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14. Juli 2012

"Ich liebe dieses Festival"

BZ-INTERVIEW mit Bobby McFerrin, der bei "Stimmen" auftritt.

  1. Bobby McFerrin dieser Tage in Warschau Foto: dpa

LÖRRACH. Kein Künstler war häufiger bei "Stimmen" als Bobby McFerrin. Das spiegelt auch die besondere Beziehung zwischen "Stimmen"-Chef Helmut Bürgel und dem US-amerikanischen Sänger und Improvisateur, in dem Bürgel nicht zuletzt einen modernen Vertreter einer Orpheus-Gestalt sieht. Ist es da ein Wunder, dass McFerrin zum Festival kommt, das sich diesem Mythos widmet. Michael Baas hat ihn dazu befragt und das auch vor dem Hintergrund, dass Helmut Bürgel seine "Stimmen" nun abgibt.



BZ:
Mr. McFerrin, Sie sind regelmäßig Gast bei "Stimmen" – was lockt Sie immer wieder zu diesem Festival?
McFerrin: Es ist offensichtlich, dass ich es liebe zu singen; genauso mag ich es aber auch, gemeinsam zu singen. Vermutlich ist nicht so bekannt, dass ich in einem Haus des Gesangs aufgewachsen bin. Mein Vater war der erste Afroamerikaner, der einen Vertrag mit der Metropolitan Oper hatte; meine Mutter war Solistin unserer Kirche. Beide unterrichteten zu Hause und unsere Familie hat immer gemeinsam gesungen. Es war ein ständiges ‘Stimmen’-Festival in unserem Haus! Im Laufe der Jahre habe ich dann erkannte, dass die für mich emotional wichtigsten Momente der Konzerte die waren, wo das Publikum singt. Mich treibt nicht primär der Drang nach musikalischer Virtuosität an oder der nach dem Lob der Kritiker, vielmehr bewegt es mich, Menschen Freude am Singen zu vermitteln. Deshalb liebe ich dies Festival so. Es scheint, als wären wir füreinander geschaffen.

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BZ: 2007 waren Sie mit Voicestra bei "Stimmen", 2009 mit der Oper "Bobble", 2010 mit dem Jazzchor Freiburg, nun kommen sie mit Web3, einer kleinen Formation. Was reizt Sie an der Besetzung?
McFerrin: Ich habe jede Show, jede Band geliebt und sie waren alle verschieden. Dass ich mit Web3 zu ‘Stimmen’ komme, macht mich sehr glücklich. Das sind tolle Musiker, jeder mit speziellen Gaben und einem Gespür für das Publikum und sie sind Gründungsmitglieder von Voicestra. Wir kennen uns den Großteil meines Erwachsenendaseins; sie haben meine Kinder aufwachsen sehen. Wir sind eine Familie und das ist auf der Bühne zu spüren.

BZ: Dieser Tage waren Sie auch mit Chick Corea im Duo unterwegs, unlängst erst in Montreux. Warum kommen Sie mit ihm nicht nach Lörrach?
McFerrin: Wir hatten eine fantastische Tour und es war unglaublich, die langjährige Zusammenarbeit wiederzubeleben und zu erleben, was sich da im Lauf der Zeit vertieft hat an Ansätzen. Es hat sich für mich angefühlt wie Heimkommen. Andererseits können wir uns immer noch überraschen. Aber unsere Terminkalender machen es schwierig, diese Konzerte anzusetzen. Dieses Jahr gab es gerade zwei Wochen dafür und die waren nicht mit dem Festival vereinbar. Aber ich bin darüber nicht wirklich traurig; der Auftritt mit Web3 ist genau richtig für ‘Stimmen’.

BZ: Ihre Auftritte sind sehr zugewandt, binden das Publikum stark ein. Welche Überlegung steckt hinter dem Vorgehen?

McFerrin: Zunächst kommt das Publikum zu mir. Ich arbeite nicht auf Basis einer Theorie oder Pädagogik. Ich bin auf der Bühne, um zu singen und es gibt ein Publikum, Menschen, die alle ihre Stimme haben. Da scheint es mir natürlich, diese dazu einzuladen, diese zu gebrauchen. Es ändert sich alles, wenn Menschen anfangen gemeinsam zu singen und zu lachen. Meine Hoffnung ist, dass jeder aus meinen Konzerten etwas von der Freude und Freiheit mitnimmt, die ich fühle, wenn ich singe und am nächsten Morgen seine silly songs beim Frühstück oder dem Weg zur Arbeit summt.

BZ: Bekannt und populär wurden Sie Ende der 80er-Jahre mit "Don’t worry, be happy!", einer Art Hymne der Spaßgesellschaft. Können Sie sich mit diesem Song heute noch identifizieren?

McFerrin: Ich bin dankbar, dass dieses Lied so viele Menschen berührt hat. Ich habe nie erwartet, dass das ein Hit wird. Aber ich hatte nie vor, eine Hymne der Funsociety zu schreiben. Ich wollte überhaupt keine Hymne schreiben! Wir waren damals im Studio, hatten Spaß, scherzten, waren guter Stimmung. Ein Plakat an der Wand des Gurus Baba Meyer mit dem Motto: "Don’t worry, be happy!" inspirierte mich dabei auch und ich gab vor dieser Guru zu sein, der Ratschläge erteilt. Ich machte mich lustig darüber, wie lächerlich diese Aussage ist, wenn zum Beispiel der Vermieter droht, die Wohnung zu räumen . . . Andererseits machen wir die Sache oft noch schlimmer, wenn wir uns in Kummer und Sorgen steigern. Insofern ist das Lied ironisch und ernst zugleich. Aber es war keinesfalls ins Letzte durchdacht und wie oft, wenn ich improvisiere, übernehmen irgendwann die Melodien die Regie. Für mich ist "Don’t worry, be happy!" deshalb kein Song über Sorgen oder Sorgenlosigkeit, sondern übers Improvisieren und das hat viel mit dem zu tun, was ich auf der Bühne mache.

BZ: Wie würden Sie ihre musikalische Entwicklung beschreiben, gibt es für Sie da so etwas wie Marksteine?
McFerrin: Klar, es gab da einige Momente echter Offenbarung: Dazu gehört die Begegnung mit Miles Davis mit seiner Electric Band, das veränderte mich auf molekularer Ebene. Auch Herbie Hancock und die Mwandishi Band veränderten meine Einstellung zur Improvisation und Keith Jarretts Solo-CDs wirkten auf meine Ziele und Ideale. Dann gab’s auch so verrückte Momente, wie der als ich 27 Jahre alt war, die Straße entlangging, nachdem ich Klavier gespielt hatte für einen Tanzkurs, und verstand, dass ich in erster Linie ein Sänger bin. Die Momente waren wie eine Erleuchtung. Und dann gibt’s da noch weitere, auf anderen Ebenen wirkende Kräfte: der Einfluss meiner Eltern, die Kreativität meiner Managerin Linda, die Kameradschaft der Voicestra, die Zusammenarbeit mit Chick Corea …

BZ:
"Gesang ist mein Leben", haben Sie einmal gesagt. Welchen Stellenwert hat das Singen in Ihrem Leben?

McFerrin: Ich sage immer, dass Gott und meine Familie an erster Stelle stehen, dann kommen Humanität und Menschenrechte, dann erst kommt Musik. Aber die Wahrheit ist auch, dass Musik meine Art ist, zu beten und zu lieben. Es hängt alles miteinander zusammen.

BZ: Das Leitthema von "Stimmen" orientiert sich an der alten griechischen Sage von Orpheus und Eurydike. Haben Sie dazu eine Beziehung? Ist Orpheus für Sie auch der Archetyp moderner Sänger?

McFerrin: Ich gebe zu, dass ich das noch nicht so gesehen habe. Aber Archetypen sind mächtig und ich denke, meine Antwort ist ja. Diese Interpretation des Mythos erfasst ziemlich gut, was es heißt, Künstler zu sein.

BZ: Festivalleiter Helmut Bürgel ist ein besonderer Freund von Ihnen. Nach diesem Festival zieht er sich zurück von den "Stimmen". Was löst das in Ihnen aus?

McFerrin: Große Trauer und große Freude. Taurig bin ich, dass ein so fruchtbares Kapitel endet, aber ich weiß auch, dass Helmut Bürgel neue Projekte plant, und freue mich darauf. Zuvor aber hoffe ich, dass die letzten Seiten dieses Buches eine echte Feier werden, ein Dank für den Aufwand und die Ideen, mit denen Helmut Bürgel das Festival möglich gemacht hat.

– Konzert, Bobby McFerrin & Web3, Montag, 16. Juli, 20. 30 Uhr, Burghof Lörrach, Tickets 0761/4968888

Autor: alb