20 Jahre Google

Ich google, also bin ich? Eine Suchmaschine verändert die Welt – nicht nur zum Besseren

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 03. September 2018 um 19:50 Uhr

Kultur

Das Verb "googeln" ist aus der deutschen Sprache nicht mehr wegzudenken. Am 4. September 1998 wurde Google als Unternehmen registriert. Seine Suchmaschine hat die Welt verändert.

Es war einmal. Es war einmal eine Welt, in der alles Wissen gesammelt wurde, indem man es verschriftlichte und dann archivierte. In ganz frühen Zeiten auf blankem Stein, Steintafeln, danach auf Pergament. Nach der Erfindung des Papiers und vor allem des Buchdrucks wurde es leichter, Wissen in großen Mengen anzusammeln – Bibliotheken und Archive wurden zum staubbedeckten Gedächtnis der Menschheit auf Regalen. Wer etwas wissen wollte, suchte sie auf, zog sich dort oft tagelang zurück, um sich von Quelle zu Quelle durchzuarbeiten.

Nun, es gibt sie noch, diese Art der Recherche, und gerade wer sich in frühe Zeiten und Zeitalter hineinarbeitet, kommt gar nicht umhin, in Jahrhunderte alten, raren Büchern, Inkunabeln oder Handschriften zu forschen. Für alle anderen Fragen des Nachfragens und Nachforschens aber gibt es Google...

Als am 4. September 1998 Google als Unternehmen registriert wurde, ahnte wohl kaum jemand, dass dieser Name, der wohl in dem amerikanischen Googol fußt – eine Eins mit 100 Nullen –, als Verb weltweit Karriere machen würde. "Googeln", schreibt der Duden, heißt "mit Google im Internet suchen". Dabei gibt es auch andere Suchmaschinen im Internet – und gab es schon vor Google. Aber niemand käme auf die Idee zu sagen: Ich binge. Ich google, also bin ich.

Zu viel Macht in zu

wenigen Händen ist nie gut

Der kalifornische Konzern, der längst auch auf anderen Geschäftsfeldern reüssiert, ist zum Synonym für die Internetrecherche geworden. Und diese hat viele Lebensbereiche – vom Beruf bis hinein in die Freizeit – deutlich verändert. Wissen ist durch die Verbindung mit Algorithmen in vielen Bereichen noch freier abrufbar als je zuvor; vorausgesetzt man verfügt über die entsprechende Hardware und einen Internetzugang. Dann lassen sich viele Fragen in wenigen Sekunden beantworten. Fragen, bei denen einen früher mitunter auch die beste Enzyklopädie im Regen hätte stehen lassen. Weil sie allenfalls im Turnus von mindestens einem Jahrzehnt wieder aktualisiert werden konnte.

So muss heute auf der Party keine Frage mehr im Raum stehen bleiben: Sag mal, wie heißt noch mal die Frau von dem Regisseur, der diesen besonderen Film gedreht hat...? Google weiß Rat und findet einen Namen. Wissen ist demokratisiert worden. Und auch in vielen Bereichen transparenter. Ohne die Existenz von Suchmaschinen wäre manches Plagiat nicht aufgedeckt worden. Und ohne die Internetrecherche wäre es für Verbraucher viel schwieriger, Informationen über Produkte einzuholen beziehungsweise auf deren Existenz überhaupt aufmerksam zu werden. Alles dank der Omnipräsenz des Mediums Suchmaschine.

Die Welt ist eine andere geworden durch Google & Co., und wenn man die vorausgegangenen Gedanken resümiert, möchte man meinen: eine durchweg bessere. Aber ungeachtet der Tatsache, dass manch aktuelles Problem, manch aktueller Konflikt auch ohne die digitale Welt entstanden wären, gibt die Macht der Suchmaschinen und des Megakonzerns Google Anlass zu unterschiedlichster Sorge. Zuvörderst: Zu viel Macht – und technologisches Wissen – in zu wenigen Händen ist nie gut. Die Datenmengen, über die Google und seine Subunternehmen verfügen, sind so gewaltig und reichen in solch empfindliche Bereiche, dass die größten Bibliotheken klein dagegen aussehen. Denn da geht es nicht "nur" um Wissenschaft, um das Wissen, das die Evolution von Kultur ermöglicht und beschleunigt hat. Da geht es vor allem auch um zerstörerisches, manipulatives Wissen, das tief in die Individuen hineinleuchtet, das den Menschen gläsern macht. Und zutiefst verletzbar.

Und gerade weil die Mechanismen des Suchens im Internet so einfach sind, verleiten sie den Rechercheur, der längst zum User geworden ist, zum Hinterlassen seiner digitalen Fingerabdrücke. Sie verleiten ihn aber auch noch zu einer anderen Form von Unvorsichtigkeit: zur Kritiklosigkeit. Quellen müssen nicht "wahr" sein, nur weil sie von Google aufgespürt werden. So wie nicht alles richtig ist, was schwarz auf weiß gedruckt auf einem Printmedium steht, so verhält es sich noch mehr mit dem World Wide Web. Oft genug lassen sich nicht mal die Urheber verifizieren; wo es etwa am Korrektiv einer Redaktion fehlt, wie bei der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ist die Verbreitung von (Un-)Wissen fahrlässig.

Noch größer indes ist die Fahrlässigkeit der User, die keine ihrer im Netz gewonnenen Informationen gegenchecken. Damit einher geht die wohl größte prozessuale Veränderung: der Glaube, weil alles Wissen in Sekundenschnelle online abrufbar sei, müsse man es nicht mehr verinnerlichen. Ein Klick – und ein Fenster mit der gewünschten Information öffnet sich. Vorsicht: Jede Information wird erst sinnvoll und wertvoll, wenn man sie in ihrem Kontext versteht. Ein Windowsfenster allein vermittelt noch keine Zusammenhänge. Ergo: Ich bin nicht, weil ich google. Sondern noch immer, weil ich denke. 20 Jahre Google sollten ein guter Anlass sein, darüber zu reflektieren, wie viel der mündige Mensch von seiner Autonomie an das Internet abgeben will.