"Bittet uns nicht um das Unmögliche!"

Stefan Scholl 

Von Stefan Scholl, & 160;

Di, 12. Februar 2019

Kunst

Russland will auf keinen Fall deutsche Beutekunst zurückgeben.

Russlands Kulturminister ist empört: Ende Dezember habe die deutsche Botschaft mitgeteilt, dass sie anstrebe, die Rückkehr der Kulturgüter zu erreichen, die im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs in die UdSSR gelangt seien. "Dann verbesserten sich die Diplomaten hastig: Na ja, wir streben keine entschiedene Rückgabe an, aber wir möchten die Verhandlungen zu diesem Thema aktivieren", schreibt Wladimir Medinski. Aber auch diese "windschnittige" Formulierung bedürfe einer Erklärung: Es werde weder Rückgaben noch Verhandlungen darüber geben.

Nicht nur Minister Medinski schlägt Alarm. Russland, genauer Russlands Kreml-nahe Öffentlichkeit, führt eine neue "Beutekunst"-Debatte. Wobei man die deutschen Forderungen durchaus verschieden charakterisiert. Aber in einem Punkt herrscht Einigkeit: Wir geben nichts zurück! Zuerst wurde die halbstaatliche Zeitung Iswestija laut. "Die BRD redet wieder über die Restitution sowjetischer Beutestücke", titelte sie vor Weihnachten. In der deutschen Botschaft habe man der Zeitung mit Verweis auf das Büro der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien erklärt: "Die deutsche Bundesregierung setzt ihre Bemühungen fort, eine friedliche Lösung der Frage über die Repatriierung kulturellen Erbes zu erreichen, und wird darauf bestehen, dass Verhandlungen mit den Vertretern der russischen Regierung geführt werden." Eine arg angespitzte Übersetzung der Erklärung. Statt von der böse Alternativen andeutenden "friedlichen Lösung" ist dort von einer "einvernehmlicher Lösung" die Rede. Und statt auf "Verhandlungen zu bestehen", ist nur die Rede davon, dass die deutsche Seite "das Thema auch in Zukunft in die gemeinsamen Gespräche einbringen" werde.

Die Iswestija zitierte auch Michail Schwidkoi, den Sonderbeauftragten des Kremls für internationale kulturelle Zusammenarbeit: Für Verhandlungen oder Rückgaben bedürfe "es einer Atmosphäre des Vertrauens, die es heute leider nicht gibt". Im Klartext: Solange die westlichen Sanktionen gegen Russland gelten, passiert nichts. Auch in deutschen diplomatischen Kreisen heißt es, zur Zeit mache dieser Status quo Rückgabeverhandlungen zwecklos. Die Alarmmeldung der Iswestija wurde von der Staatsagentur RIA Nowostia aufgenommen. So viel Lärm war in Moskau offenbar nicht jedem recht. Eigentlich gelten die Kulturbeziehungen zu Deutschland als Reservat guter Zusammenarbeit. So präsentiert sich Russland dieses Jahr bei den "Russian Seasons" in Deutschland mit 453 Hochglanz-Kulturereignissen.

"Die Medien erwecken den Eindruck", schrieb das Massenblatt Komsomolskaja Prawda kurz nach der Iswestija, "als wollten die Nachkommen der Teutonen fast schon die Weltkriegsergebnisse in Frage stellen." Das wiederum missfiel Minister Medinski. Und er polemisierte dann in der Regierungszeitung Rossijskaja Gazeta gegen "neue Versuche, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs mithilfe der Restitution in Frage zu stellen". Er schrieb über Rechtspositionen, aber vor allem über Moral. "Verehrte deutsche Partner, gebt ihr uns vielleicht 27 Millionen Menschenleben zurück? Also bittet uns auch nicht um das Unmögliche."

Man kann die Russen verstehen, wenn sie Schliemanns Schatz des Priamos, Impressionisten aus deutschen Privatsammlungen, den Eberswalder Goldschatz oder Cranach-Gemälde aus Gotha gegen die massenhaft von den Nazitruppen zerstörten oder geraubten russischen Kulturgüter aufrechnen. Medinski aber verwahrt sich gegen jede Form von Restitution, auch an die Ukraine oder an Holland, auch in der Vergangenheit. Die Rückgabe Millionen deutscher Kunstgegenstände an die DDR 1955 sei "falsch verstandene Klassensolidarität" gewesen.

Die deutsche Seite vertritt die Ansicht, dass für die nationale Identität wichtige Kulturgüter in ihre Heimatländer zurückgegeben werden sollten. Diese Idee kommt international zusehends in Mode. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, afrikanischen Exkolonien Kunstwerke zurückzugeben. Das irritiert nicht nur französische Kuratoren. Deutschland hätte mit seinen Restitutionsansprüchen die Büchse der Pandora geöffnet, beschwert sich Michail Piotrowki, Direktor der Petersburger Eremitage, beim Le Journal des Arts. Jetzt drohe eine endlose Reihe von Rückgabeforderungen, die die Museen vernichten werde. Medinski wirft anderen Kulturnationen allerlei Frevel vor, vor allem Frankreich. Der Louvre sei voll Beutekunst: Was allein Napoleon aus Italien, Spanien oder Ägypten weggeschleppt habe. "Nur die Sphinx musste er aus technischen Gründen da lassen. Aus Ärger hat er ihr die Nase weggeschossen", so der russische Minister.

Es herrschen schlechte Zeiten für leise oder nachdenkliche Töne. Auf jeden Fall unter Russlands Staatspatrioten. Auf die Frage der Komsomolskaja Prawda nach einer möglichen Rückgabe deutscher Kulturgüter antwortete der Schriftsteller Sachar Prilepin: "Die sollen uns zuerst die DDR, die Ukraine und das Baltikum zurückgeben, dann werden wir mal sehen." Nicht nur er möchte das Europa wieder, das nach 1945 der Roten Armee zu Füßen lag.