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20. August 2012

Spaniens Kulturszene bangt um ihre Zukunft

Kinobesitzer, Konzertveranstalter und Theaterleute leiden unter der Sparpolitik und einer drastischen Anhebung der Mehrwertsteuer.

  1. Hier wird mit Streik gedroht: das Tetro Real in Madrid Foto: dpa

Kultur zum Abgewöhnen? Spaniens Kulturschaffende werfen ihrer Regierung vor, mit einer drastischen Steuererhöhung die Bürger von Kino-, Theater- oder Konzertbesuchen abzuhalten. Aufgrund der Schuldenkrise und auf Druck der EU-Partner hatte Ministerpräsident Mariano Rajoy entscheiden, dass auf Eintrittskarten für kulturelle Veranstaltungen künftig der Spitzensatz der Mehrwertsteuer erhoben wird.

"Man darf die Kultur nicht so behandeln wie den Tabak", beklagte der Ökonom Santiago Lago in der Zeitung El País: "Vom Rauchen sollte der Staat die Leute mit steuerlichen Mitteln abhalten, weil der Tabakgenuss schädlich ist. Die Kultur hingegen sollte er fördern, da sie der Gesellschaft Nutzen bringt."

Die konservative Regierung dachte jedoch nicht daran, die Kulturszene von ihrer Rotstiftpolitik zu verschonen. Gleich nach der Machtübernahme Ende 2011 schaffte sie das Kulturministerium ab und gliederte es ins Bildungsministerium ein. Im Haushalt 2012 kürzte sie die Ausgaben für die Kulturpolitik um 15 Prozent. Da erhoben sich erste Proteste in der Kulturszene, manche Kulturschaffende sprachen gar von der "schwersten Krise seit Jahrzehnten".

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Aber das Schlimmste sollte erst noch kommen. Im Juli beschloss die Madrider Regierung, die Mehrwertsteuer für Kino-, Theater- und Konzertkarten mit einem Schlag von acht auf den Spitzensatz von 21 Prozent hinaufzusetzen. "Die Kultur muss unter die Guillotine", titelte daraufhin El País.

Der Verband der Kultur-Unternehmer warnte, die Anhebung werde verheerende Folgen haben. Er legte eine Studie vor, die einen Rückgang der Besucherzahlen in Kinos, Theatern und Konzerthallen um 43 Millionen, einen Verlust von 4200 Arbeitsplätzen und einen Bankrott von 20 Prozent der Unternehmen im Kulturbereich prognostizierte.

Am härtesten dürfte es die Filmbranche treffen, die aufgrund einer grassierenden Produktpiraterie und rückläufiger Zuschauerzahlen ohnehin in einer heiklen Lage steckt. Die Produktion spanischer Filme ist im Vergleich zum Vorjahr auf weniger als die Hälfte gesunken, fast täglich schließen irgendwo im Land Kinosäle. "Wenn wir die Steuererhöhung auf die Eintrittspreise umlegen, machen 70 Prozent der Kinos dicht", sagte Juan Ramón Gómez Fabra, Präsident des Kinoverbands FECE. "Die Branche wird sterben", argwöhnt der Präsident der Filmakademie, Enrique González Macho. Als Chef der Kinokette Renoir musste er in letzter Zeit 30 seiner 100 Säle aufgeben.

Die staatlichen Theater und Opernhäuser sind von der Steuererhöhung nicht betroffen, leiden aber auch unter den Einsparungen. In Barcelona konnte nur knapp verhindert werden, dass das Opernhaus Liceu in der abgelaufenen Saison wegen Geldmangels für zwei Monate geschlossen wurde. In Madrid drohen die Mitarbeiter des Teatro Real ständig mit Streiks, weil das Opernhaus von ihnen Gehaltszahlungen von insgesamt einer Million Euro zurückverlangt. Man hatte – mit mehrmonatiger Verspätung – festgestellt, dass die Gehaltssenkungen im öffentlichen Dienst auch für die Oper gelten. Nun sollen die Beschäftigten das zu viel erhaltene Geld zurückzahlen.

Dagegen steht das Madrider Prado-Museum finanziell gut da: Es verfügt trotz der Kürzung staatlicher Mittel sogar über mehr Geld als im Vorjahr. Das liegt daran, dass die Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten und die Sponsorengelder gestiegen sind. Der für die Kultur zuständige Minister José Ignacio Wert empfahl anderen Einrichtungen, sich daran ein Beispiel zu nehmen: "Wir unterstützen das Mehr mit weniger Mitteln", sagte er der Zeitung El Mundo. "Wir wollen Sponsorenverträge und weniger eine Kultur der Subventionen."

Autor: Hubert Kahl, dpa