Lehrermangel in Baden-Württemberg

Kultusministerin Eisenmann: "Ich kann mir keine Lehrer backen"

Axel Habermehl

Von Axel Habermehl

Mo, 03. September 2018 um 09:30 Uhr

Südwest

Bald beginnt das neue Schuljahr. Eltern fürchten, dass noch mehr Unterricht ausfallen wird. Kultusministerin Susanne Eisenmann spricht im Interview über den anhaltenden Lehrermangel und Ärger mit der Bundesregierung.

In einer Woche beginnt das neue Schuljahr, landesweit werden wohl erneut zahlreiche Lehrerstellen nicht besetzt werden können. Axel Habermehl sprach mit Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) über Unterrichtsversorgung, Lehrermangel auf dem Land und den Wettbewerb der Länder bei der Bildung.

BZ: Frau Ministerin, die Ferien neigen sich dem Ende zu. Wie sehr graut es Ihnen vor dem Beginn des neuen Schuljahrs?
Susanne Eisenmann: Mir graut es nicht. Die Vorbereitungen haben viel Zeit in Anspruch genommen: Lehrerversorgung, Unterrichtsabläufe, neue Schwerpunkte – mit all diesen Dingen befasse ich mich ja schon lange.

BZ: Vielen Eltern graut es sehr wohl. Sie fürchten, der Lehrermangel nimmt noch zu und es fällt noch mehr Unterricht aus.
Eisenmann: Wir werden auch dieses Schuljahr bei der Lehrerversorgung nicht optimal aufgestellt sein. Ich kann das Problem benennen und erklären, wo es herkommt. Wichtiger ist aber, an Lösungen für die Zukunft zu arbeiten. Wir haben etwa die Ausbildungskapazitäten bei der Lehrerausbildung erhöht. Ich kann mir aber keine Lehrer backen. Wir haben nun einmal eine Pensionierungswelle und steigende Schülerzahlen. Auf beides wurde zu spät reagiert.

BZ: Vergangenes Jahr fehlten zum Schulbeginn landesweit rund 400 Lehrer. Wie viele sind es diesmal?
Eisenmann: Wir sind in der Endphase der Besetzung. Die genauen Zahlen bekommen wir im Laufe der Woche. Die Situation wird aber ähnlich angespannt sein wie letztes Jahr. Aber Sie müssen auch sehen: Wir haben zum neuen Schuljahr etwa 5500 Lehrerstellen zu besetzen. Davon wurden 4100 durch Pensionierungen frei. In normalen Jahren wären es halb so viele.

"Wir haben Regionen mit sehr guter Versorgung, aber auch Landstriche, wo Lehrer nicht hinwollen." Susanne Eisenmann
BZ: Sie reaktivieren Pensionäre und schlagen sich mit anderen Notmaßnahmen durch. Wie geht es voran?
Eisenmann: Die Maßnahmen waren dringend nötig, sonst wäre die Lage noch prekärer. Was aber immer ein bisschen untergeht: Wir haben Regionen mit sehr guter Versorgung, aber auch Landstriche, wo Lehrer nicht hinwollen. Im Landkreis Tuttlingen beispielsweise herrscht landesweit der größte Mangel. Es gibt Lehrer, die lieber befristet in Karlsruhe arbeiten als unbefristet im unkündbaren Beamtenverhältnis in Tuttlingen.

BZ: Warum zahlen Sie keine Zulagen für Mangelregionen?
Eisenmann: Ich bezweifle, dass das erfolgreich wäre. Wir haben etwa ein Überangebot an Deutschlehrern für Gymnasien. Die haben keine feste Stelle. Ihnen bieten wir an, mit einer berufsbegleitenden Zusatzqualifikation an Grundschulen auszuhelfen und dann nach drei Jahren als Beamte zurück in den Gymnasialbereich zu wechseln. Das haben wir tausenden Lehrern angeboten, nur knapp 200 haben angenommen. Mobilität und Flexibilität sind im Berufsleben heute unverzichtbar, aber das geografische Beharrungsvermögen von Junglehrern ist erstaunlich.

BZ: Sie könnten Beamte ja versetzen.
Eisenmann: Das tun wir auch. Wir müssen die Unterrichtsversorgung landesweit gewährleisten. Deshalb versetzen wir verbeamtete Lehrer aus gut versorgten Orten in Mangelregionen und schaffen somit freie Stellen an attraktiveren Orten für Junglehrer, die nirgends sonst hinwollen. Das ist ungerecht, aber es geht nicht anders.

"Ich wüsste nicht, wie das besser funktionieren würde, wäre ein Bundesminister für alle 40.000 Schulen in Deutschland zuständig." Susanne Eisenmann
BZ: Volker Kauder, CDU-Fraktionschef im Bundestag, spricht schon von "Bildungsnotstand". Hat er Recht?
Eisenmann: Den Begriff kann ich nicht nachvollziehen, das ist schlicht Unsinn. Wir haben immer noch eine ordentliche Unterrichtsversorgung und arbeiten daran, dass wir in zwei bis drei Jahren wieder optimal aufgestellt sind. Und im Gegensatz zu anderen Ländern ist der Anteil von nicht ausgebildeten Lehrern bei uns sehr gering.

BZ: Der Bund will sich stärker im Bildungsbereich engagieren. Was haben Sie dagegen?
Eisenmann: Ich bin für 4500 Schulen verantwortlich, und alle wollen zu Recht vor Ort mitgestalten und legen Wert auf Berücksichtigung regionaler Besonderheiten. Ich wüsste nicht, wie das besser funktionieren würde, wäre ein Bundesminister für alle 40.000 Schulen in Deutschland zuständig. Außerdem stellt sich dann die Frage, auf welchem Niveau eine Bundes-Bildungspolitik stattfände: auf dem von Berlin oder Bayern?

BZ: Der Bund will die digitale Bildung fördern. Warum stockt das so?
Eisenmann: Der Digitalpakt ist das ideale Beispiel, warum nichts besser oder schneller wird, nur weil es der Bund übernimmt. Wir diskutieren das Thema seit mehr als zwei Jahren, ohne dass etwas passiert, und das liegt nicht an den Ländern. Das Geld für den Digitalpakt soll fließen, aber erst nach einer Grundgesetzänderung. Es gibt eine fertig ausgehandelte Grundlage des Digitalpakts. Der Bund investiert fünf Milliarden Euro für die digitale Ausstattung, die Länder übernehmen die inhaltlichen und pädagogischen Aufgaben. Das Geld könnte auf Basis von Artikel 91c des Grundgesetzes sofort fließen. Wir brauchen keine Grundgesetzänderung.
Susanne Eisenmann (53) war von 2005 bis 2016 Bürgermeisterin für Kultur, Schule und Sport in ihrer Heimatstadt Stuttgart. Seit 2016 ist sie Landeskultusministerin.

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