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24. August 2009
Eine meterlange Säule aus Schallplatten
XVI. Rohkunstbau: Zehn zeitgenössische Künstler aus Deutschland und Osteuropa zeigen ihre Werke im Potsdamer Schloss Marquardt
Ferien? Ein verlängertes Wochenende in Berlin? Dann lohnt sich ein Ausflug nach Potsdam in das altehrwürdige Schloss Marquardt. Bis zum 13. September sind dort Arbeiten zehn hochkarätiger zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und Osteuropa wie Dennis Feddersen, Martin Assig oder Thomas Scheibitz zu sehen. Sie haben sich unter der künstlerischen Leitung von Arvid Boellert und kuratiert von Marc Gisbourne vom antiken Mythos des sagenhaften Inselreichs Atlantis inspirieren lassen: Die Bewohner dieser Insel der Glücklichen, so heißt es, hätten in Einklang mit den Göttern gelebt. Doch als sie zu gierig und eroberungsfreudig geworden seien, soll die Insel in Folge einer Naturkatastrophe innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht untergegangen sein.
20 Jahre nach dem Fall der Mauer zwischen Westdeutschland und DDR, die ebenfalls einmal eine Idealgesellschaft schaffen wollte, hat sich nun die 16. "Rohkunstbau"-Ausstellung für ortsbezogene zeitgenössische Kunst auf die Suche nach Verschollenem gemacht. Die Kunstschaffenden setzen sich unter dem Motto "Hidden Histories – New Identities" (verborgene Geschichten – neue Identitäten) mit der Frage nach der praktischen Bewährung des idealen Staates, wie ihn Platon in seinen Dialogen erwähnt, auseinander – mit Fotos, Skulpturen, Installationen und Filmen.
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Da begegnen sich zwischen Stofftapeten, abblätternder Farbe und dunkler Holzvertäfelung Mythos und Realität in diesem von einem großen, gewachsenen Park umgebenen Schloss, wo, konserviert in einem Nach-Wende-Zustand, Ost-Patina aus Linoleum auf braun gestrichene Wände mit eichenvertäfeltem Prunk des 18. Jahrhunderts trifft. Die Frage nach idealen Gesellschaftsmodellen können die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler selbst nicht unmittelbar beantworten. Aber wenn etwa der in Berlin lebende Gregor Hildebrandt einen gehäkelten Bodenteppich aus schwarzen Tonbändern und eine meterlange Säule aus Schallplatten zeigt, bietet er mit der Verfremdung der inzwischen im Alltag weitgehend verschwundenen Materialien eine Erinnerung an eine untergegangene – und oft genug auch idealisierte – Ära an.
Die "Doppelsäule" des in Radeberg geborenen Thomas Scheibitz versteht dieser als zeitgenössische Antwort auf die Poseidon-Statue, die im Zentrum von Atlantis gestanden und auf der die Rechtsordnung des Staates eingraviert gewesen sein soll – ein "privates Atlantis" des Künstlers, für den eine ideale Welt nur durch Kunst erschaffen werden kann.
Šejla Kameric hat während des Bosnienkriegs mehrere Jahre in einem von Scharfschützen umgebenen Haus in Sarajewo gelebt, das sie kaum verlassen konnte. Ihre melancholischen schwarz-weißen Fotografien im zweiten Stock des Schlosses zeigen Landschaftsaufnahmen und Innenräume, die mit ihren poetischen Visionen einer utopischen, friedvollen Welt aus einem Paralleluniversum voller Geborgenheit zu kommen scheinen. Deimantas Narkevicˇius aus Litauen will mit seiner Hommage an den Science-Fiction-Roman "Solaris" seinem Publikum das "Atlantis der Zukunft" vorführen. Die aus Polen stammende Künstlerin Katarzyna Kozyra beschäftigt sich in ihrem Film mit dem Zusammentreffen von weiblichen Zwergen und einem Transvestiten – die Begegnung zweier Welten, die in einem Blutbad endet. Auf der Suche nach Orientierung ist eine Frau, die in einem Filmbeitrag von Lisa Junghanß im Schloss Marquardt umherirrt, das in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zunächst als Hotel diente, dann enteignet und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee beschlagnahmt wurde. Die DDR nutzte den Schlosspark für Agrarprojekte und nach der Wende erwarb eine Münchner Immobiliengesellschaft das Anwesen von der Treuhand-Liegenschafts-Gesellschaft.
Martin Assig formt, verdrahtet und mixt Farbpigmente mit flüssigem Wachs. Damit überzieht er Fundstücke oder selbst gebaute hermetisch versiegelte Architekturmodelle, Haus- und Kirchenskulpturen, in denen seine "Seinsfragen" hausen, im Wissen um die Heimatlosigkeit menschlichen Bewusstseins.
Die Idealgesellschaft, die die sozialistisch-kommunistische Staatsidee ursprünglich schaffen sollte, ist in der Form des real-existierenden Sozialismus der DDR gescheitert – was spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer offensichtlich wurde. Was es bedeutet haben mag, in der Idee einer Idealgesellschaft wie etwa der DDR gefangen und hinter einem Steinwall eingeschlossen zu sein, thematisiert der tschechische Künstler Robert Barta in seinem Ausstellungsbeitrag "deposit". Kaum betritt man den von ihm gestalteten Raum, beginnt es hinter einer gepanzerten Tür heftig zu klopfen, zu rufen. Die Schläge bringen das Türblatt in Schwingung. Ist hier wirklich jemand eingesperrt? Gehört das zum künstlerischen Konzept? Manche Besucher versuchen die Tür zu öffnen und merken, dass ihre Hilflosigkeit Teil des Kunstwerks ist, aber dennoch Unbehagen auslöst. Wie die Installation schwarz-glänzender Kunststoffwülste von Dennis Feddersen, die sich durch einen Seitengang wälzen, Stühle und Tische mit sich schleppend, durch Schnüre nur unzureichend gebändigt, den Weg bedrohlich verengen. Beides Situationen, denen viele Besucher rasch entfliehen. Dann entlässt sie das Marquardter Schloss – mit seinem schönen Park auf leichter Anhöhe über dem Schlänitzsee gelegen – in ein Naturidyll mit Badesee, wo die Zeit still zu stehen scheint und eine besänftigende Ruhe sie tröstet.
"Rohkunstbau" ist mit "Atlantis. Hidden stories – New Identities" Teil eines europaweiten Netzwerks mit Veranstaltungspartnern in Griechenland, Bulgarien, der Slowakei und Italien nebst einer Plattform zur Biennale in Venedig. In diesem Jahr wurden die egalitären Ideen des Aristoteles in den Blick genommen, 2010 werden es mit Atlantis II die elitären Staatsideen eines Platon sein.
"XVI. Rohkunstbau", bis 13. September, Do und Fr 14–19 Uhr; Sa und So 12–19 Uhr, Schloss Marquardt, Hauptstraße 14, Potsdam. http://www.rohkunstbau.de
Autor: Mechthild Blum
