Literatur

Hasbúns Roman "Die Affekte" über Hans und Monika Ertl

Martin Halter

Von Martin Halter

Sa, 28. Oktober 2017 um 00:00 Uhr

Kultur

Der zweite Roman von Rodrigo Hasbún erscheint auf Deutsch. "Die Affekte" handelt vom Leben von Monika und Hans Ertl, will aber weder Abenteuerroman noch Familienbiografie sein.

Hans Ertl (1908-2000), Bergsteiger, Kameramann von Leni Riefenstahl und Luis Trenker und Kriegsfotograf, wanderte, wie so mancher belastete Deutsche, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika aus. Für Ertl war es weniger eine Flucht vor der Vergangenheit als ein Aufbruch zu neuen Ufern: In Bolivien wollte er sich als Kino-Konquistador neu erfinden. Besessen von der Idee, die verschollene Inkastadt Paititi zu entdecken, brach er immer wieder zu Expeditionen in den Urwald auf; oft begleitet von seiner ältesten Tochter, die seinen Mut und Abenteurergeist, aber auch seine heillose Rücksichtslosigkeit und Sturheit geerbt hatte.

Jahre später ging Monika Ertl, Kampfname: "La Gringa", als Guerillakriegerin in den Untergrund und wurde als "Rächerin Che Guevaras" selber zur Legende. 1971 tötete sie in Hamburg den Geheimdienstoffizier, der Ches Leiche geschändet haben soll; zwei Jahre später wurde sie von bolivianischen Militärs erschossen. "Sie starb wie Che Guevara", heißt eine Biografie über sie.

Das sind die Fakten, die das Verständnis dieses schmalen, hochkonzentrierten Romans erleichtern, aber nichts mit seiner literarischen Qualität zu tun haben. Rodrigo Hasbún, 1981 in Palästina geboren und derzeit als einer der aufregendsten Autoren der jungen lateinamerikanischen Literatur gefeiert, schrieb seine Doktorarbeit nicht umsonst über Schriftsteller-Tagebücher als Instrument und Widerpart literarischer Wahrheitsfindung: Das Spiel mit den Maskeraden und Konstruktionen der Identität ist sein Geschäft. Sein zweiter Roman ist weder ein nostalgieseliger politischer Abenteuerroman noch eine Familienbiografie, sondern vor allem ein intimes Kammerspiel, atmosphärisch dicht und lakonisch unterkühlt erzählt und von Christian Hansen glänzend übersetzt.

Die Geschichte einer Entfremdung zwischen Vater und Tochter

Es besteht vor allem aus Bildern, Skizzen, Momentaufnahmen und gleicht darin eher einem von Hans Ertls unvollendeten Dokumentarfilmen über vom Aussterben bedrohte Indianerstämme als einem klassisch-chronologischen Roman. Erinnerungen lassen sich nicht dauerhaft fixieren: Sie sind der Spiegel, in dem wir uns umso fremder werden, je genauer wir hinschauen. "Es stimmt nicht, dass die Erinnerung ein sicherer Ort ist. Auch dort werden Dinge unkenntlich gemacht und gehen verloren. Auch dort entfernen wir uns am Ende von den Menschen, die wir am meisten lieben".

"Die Affekte" ist die Geschichte einer Entfremdung zwischen Vater und Tochter. Während der – namenlose – Vater, gescheitert als Filmemacher und Geschäftsmann, sich verbittert auf seine abgelegene Farm zurückzieht, geht seine Lieblingstochter den umgekehrten Weg. Monika verlässt ihren Mann, einen reichen, homosexuellen Deutschbolivianer, und tauscht die hohle Welt der Partys und Wohltätigkeitsbasare gegen das gefährliche Leben einer steckbrieflich gejagten Revolutionärin ein. Hasbún romantisiert Monika nie zum linken Racheengel, und so wenig wie er die kalten, hässlichen Seiten der fanatischen Ideologin unterschlägt, macht er aus ihrem Vater einen Indiana Jones aus Bayern.

Er betrügt seine Frau, vernachlässigt seine Kinder und brennt in seiner Künstlerwut den Urwald nieder, um spektakuläre Bilder zu bekommen: Wie seine Lehrmeisterin Riefenstahl liebt er die abstrakte "Schönheit" mehr als die Menschen. Der Vater ist der verbohrte Egozentriker, der Orte entdecken will, "von denen selbst Gott sich abgewandt hat", und zumindest darin folgt ihm seine Tochter gehorsam. "Wir sahen aus wie Soldaten auf der Suche nach einem Krieg", schreibt sie über eine Expedition durch die Nebelwälder der Anden, "wie interplanetarische Wesen".

Hasbún, als arabischstämmiger Bolivianer selber nicht ohne Fremdheits- und Verlusterfahrungen, entfaltet auf engstem Raum eine beunruhigend große Welt von Affekten und Ressentiments, sozialen und sexuellen Spannungen. Neben den Töchtern kommen auch deren Geliebte, Ehemänner oder der skeptische Schwager Reinhard zu Wort, aber nie die Eltern. Der Vater ist der große Abwesende, die Projektionsfläche für innerfamiliäre Affekte, seine feinsinnige Frau geht in ihrer Mutterrolle auf. Auch Monikas Schwestern haben nichts von Vaters Rebellengeist: Heidi tröstet sich in München mit vier Kindern und bürgerlicher Reputation über ihre gescheiterte Ehe hinweg; die pummelige Trixi hadert mit ihrem Körper und kann nicht mit dem Rauchen aufhören.

Eine große Welt auf engstem Raum

In einer Vorbemerkung versichert Hasbún, er habe kein getreues Abbild der Familie Ertl beabsichtigt, und das darf man ihm glauben. Er hat alles über den berühmten Vater und die noch berühmtere Tochter gelesen, aber er interessiert sich weniger für ihre Schand- und Heldentaten als für jene – vermutlich erfundenen – undramatischen Erlebnisse, von denen es weder Zeitungsmeldungen noch Tagebuchaufzeichnungen gibt: die erste Zigarette, die verpatzte Hochzeitsnacht, die Rivalität der Schwestern. So wird aus einer deutsch-bolivianischen Familiengeschichte der Nachkriegszeit ein ganz und gar zeitgenössisches Stück Literatur.

Rodrigo Hasbún: Die Affekte. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 144 Seiten, 18 Euro.