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27. August 2015

Impulsgeber sind die Eltern

Die aktuelle Studie "Jugend/Kunst/Erfahrung. Horizont 2015" befasst sich mit Kulturverständnis und -interessen von Schülerinnen und Schülern.

  1. Kennen Sie Verdi? Foto: dpa

Jugendliche an einer Eisdiele im Zentrum Freiburgs. Man könnte hingehen und fragen: Wer war Franz Kafka? Oder aber: Nennt eine Oper von Giuseppe Verdi! Was unterscheidet die, die es wissen, von denen, die keinen blassen Schimmer haben? Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes Allensbach von 2015 vor allem die Eltern. Hier kommt das böse Wort "bildungsferne Schichten" wieder ins Spiel.

Denn das kulturelle Wissen von Schülern der neunten und zehnten Klasse hängt eben stark von dem Elternhaus ab. 74 Prozent der Akademikerkinder behaupten, dass ihre Eltern maßgebend für ihr Interesse an Kultur im Allgemeinen sind; nur 33 Prozent der Arbeiter- und Angestelltenkinder behaupten dies. Diese Tatsache sei alarmierend, meint Eckart Liebau, Vorsitzender des Rates für Kulturelle Bildung und Herausgeber der Studie. Man fordere mit Nachdruck zum bildungs- und kulturpolitischen Handeln auf. Befragt wurden 532 Schüler der neunten und zehnten Klassen bundesweit. Davon 269 Mädchen und 263 Jungen. Die Befragung fand mündlich nach einem einheitlichen Fragebogen statt. Das Projektthema war Kultur.

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Zunächst stellt sich aber die Frage, was für die Jugendlichen überhaupt Kultur bedeutet: Bis zu 80 Prozent verstehen darunter lediglich Malerei, Theater und klassische Musik, nur etwa 20 Prozent auch Comics und YouTube. Zwar sind die Schulen für eine umfassende kulturelle Bildung verantwortlich – durch Musik- und Kunstunterricht – Schüler aus bildungsfernen Schichten können den Vorsprung ihrer Mitschüler aus Akademikerfamilien laut der Studie jedoch nicht mehr aufholen. Mädchen seien allgemein stärker an Kultur interessiert als Jungen: 69 Prozent der Mädchen halten Kultur für wichtig, hingegen nur 48 Prozent der Jungen. Eine Lehrerin für bildende Kunst aus Freiburg, die nicht namentlich genannt werden will, bestätigt die Ergebnisse der Studie: "Was das Wissen betrifft, ist es aus meiner Sicht so, dass Kinder bildungsferner Schichten weniger Wissen zum Beispiel über Kunstrichtungen, Künstler, aktuelle Ausstellungen haben." Das Elternhaus sei "selbstverständlich entscheidend". Die Eltern sind die Impulsgeber für das Interesse an kulturellem Wissen.

Ferner, so eine andere These der Studie, gibt es große Unterschiede zwischen Gymnasien sowie Real- und Sekundarschulen. An Gymnasien haben kulturelle Themen eine deutlich höhere Bedeutung. Kulturell gesehen, das bedeutet Kunst und Musik, ist ein "quantitativer Ausbau vor allem in den Sekundarschulen dringend erforderlich", meint Eckart Liebau. An den Gymnasien finden kulturelle Themen, beispielsweise die kanonische Literatur wie Goethe oder Schiller, öfter ihren Weg in den Unterricht als an den Sekundarschulen. Und überhaupt bestätigt die Studie nur, was vielerorts schon bekannt ist: Von Schülern aus nicht akademischen Elternhäusern gehen dreieinhalb Mal so viele auf Sekundarschulen.

Das Interesse an Bildung ist nicht zuletzt auch eine Frage des Geldes. "Benachteiligung der ‚Arbeiterkinder‘ stelle ich dann fest, wenn zum Beispiel wenig Geld in der Familie ist, um sich im Freizeitbereich mit Kunst befassen zu können", erklärt die zitierte Freiburger Lehrerin. Zwar gibt es ein Freizeitangebot der Schulen, von der Big Band bis zur Theater AG, dieses wird aber laut Studie nicht vollständig genutzt, da das Interesse an Sport höher sei. Hier schließt sich der Kreis: Wenn, auch im Elternhaus, kein Draht zur Kultur im weitesten Sinne vermittelt wurde, keimt bei den Schülern auch kein Interesse an kulturellen Themen.

Autor: Dominik Ralser