BZ-Interview

Museumsgespräche in Müllheim über die Demokratie

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 04. September 2018 um 20:08 Uhr

Kultur

1818 hat Baden den Grundstein zur Demokratie gelegt. Die Demokratie muss verteidigt werden, meint der Müllheimer Museumsleiter Jan Merk. In seinem Haus wird darüber diskutiert.

Gespräche im Museum? Warum nicht? Aus der Idee zu einer Veranstaltung erwuchs im Markgräfler Museum in Müllheim eine ganze Reihe: 200 Jahre badische Verfassung gaben dem Team um Museumsleiter Jan Merk Anlass, über weitere Daten mit Weichenstellung für die Demokratie nachzudenken: Auf 1818 folgen 1848, 1918, 1938 und 1968. Bettina Schulte sprach mit dem Museumsleiter über die Müllheimer "Demokratie-Geschichte(n)".

BZ: Herr Merk, wie kam es zu dieser interessanten Achter-Reihung?
Merk: Es war kein historischer Ansatz, sondern ein aktueller. Wir alle werden besonders in diesen Tagen darauf gestoßen, dass jede Generation für sich den Wert von Demokratie erkennen muss und etwas dafür tun muss, dass Demokratie gelebt und zur Not auch verteidigt wird. Als wir gemerkt haben, es jähren sich Schlüsseljahre für die Demokratieentwicklung mit der acht am Schluss – mit vielen Brüchen, mit Aufs und Abs – haben wir uns gesagt: Das ist eine historische Reihe, die lokal und regional verwurzelt werden kann, die viel über unser Demokratieverständnis aussagt.
BZ: Würden Sie als Historiker so weit gehen zu sagen, dass unsere Demokratie gefährdet ist?
Merk. Wenn man sich die Situation in manchen Ländern Europas anschaut, wo die Gewaltenteilung nicht mehr gegeben und die Pressefreiheit bedroht ist, wird zumindest deutlich, dass die Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Man kann sich nicht auf den Vorgängergenerationen ausruhen.
BZ: Würden Sie sagen: 1818 war der Beginn der Demokratie in Baden?
Merk: Ansätze gab es schon in den Jahren der französischen Revolution. 1818 war in zweierlei Hinsicht bedeutend: Es wurde eine der ersten konstitutionellen Monarchien gegründet. Zum anderen gelang es, mit einem Verfassungspatriotismus eine heterogene Gesellschaft zu einen. Es entstand ein badisches Staatsgefüge und ein badisches Bewusstsein. Heute singen alle hier mit Inbrunst das Badnerlied.
BZ: Das war eine freiwillige Entscheidung des Großherzogs?
Merk: Es war eine Revolution von oben, die eine Revolution von unten aufgenommen hat. Der Großherzog hat gemeinsam mit seinem aufgeklärten Beamtenapparat gespürt, dass die Ständeherrschaft am Ende war. Es war eine kluge Entscheidung.
BZ: Also alles auf einem guten Weg in Baden. Warum musste es 1848 trotzdem eine Revolution geben?
Merk: Trotz Verfassung blieb die großherzogliche Regierung in manchen Fragen rückwärtsgewandt. Aber das ist eine große Fragestellung und vielleicht auch ein Grund dafür, warum die Revolution in Baden gescheitert ist. Es gab genug gemäßigte Kräfte, die drauf pochten, dass die Verhältnisse doch nicht so schlecht seien.
BZ: Liegt das Gemäßigte vielleicht auch in der badischen Mentalität?
Merk: Sie ist historisch ein Stück weit so gewachsen. Andererseits hatte sich die Fragestellung in Teilen auch geändert. Das Soziale trat in den Blick. Es meldeten sich die unterbürgerlichen Schichten.
BZ: Das nächste Datum, das Sie in den Blick nehmen, ist 1918. Was ist das aus Ihrer Sicht für eine Zäsur?
Merk: Es war der absolute Bruch mit der Monarchie, der mit sehr vielen Hoffnungen verbunden war – zum Beispiel wurde das Frauenwahlrecht beschlossen. Dass es eine Zwischenkriegszeit war, wussten die Zeitgenossen nicht. Es war ein Aufbruch im Zusammenbruch.
BZ: Wie war es in Baden?
Merk: Wir zeigen zum Beispiel, dass viele Modernisierungsprozesse in Gang kamen. Die Honoratiorengemeinde wurde vom Berufsbürgermeistertum abgelöst. Die Frauen machten tatsächlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch.
BZ: Die Kämpfe in Berlin hatten in Baden kein Pendant. Oder?
Merk: Wenn man genauer hinschaut, gab es die hier auch. Es gab gerade hier im Grenzland die traumatisierte Kriegsgeneration. Der Finanzminister Erzberger ist 1921 in Griesbach ermordet worden.
BZ: Es gibt Menschen, die zwischen den 1920er Jahren und heute Parallelen sehen. Halten Sie das für übertrieben?
Merk: Man muss genau hinschauen. Es gibt natürlich Parallelen, sonst würden wir die Reihe nicht mit Aktualitätsbezügen versehen. Man darf aber nicht Schwarz-Weiß malen.
BZ: Können auch solche Reihen zur Wachsamkeit beitragen?
Merk: Man muss sich mit der Gegenwart wie mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Auch die Demokratie nach 1945 hat sich gefestigt, weil es eine Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit gab. Man darf darin nicht nachlassen – ohne das Unbehagen in Teilen der Bevölkerung wegschieben zu wollen.
BZ: Kommen wir noch zu den letzten Daten. 1938 – warum nicht 1933?
Merk: Die Pogromnacht ist ein absoluter Tiefpunkt, was Menschenrechte und Demokratie angeht. Eine Kulturnation war nicht davor gefeit, einer Verbrecherbande hinterherzulaufen.
BZ: Und 1968: Man hört, das gab es auch in Müllheim.
Merk: Aber ja. Wir wollen an diesem Abend mit Zeitzeugen aus der Region sprechen. Das ist eines der ersten Male, dass 1968 in der Region überhaupt thematisiert wird – auch in seiner Widersprüchlichkeit . Im Zentrum aller Veranstaltungen steht das offene, auch kontroverse Gespräch. Dafür wollen wir ein Forum bieten.

Das nächste Museumsgespräch findet am 5. September um 18 Uhr im Markgräfler Museum, Müllheim, Wilhelmstraße 7 statt: ",Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle!‘ Die Ausrufung der Deutsche Republik im Herbst 1948 in Müllheim"
Die weiteren Termine unter:

http://www.markgraefler-museum.de

Jan Merk (54), Historiker, Kulturdezernent und Leiter des Markgräfler Museums

Müllheim, ist seit 2014 Präsident des Museumsverbandes Baden-Württemberg.