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15. Januar 2015 00:00 Uhr

Hochschwarzwald

Zum Kuckuck: Ein Besuch im Uhrenmuseum St. Märgen

Das Uhrenmuseum in St. Märgen veranschaulicht die Entwicklung von der Schwarzwalduhr zur weltbekannten Kuckucksuhr. Hans-Dieter Fronz hat sich dort umgesehen.

Wohl schon immer hat der Mensch Zeit gemessen – und wäre es in der einfachsten Form von Tagen, Monden und Jahren. In der Antike unterteilten Sonnen- und Wasseruhren den Tag in kleinere Zeiteinheiten. Demgegenüber ist die mechanische Messung der Zeit eine vergleichsweise junge – und ungeheuer folgenreiche Erfindung. Durch Vereinheitlichung schuf sie Vergleichbarkeit als Grundlage für exakte Terminierung.

Schwarzwälder brachten die messbare Zeit in die Welt; man kann ruhig sagen: in alle Welt. Seit dem frühen 18. Jahrhundert entwickelte sich in einer kleinen Region in Mittelbaden aus bescheidenen Anfängen ein Produktionszweig, der ein frühes Beispiel für Globalisierung darstellt. Die Schwarzwalduhr ist eine Erfolgsgeschichte. In kürzester Zeit entwickelte sie sich zum Exportschlager. In ihrer späten Gestalt als Kuckucksuhr kennt man sie heute in aller Welt.

Uhren konnten sich früher nur die Reichen leisten. In einer Zeit, in der die Uhr noch mehr Prestigeobjekt denn Nutzgegenstand, weil infolge geringer Verbreitung eigentlich ohne rechte Funktion war, machten Handwerker und Händler aus dem Schwarzwald den Chronometer für breitere Gesellschaftsschichten erschwinglich – früh auch im Ausland. Nach Frankreich, Italien, Spanien und England wurden Uhren aus dem Schwarzwald exportiert, bald auch nach Russland, ins Osmanische Reich oder nach China. In den USA erfreut sich die Kuckucksuhr bis heute großer Beliebtheit. Ohne die Geschichte der Schwarzwalduhr, in der ihre Wurzeln liegen, gäbe es heute Uhrenproduzenten von Weltruf wie die Firma Junghans in Schramberg oder Kienzle in Schwenningen vermutlich nicht.

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Dass sich das Deutsche Uhrenmuseum in der Schwarzwaldstadt Furtwangen befindet, ist kein Zufall. Mit seiner Sammlung von 8000 Uhren aller Art – "vom Steinzeitkalender und der Sonnenuhr bis zur Atomuhr", wie das Marketing griffig formuliert – ist es das bedeutendste Museum seiner Art überhaupt. Speziell auf dem Gebiet der Schwarzwalduhr aber kann sich ein anderes Museum durchaus mit ihm messen: Das Kloster-Museum St. Märgen präsentiert seit 2007 neben Skulpturen des Barockbildhauers Matthias Faller, Hinterglasmalerei und Zeugnissen traditionellen Lebens in der Region auch Schwarzwalduhren. In rund 150 Exemplaren zeichnet das Museum die Entwicklung der Schwarzwalduhr von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert nach – mit zahlreichen überraschenden Befunden. Wer weiß schon, dass die berühmte Kuckucksuhr nicht den Beginn, sondern den Endpunkt der Schwarzwalduhr markiert? Und wer, dass der Kuckuck ursprünglich eine Amsel war?

Herbert Mark schließt zu einer Privatführung die Glastür beim Treppenaufgang zu den Ausstellungsräumen auf. Seit nach der Brandkatastrophe von Titisee Ende 2013 bei einer Prüfung festgestellt wurde, dass einige Brandschutzbestimmungen nicht erfüllt sind, darf die Besichtigung des Museums nur in Begleitung erfolgen. Im ersten der zehn Museumsräume mit Schwarzwalduhren betätigt Mark einen Druckschalter. Auf einer Karte Badens leuchten bei den Namen von Orten, an denen einst Schwarzwalduhren gefertigt wurden, Lämpchen auf. In einem Gebiet zwischen Glottertal und Schwenningen, Schonach und Lenzkirch häufen sie sich: St. Märgen liegt mittendrin.

Die Schwarzwalduhr, das lässt sich von dieser Karte ebenfalls ablesen, ist ein Kind der Not. Nördlich der durch die Punktlämpchen definierten Region existierte ein einträglicher Handel mit Holz. Im Süden waren das Textilgewerbe und die Holzschnitzerei hoch entwickelt. In Mittelbaden aber mussten sich die Bewohner auf andere Erwerbsmöglichkeiten besinnen. Indem sie begannen, Uhren zu fertigen, die nicht aus Metall, sondern deutlich billigerem Holz bestanden, stießen sie in eine Marktlücke: Diese Uhren waren konkurrenzlos preisgünstig.

Ein Grund des Erfolgs der Schwarzwalduhr war die günstige Infrastruktur: Der Vertrieb konnte zu Beginn auf das ausgedehnte Handelsnetz der Glasträger zurückgreifen, die die Uhren in ihr Sortiment aufnahmen. Noch wichtiger waren die geistige Beweglichkeit und der Geschäftssinn der Uhrenmacher, die die Chronometer in Heimarbeit fertigten: in der Frühzeit lediglich in den wenig arbeitsintensiven Wintermonaten. Indem "die Chinesen von damals", wie Herbert Mark salopp anmerkt, technische Innovationen kopierten und in Exportländern überdies die regionalen Vorlieben und Bedürfnisse berücksichtigten, setzten sie sich gegen die Konkurrenz durch.

Ganz frühe Uhren hatten lediglich einen Stundenzeiger und weder Minutenzeiger noch Gehäuse: Der Mechanismus lag sichtbar zutage. Die Glocke für den Stundenschlag war nicht aus Metall, sondern aus Glas. Die frühen Waaguhren wurden schließlich von Pendeluhren abgelöst, die eine genauere Anzeige der Zeit ermöglichten. Und es dauerte nicht lange, bis sich die Uhr vom bloßen Zeitmesser zur Spieluhr mit Glockenspiel weiterentwickelte. Kostbare Uhren wie die um 1780 konstruierte und kunstvoll verzierte Flötenuhr mit tanzenden adligen Paaren gab es nur an Fürstenhöfen. Als Stundenausrufer thront über der Szenerie als Ausrufer nicht etwa ein Kuckuck, sondern eine Amsel.

Die von Hand bemalten Lackschilduhren wurden bereits in komplexer Arbeitsteilung gefertigt. Die mit Blumen- und Früchtestillleben, religiösen und Genreszenen dekorierten Schilder trugen im Schriftzug nicht den Namen des Uhrenmachers, sondern den des Händlers – so genannte Hochzeitsuhren die Namen des Brautpaars, das seinen gemeinsamen Lebensweg mit einer Uhr begann. Wirtshausuhren – "eine frühe Form der Musikbox", sagt Mark – hatten meist mehrere Melodien, zu denen man tanzen konnte.

Bald freilich mussten Uhren nicht nur Melodien abspielen können, sondern einen Mechanismus beinhalten, der kleine Figuren in Gang setzte. Die Sujets dieser Figuren- oder "Männleuhren" waren ein Bauer mit Sense, ein Mönch, der die Glocke schlug oder – im Falle der so genannten Schnapperuhren – ein Orientale mit Turban, der die Stunden durch die Zahl seiner Schnappbewegungen mit dem Mund anzeigte: Anspielung auf das zu jener Zeit bekannte Gruselmärchen, wonach Türken kleine Kinder fraßen.

"Da konnte vereinzelt auch mal ein Kuckuck auftauchen", sagt Herbert Mark mit Blick auf den Typus der Figurenuhr. In der Kuckucksuhr schließlich verdrängt der Brutparasit die Amsel als Ausrufer. Entworfen hat sie im Jahre 1850 der Architekt Friedrich Eisenlohr. Als Vorbild für das Uhrengehäuse dienten ihm die Bahnwärterhäuschen, die er selbst für die Badische Eisenbahn gebaut hatte; "Bahnhäusleuhr" hieß sie deshalb im Volksmund. In unvermerkter Symbolik haust in der Kuckucksuhr die Zeit neben den Gleisen: ein durch Schnitzarbeiten mit Blattwerkornamentik und Jagddekor garniertes Sinnbild einer Epoche, die zu einem neuen Zeitalter gesteigerter Mobilität unterwegs war. Neben einem Stück Technikgeschichte spiegelt sich im Entwicklungsgang der Schwarzwalduhr auch die Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte der jeweiligen Zeit. Die Historie der Schwarzwalduhr ist spannend, weil sie vom Leben der Menschen erzählt, für die sie produziert wurde.

Auch die Geschichte des Handels mit der begehrten Schwarzwalduhr ist im St. Märgener Museum Thema. Allein in London lebten Mitte des 19. Jahrhunderts rund 200 Uhrenhändler aus dem Schwarzwald. In Konstantinopel erlangte ein Händler namens Matthias Faller das Monopol für den abgabefreien Handel mit Schwarzwalduhren im Osmanischen Reich, nachdem er dem Sultan eine Spieluhr zum Geschenk gemacht hatte. Der Lebensgeschichte des Andreas Löffler widmet das Museum sogar einen ganzen Saal. Der junge Mann aus St. Märgen hatte in Cambridge als Hausierer mit Schwarzwalduhren die Ochsentour absolviert, um anschließend als Händler in wenigen Jahren zu Reichtum zu gelangen – bevor er einer Epidemie zum Opfer fiel. Andere Händler erlitten ein nicht weniger traurigeres Schicksal. Matthias Faller wurde in seiner Villa ausgeraubt und ermordet. Eine Kriminalgeschichte der Schwarzwalduhr ist noch nicht geschrieben, aber die Vorarbeiten sind begonnen – jedenfalls für London. Dort wälzt ein Beamter von Scotland Yard in seiner Freizeit Akten zu Prozessen, an denen Schwarzwalduhrenhändler beteiligt waren: meist als Opfer, die ausgeraubt oder ermordet wurden. Der Kriminalbeamte, recherchiert nicht zuletzt aus biografischem Interesse: Seine Vorfahren waren selbst Schwarzwälder Uhrenmacher.

Klostermuseum St. Märgen, Rathaus-     platz 1. Infos und Öfnungszeiten unter:      http://www.kloster-museum.de

Autor: Hans-Dieter Fronz