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22. Juli 2010

Musik, die Wald- und Wassergeister besänftigt

Der Frauenchor Kitka im Lörracher Burghof.

  1. Kitka in „The Rusalka Cycle“ Foto: Barbara Ruda

Wer ihrem betörenden Gesang lauscht, ist unweigerlich verloren, wird hinabgezogen in die Tiefe. So geht die Legende von den Rusalky, den weiblichen Naturgeistern aus der slawischen Mythologie. Mal werden diese mythischen Wesen als junge Frauen mit offenen langen Haaren dargestellt, mal als halbanthropomorphe Fischfrauen, Nymphen und Nixen. Nach der Sage leben sie auf dem Grund von Seen oder im Wald, treten nur nachts in Erscheinung. In einigen slawischen Gegenden werden noch heute Rusalka-Feste gefeiert, um diese Wasser- und Waldgeister zu ehren, anzurufen, zu besänftigen – und um sich vor Unheil zu schützen.

Etwas von der urtümlichen Kraft der Rusalka-Gesänge kam nun auf die "Stimmen"-Bühne im Burghof. Die Sängerinnen des amerikanischen Frauenchors Kitka treten in ihrer Inszenierung "The Rusalka Cycle" als moderne Sirenen auf, die in ihrem Gesang die beschwörende Intensität und hypnotische Eindringlichkeit der Rusalka-Rituale wieder aufleben lassen. Der Rusalka-Reigen bewegt sich auch musikalisch zwischen den Welten, wenn das begleitende Instrumentaltrio mit Elisabeth Fügemann am Cello, Sebastian Gramss am Kontrabass und Peter Kahlenborn am Schlagzeug die mal kehlig rauen, mal ekstatischen, mal elegischen Gesänge mit weichem Streicherklang und perkussivem Rhythmusgerüst unterlegt.

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In der szenischen Einrichtung von André Erlen beschwört das Vokalensemble aus San Francisco die urwüchsigen elementaren Kräfte der Natur, die Zwischenwelten und die Zauberkräfte des Weiblichen, die auch mal bis ins Dämonische reichen können. Die "Kitka"-Frauen lassen das Publikum teilhaben an geheimnisvoll anmutenden rituellen Gesängen, deren Symbolik nicht immer leicht zu entschlüsseln ist, deren Klangwirkung aber etwas von insistierenden Beschwörungsformeln hat. Sadovska hat sich, das hört man auch in diesem Rusalka-Zyklus, mit den traditionellen osteuropäischen Gesangstechniken beschäftigt, hat sich davon inspirieren lassen, wie früher die Frauen in den Dörfern sangen: zum Beispiel das "Singen mit offener Kehle", ein Gesang, der weit trägt. Vokal tut sich in diesen Rusalka-Gesängen ein weites Feld auf. Die stimmstarken "Kitka"-Sängerinnen schöpfen das Spektrum der menschlichen Stimme enorm wandelbar aus: vom kehligen dunklen Klang, inbrünstig, kraftvoll und emotional, vom leisen Flüstern, zarten Hauchen und Raunen, bis zu schmerzlich klagenden Gesängen, in denen die Stimmen ganz klar ertönen, sanft wie Klagen verlorener Frauenseelen, wie aus der Tiefe, den Urgründen der Seen und Wälder. Einige Gesänge haben eine fast sakrale weihevolle Aura. Dann wieder kulminieren die Rusalka-Anrufungen in schrilles Schreien, ein unheimliches Fauchen, Heulen, Kreischen, gespenstisches Gelächter und vokale Ausbrüche von bruitistischer Wildheit und archaischer Wucht. Fast hexenhaft erscheinen die Sängerinnen, auch äußerlich verwandelt mit gelösten, wallenden langen Haarmähnen und orangefarbenen, gelben und roten langen Kleidern, wenn sie sich in tierhaften Bewegungen der Rampe nähern und in ein Crescendo wilder Stimmen ausbrechen. Herausfordernd, lockend, wild, betörend, verstörend. Manche Szenen dieses einstündigen Gesangs-Theater-Projekts sind mit rätselhafter Symbolik und mit Bedeutungen im Kreislauf von Natur, Leben, Tod und Jenseits aufgeladen: Da sitzen die Frauen im Hintergrund und drücken Kissen an sich, als seien es Kinder. Da bilden die Sängerinnen einen Kreis, benetzen sich mit Wasser aus einem Blecheimer, tauchen den Kopf in den Eimer, als tauchten sie auf den Grund eines Sees. Da ertönt ein wunderbar schwebender Gesang von sakraler Intensität, der von lautem Klirren aufgebrochen wird. Zwischendurch erzählen die Sängerinnen von ihrer Reise in die Ukraine, wo in der verstrahlten Region von Tschernobyl die alten Frauen immer noch ihre Lieder singen. Und leise lässt der "Kitka"-Chor seine fremdartig-mythischen Rusalka-Beschwörungen ausklingen.

Autor: Roswitha Frey