Dialoge aus der Geschichtswerkstatt

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 16. Dezember 2018

Kunst

Der Sonntag Ausstellung von Rosa Lachenmeier und Patrick Luetzelschwab in der Weiler Galerie Stahlberger.

Immer wieder der 100 Jahre alte Wasserspeicher: Das reichlich verwitterte Wahrzeichen blickt auf den Vitra Campus, erzählt aber alte Weiler Eisenbahngeschichte. Patrick Luetzelschwab lässt die Fotografie künstlich altern, die Szene taucht ins Unwirkliche. An der gleichen Galeriewand rast die Straße am bauchigen Speicherturm vorbei, die auf Grau- und Blautöne reduzierten Farben kippen ins Negativ, die Nacht ist dynamisiert, Störfunk am Himmel: Auch Rosa Lachenmeier war hier.

Einen spannenden Dialog hat Ria Stahlberger in ihrer Galerie inszeniert. Beide Künstler haben dieselben (post-)industriellen Unorte für ihre Arbeiten aufgesucht, sich aber erst für die Schau miteinander abgestimmt. Luetzelschwab war einst Lachenmeiers Schüler an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, hier begegnen sie sich auf Augenhöhe.

Grundlage für beider Arbeiten sind Fotografien, die Ergebnisse aber sehr unterschiedlich. Luetzelschwab, der aus der Street Art kommt, verfremdet Schwarz-weiß-Aufnahmen mit Spray, Siebdruck und Acryl. Einige der schönsten lässt er altern, legt Schlieren, Kleckse, Fehlfarben und weitere Schichten auf die Industrieansichten, und die Gleisanlagen mit dem altmodisch-markanten Schild "Halt auf Verlangen" liegen wie hinter den Drahtmaschen eines Zauns. Flohmarktfunde aus der Zukunft, die von einer längst vergangenen Epoche berichten. Ähnlich hat Bluesarchäologe Tom Waits sein Album "Mule Variations" gestaltet.

Immer wieder fügt Luetzelschwab unaufdringliche Details hinzu, die kleine Erzählungen in Gang bringen. Da ist die sitzende Figur, ein winziger Kantenhocker der Industriedenkmäler, der den Blick leicht verträumt nach oben richtet. In einem rosé beleuchteten Bild zieht ein kleiner Kampfflieger nach rechts, während links über dem Hafengebäude eine Taube auffliegt. Aufdringlicher wird die womöglich schlichte Botschaft aber nicht, Luetzelschwab bleibt Herr seiner Mittel. Street-Art-typische Selbstbezüge greift er ebenfalls spielerisch auf – eine der Fotografien der Autobahnbrücke zeigt an einem Pfeiler einen Schriftzug, den er dort in wilderen Tagen noch selbst gesprayt hatte – eine Überformung des eigenen Werks gewissermaßen.

Lachenmeier schreibt ihren Bildern weniger Geheimnisse und Zeitebenen ein, bei ihr ist der Übergang von fließender in feste Form bedeutsamer, in Bildern wie "Silo" kann man ins Grübeln kommen, ob die Hafenlandschaft aus einer Ursuppe ungeformter Farbtöne zu fester Form wird, oder ob sich diese verflüssigt und ins Unbekannte abfließt. Mitunter scheint sie die Fotografien nicht nur als Impulse, sondern direkt als Vorrat an bildnerischen Elementen zu nutzen.

Im Bild aus dem Containerhafen spiegelt die Bearbeitungsebene die Formen und Farben aus der Fotografie in abstrakterer Sprache zurück. Für die Schlusspointe der heute endenden Ausstellung sorgt übrigens die Bahn: Sie hat den von der Zeit angefressenen Wasserspeicher frisch gestrichen.

René Zipperlen

Zwei Länder, Gleiche Orte Rosa Lachenmeier und Patrick Luetzelschwab. Galerie Stahlberger, Pfädlistraße 4, Weil am Rhein. Nur noch heute, Finissage von 14 bis 17 Uhr.