäger-Schenk. Wie die Leipziger Wissenschaftler Jan Scheunemann und Annekathrin Waitzmann. Sie suchten Dokumente zum Thema: "Erwartungen und Projektionen. Die deutsche Einheit in Tagebüchern". Ihr Fazit nach einigen Tagen Emmendingen: "Wir sind überrascht, wie reichhaltig der DTA-Bestand ist, und hatten die außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen nicht erwartet." Ruhige Arbeitsplätze sind seit dem Umzug des DTA im Frühjahr in das oberste Stock des historischen Rathauses in Emmendingen endlich keine Mangelware mehr. Häufig bekommen die Mitarbeiter des DTA auch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeiten zu sehen – in Form von Doktorarbeiten oder auch Büchern.
Für die Recherchearbeit erhält das Archiv einen kleinen Obolus, der sich an dem orientiert, was Wissenschaftler auch bei anderen Archiven zahlen. Reich wird das Archiv damit nicht – laut Frauke von Troschke kann das DTA, das ein gemeinnütziger Verein ist und einen Haushalt von jährlich 100 000 Euro eigenverantwortlich verwaltet, nur dank der Mithilfe seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter und rund 600 Mitglieder und Freunde existieren. Es erhält über die jährlichen Zuwendungen der Stadt Emmendingen und des Regierungspräsidiums Freiburg hinaus keine institutionelle Förderung und ist auf weitere Unterstützung angewiesen.
Autor: Heidi Ossenberg
