Das Archaische im Industriellen

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 12. Februar 2019

Kunst

KUNST IN KÜRZE: Herz-Zentrum Bad Krozingen, Galerie Kralewski in Freiburg, Galerie Schindel in Pfaffenweiler.

Arthur Stoll und Freunde
Das Sujet hat nichts Spektakuläres: Gemüse, ein Kopfsalat und eine Tomate, bildfüllend in dieser Zweiheit. Grün, Rot und ein schmutziges Weiß – die Farben, mit denen Artur Stoll (1947–2003) sein jetzt im Herz-Zentrum in Bad Krozingen ausgestelltes Stillleben malte, haben sich wie im Blumenstillleben daneben insgeheim selbst als Thema; nicht zuletzt in ihrer schieren Materialität. Hier wirft sich die Farbmasse pastos auf. Dort hat Stoll mit dem Pinselstil Furchen in sie gegraben. Beseelt vom Künstlerwunsch, die dargestellten Gegenstände mit Farbmaterie förmlich zu modellieren, wird das Bild beinahe zum Relief. So nah ist Stoll bei den Dingen, die er malt, so wert sind sie ihm in all ihrer Alltäglichkeit, dass er sie mit Farbe am liebsten nacherschaffen würde. Nicht nur mit den Augen soll der Betrachter sie fassen können, sondern beinahe mit den Händen greifen.

Ausgestellt sind ein weiteres Ölbild und ein Aquarell größeren Formats; daneben Werke befreundeter Künstler. All das stammt aus Stolls Nachlass. Interessant zu sehen, von wem er beschenkt wurde – und mit wem er Werke tauschte. Von Peter Dreher etwa sind in der Ausstellung zwei "Bedeutungslose Bilder", Abstraktionen – neben zwei kleinen Papierarbeiten mit dem Motiv von Schlüsseln, die am Nagel hängen. Zwei Grafiken stammen von Gunter Vogel, zwei von Bernd Völkle. Horst Antes taucht in seinen Farblithografien eine den Betrachter mit großem Auge anblickende Figur in traumartige Situationen. Unten, im Foyer der Klinik, treten zu den Kunstwerken Gefäß-Objekte der Müllheimerin Elisa Stützle-Siegsmund.

Paul Ahl
In Ton gearbeitet hat, freilich als Bildhauer, bis vor nicht langer Zeit auch Paul Ahl. Heute ist das Material seiner Wandobjekte hauptsächlich Beton. Die wachsen in der Freiburger Galerie Marek Kralewski in fremdartig anmutenden Formen zart pastellfarben aus der Wand. "Umverpackung" – den Begriff, den der 1983 Geborene als Titel einer Werkserie und jetzt der Ausstellung mit neuen Arbeiten wählte, glaubte er ursprünglich selbst erfunden zu haben. Um irgendwann festzustellen, dass er die Fachbezeichnung für eine äußere Verpackung ist, in der eine bereits abgepackte Ware transportiert und zum Kauf angeboten wird.

Exakt solche Verpackungen nutzt Ahl als Gussform für seine Beton-Objekte. Das Innere ist in ihnen gleichsam nach außen gestülpt. Und was als Hülle für anderes diente, gewinnt eigene Fülle und Substanz – in der alchemistischen Verwandlung sogar bisweilen figürliche Anmutung wie diese zartviolettfarbene Form, die ans Antlitz eines Androiden denken lässt. Zwei rosa Formen erinnern dagegen an menschliche Torsi mit Arm- und Beinstümpfen.

Als "Dekonstruktion des Alltags" wurde Ahls Kunst etwas modisch etikettiert; das Gegenteil trifft zu. Ahls Interesse gilt der Ästhetik industrieller Gebrauchsformen, die er verfremdet, nur um ihre unbeachteten Formpotenziale hervor zu kitzeln. Wir sind ja umgeben von Dingen, über die wir achtlos hinweggehen. Paul Ahl sieht genau hin – und entdeckt noch im industriellen Produkt Archaisches. In einem Fünfer-Lagerungs-Set für Melonen beispielsweise ein Formensemble, dessen dunkle Beton-Füllung uns ankommt wie die Körpervolumina der Venus von Willendorf.

Wolfgang Müller
Rot – Farbe der Liebe. Bei Wolfgang Müller (Jahrgang 1946) scheint sie zugleich die der Lust zu sein. In den Bildern und Aquarellen in der Galerie Schindel in Pfaffenweiler dominiert sie nicht nur in den Porträts der Gattin des Künstlers aus Bühl. Die wirkt in einigen hinreißenden Aquarellen wie eine junge Frau. Rot herrscht in den aquarellierten Akten vor, die dieselbe Frau darzustellen scheinen.

Und dann sind da, hinreißend an der Kante von Festem zum Verfließen auch sie, Aquarelle mit jeweils einer einzelnen, sinnlichen Kirsche. Wobei jede einzelne Frucht eine laszive Einfurchung aufweist. Die geschlechtliche Assoziation findet sich bestätigt im Blick auf ein Aktbild mit unverkennbarer Anspielung auf Courbets "Ursprung der Welt".

Eine Galerieausstellung Müllers mit Rainer Braxmeier und Armin Göhringer vor zehn Jahren in Karlsruhe hatte die Überschrift "Raum – Farbe – Körper". In der Tat ist Farbe auch als solche ein Thema des Bühlers: Schindel zeigt neben den gegenständlichen Aquarellen auch eine Reihe abstrakter, monochrom roter Malereien.

Herz-Zentrum Bad Krozingen, Südring 15. Bis 1. März, Mo bis Fr 9-18 Uhr.
Galerie M. Kralewski, Basler Str. 13, Freiburg. Bis 3. März, Di bis Do 14–18 Uhr. Galerie Schindel, In den Langmatten 10, Pfaffenweiler. Bis 9. März, Di, Do, Fr 14–18 Uhr, Sa 10–14 Uhr.