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07. März 2011 12:32 Uhr

Landtagswahl

Wahlkampf mit Plakaten – ein Bilderstreit am Straßenrand

Eine nicht enden wollende Reihe von grinsenden Köpfen: Drei Wochen vor der Landtagswahl geht jede Partei mit einer eigenen Bildsprache auf Stimmenfang.

  1. Know-how und Himmelblau: Parteien sagen, was sie meinen, was für sie spricht. Foto: bauermeister

  2. Der Tag wird kommen: Die Grünen glauben an Farbwechsel. Foto: bauermeister

  3. Auch in der Werbung radikal anders: Piratenpartei Foto: bauermeister

Da sind sie wieder. An den Ausfallstraßen, Haupt- und Durchgangsstraßen, im Schilderwald der Innenstädte, an den Masten der Straßenleuchten, an Zäunen und Brückengeländern. Wo sich Autos an Ampeln stauen, wo wir vorbeikommen, wo der Alltag den Stimmbürger in größeren Massen hinlenkt: Plakate. CDU, FDP und ihre Herausforderer lassen die Zauberformeln des Konsums – "Jetzt noch billiger", "Nase voll von hohen Preisen?", "Einfach doppelt" – schwer noch zur Geltung kommen in diesen Tagen. Wahlkampf ist auch Bilderstreit. Und dieser, wie Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, betont, ein untrügliches Zeichen, dass Wahlkampf ist. Das sieht Steffen Rümpler, der Dozent an der Freien Hochschule für Grafik Design und Bildende Kunst in Freiburg, nicht anders. Die zugekleisterten Straßen als Appell zum Urnengang im Land.

Doch was vermittelt sich eigentlich wie im Plakatwust? Bilder sind werbewirksam – viel eher als das gedruckte Wort, das will der Wissenschaftler aus Hohenheim unbedingt betonen – und kann auf entsprechende Tests verweisen. Bilder wirken schneller und länger, weiß Brettschneider. Die Plakatrealität zeigt ja aber zunächst einmal eine nicht enden wollende Reihe von grinsenden Köpfen. "Von unserer Wahrnehmung her", erklärt Rümpler, "können wir Köpfen gar nicht entfliehen": "Personalisierte Werbung hat einen hohen Wiedererkennungswert." Aber dass nette, auf vertrauenerweckend getrimmte Gesichter in unüberschaubarer Masse leicht langweilig wirken, das weiß er auch. Wer sich von dem Einerlei distanziert, hat gute Chancen, wahrgenommen zu werden. Interesse findet bei Rümpler die plakative, wortzentrierte "Bildsprache" der Linken und der Piratenpartei. Ein "Back to the roots" der Plakatästhetik sieht er in den Einwürfen und Kampfparolen der Außenseiter.

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Aktivität, Stärke und Kompetenz sind Vorzüge, die sich alle miteinander, die da beteiligt sind, selbst zuallererst zuschreiben. Die liebend gern zitierte Zukunft vermittelt sich in sonnigen Kindergesichtern und lachendem Himmelblau. Die thematische Grundfrage, an der sich die Linien scheiden, ist aber doch immer: Wo ist man, wo will man via Wahl hin? Die einen sind in Stuttgart in der Regierung und wollen es bleiben. "Damit unser Land vorne bleibt", meint die CDU. "Weil Baden-Württemberg vorn bleiben muss", stößt die FDP ins selbe Horn und schwärmt vom sportiven "Erfolgsmodell": http://www.motor.fdp.de Die andern dringen auf "Wechsel". "Besser regieren" will SPD-Spitzenmann Nils Schmid. Wenn Hannelore Kraft als Wahlhelferin anreist, dann verkörpert sie geradezu die These: "Der Wechsel ist möglich." Bündnis 90/Die Grünen inszenieren ihn als heiteres Familienspiel "Politik wechseln"; der jüngste Spross hält noch eben die Info ins Blickfeld: ab 27. März. Das heißt mit andern Worten: jetzt. Dies Jetzt wiederholen Die Grünen noch und noch. Wenn nicht jetzt, wann dann? Und aus den Plakaten lächeln die Farben des kommenden Frühlings – was dem avisierten Wechsel den Anstrich einer meteorologischen Gesetzmäßigkeit gibt.

Nicht am Laternenpfahl wird sich die Meinung bilden

Die Grünen setzen auf die befreiende Wirkung der Komödie und die Gunst der Stunde. Die Partei des Ministerpräsidenten stellt über die Phalanx der Köpfe das Selbstbild: Garant für Kontinuität – Generator des Fortschritts. "Tüfteln, Denken, Vorsprung lenken", ist zu lesen. Und der den Reim illustrierende Mann mit dem Geräte-Set vorm Bildschirm schaut wie einer, der etwas schafft. Zur Gattung Erfolgsmensch gehört auch das junge Paar (Frau mutmaßlich mit Migrationshintergrund), das "Aufstieg durch Bildung" illustriert: Bildung als Wettbewerb.

Bildung – ein Thema, das sich alle irgendwie teilen. Aber andere akzentuieren anders. Sabine Wölfle (SPD) sagt auf dem Großplakat im Kleingedruckten: "Ich stehe für gute und gerechte Bildung." Für Bildungschancengleichheit wirbt dezidiert die Linke: "Von der Kita bis zur Uni gebührenfreie Bildung". Kommunikatives Profil wird im Bildungslandtagswahlkampf also durchaus geschärft. Dem Leistungsdenken der einen widersprechen die andern durch sozialtherapeutische Gestik.

Doch wenn Frau Wölfle für "nachhaltige, erneuerbare Energien – ohne Atomstrom" spricht, dann empfiehlt sie zugleich auch den möglichen Koalitionspartner. Die Grünen sehen natürlich hier ihr Thema und spielen es mit Leichtigkeit. Wie schon 2009 identifizieren sie den Gegner Schwarz-Gelb mit Atomstrom und -müll. "Schwarz-Gelb. Nein danke!", hieß es in der Bundestagswahl, "Schwarz-Gelb nicht verlängern", tönt es jetzt. Schwarz-Gelb, das will heißen: länger laufende Reaktoren, Atommüllfässer ohne Ende. Himmelhoch stapeln sie sich auf dem Plakat. Steffen Rümpler sieht das durchaus mit Skepsis. Wird da nicht ein ernstes Thema der pfiffigen Werbe-Design-Pointe "geopfert"?

Wo die Grünen gut gelaunt agieren, treten die Linken mit Furor auf. Der erste Schritt auf der Agenda heißt klar: "Linke in den Landtag". Das Warum formuliert sich als Kontra: "Gegen Kinderarmut und Hartz IV" – "Um Armutslöhne endlich zu verbieten". Letzteres formuliert die SPD etwas moderater: "Wir brauchen Arbeit, von der man gut leben kann." Für den Moment dieser Aussage schmückt sich die Partei Bebels und Brandts gar mit der Farbe, die sie sonst eher kampflos an die Linken abgibt. Rot.

Die Linke baut sich derweil als Fürsprecherin der Schwachen auf. Als Partei des sozialen Gewissens sucht sie ein Alleinstellungsmerkmal. Und ein Wiedererkennungsproblem haben gewiss auch die Piraten nicht. Ihr "Politik mal anders" ist, so vage es ist, von unverkennbarer Flapsigkeit. "Klar machen zum ändern" verrät, wenn auch sonst nichts, immerhin Chuzpe. Da klingt der alte Schlachtruf der unchristlichen Seefahrt durch.

Viele meckern über die politische Plakatkunst: überflüssig und inhaltsleer. Und viele wollen – laut Hohenheim – denn doch gestehen, dass sie nicht so ganz ohne Einfluss ist, diese Art Werbung. Fazit der Kommunikationsforscher nichtsdestotrotz: Die Bedeutung der Plakate wird abnehmen. Auch Steffen Rümpler, der Experte für Web-Design, stellt sich die Frage nach der "Zukunft des Plakats". Vorgezeichnet sei der Weg in die interaktiven Medien, sagt er. Dies seien die "zukünftigen Wahlkampfforen".

Am Monitor mit Netzanschluss, nicht am Straßenrand, nicht am Laternenpfahl wird sich die Meinung bilden. Die Plakate dieser Wahlschlacht sind ja schon gespickt mit www-Adressen – wohl um zu signalisieren, dass man in den Parteizentralen auch in dieser Hinsicht die Zeichen der Zeit versteht. Die sich als Umstürzler gerieren, preschen voraus: Mit "Vertrau keinem Plakat", verblüfft ein Plakat der Piratenpartei. Was Selbstironie angeht, konkurrenzlos.

Autor: Volker Bauermeister


4 Kommentare

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Max Kehm  

Max Kehm

Registriert seit: 15.12.2010

Kommentare: 6

07. März 2011 - 15:29 Uhr

Die Piratenpartei hat eine ganze Reihe von teils sehr provokativen Plakaten entworfen, hier gibts es nochmal eine Zusammenstellung (Einfach runterscrollen):

http://www.mister-wong.de/doc/plakate-komprimiert_259513722/

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Beate Hahn  

Beate Hahn

Registriert seit: 17.11.2010

Kommentare: 538

07. März 2011 - 15:49 Uhr

Ich bin gegen diese Plakatierung. Optische Umweltverschmutzung.

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Holger Freiberg

Registriert seit: 28.03.2010

Kommentare: 73

07. März 2011 - 19:43 Uhr

@Max Kehm

Danke für den Link.
Da entsteht anscheinend eine neue Politikkultur die den Bürger im Gegensatz der anderen Parteien dazu auffordert darüber nachzudenken was sie eigentlich mit ihrer Stimme wählen. Leider wählen/schaufeln aber immer noch viele ihr eigenes (Daten)Grab weil sie nicht nur an der Fasnet mit einer Rosaroten Brille die Parteien wahrnehmen.

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Erich Senn

Registriert seit: 17.08.2009

Kommentare: 1337

07. März 2011 - 20:42 Uhr

Auf den Plakaten wird versprochen was die Parteien nach der Wahl nicht halten deshalb sind sie für mich nicht die Farbe wert mit der sie gedruckt wurden geschweige das Papier.

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