Die elementare Kraft der Farbe

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Sa, 13. Mai 2017

Kunst

Eine Schau in Engen widmet sich der Künstlerin Ida Kerkovius.

Als Ida Kerkovius 1970 hochbetagt in Stuttgart starb, zählte sie zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen der Klassischen Moderne. Zwei große Einzelausstellungen in Frankfurt und Stuttgart hatten sie drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ins Bewusstsein des Publikums katapultiert. Als Teil des "Rat der Zehn" und mit Künstlern wie Otto Dix und Erich Heckel initiierte sie 1955 die Gründung des Künstlerbundes Baden-Württemberg.

Kunstinteressierten Freiburgern war die kleine Frau mit den wachen blauen Augen weit länger ein Begriff. 1916 hatte sie im Kunstverein gemeinsam mit Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und Johannes Itten an der Ausstellung "Hölzel und sein Kreis" teilgenommen. Doch während ihre männlichen Kollegen heute auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erzielen, ist es um Ida Kerkovius still geworden. 16 Jahre ist es her, dass die letzte große Retrospektive in Regensburg stattgefunden hat. Mit der Sonderausstellung "Ida Kerkovius. Im Herzen der Farbe" will das Städtische Museum Engen die 1879 in Riga geborene Künstlerin aus ihrem Dornröschenschlaf wecken. Dazu versammelt die Ausstellung 80 hochkarätige Werke von 29 Leihgebern und konzentriert sich auf das reife Werk ab 1923.

Geht man der Frage nach, warum diese begabte Künstlerin im Schatten ihrer Kollegen steht, stößt man auf ihren Biografen Kurt Leonhard. In seiner Monografie von 1967 führte er ihre Begabung für die Farbe auf "konstitutive Wesensmerkmale der weiblichen Psyche" und "Naivität" zurück. Einige Jahre nach dem Tod der Künstlerin relativierte er diese Unterstellung, indem er verschlimmbessernd vermerkte, dass bei Kerkovius "Auge und Herz" ohne "Zwischenschaltung irgendeiner intellektuellen Absicht" verbunden gewesen seien. Typische "Frauenkunst"?

Werk und Werdegang der Künstlerin waren alles andere als typisch für ein Mädchen, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als viertes von zwölf Kindern eines wohlhabenden Gutsbesitzers geboren worden war. 1903 in Dachau und ab 1908 an der "Königlich Württembergischen Akademie der bildenden Künste" in Stuttgart war sie Schülerin und Assistentin von Adolf Hölzel, einem Wegbereiter der abstrakten Malerei. Damit nicht genug: Nachdem die Weimarer Verfassung Frauen die unbeschränkte Lernfreiheit gewährt hatte, ging die 41-Jährige von 1920 bis 1923 ans Staatliche Bauhaus. Als Frau landete man dort fast zwangsläufig in der Weberei, doch da ihre Familie im Ersten Weltkrieg einen Großteil des Vermögens verloren hatte, ergriff sie die Chance, durch dieses Handwerk den Lebensunterhalt zu sichern. Kerkovius belegte Kurse bei Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Letzterer liebte ihre Teppiche und bestellte sich im Tausch gegen eines seiner Ölbilder ein Exemplar der Marke "Kerko". Am Bauhaus löste sie sich von Hölzel und fand zum eigenen Stil. In einem Punkt war die Künstlerin früh vollendet: "Die Farbe ist mir angeboren, hat mir niemals eine Schwierigkeit gemacht", bemerkte sie im Rückblick.

Betrachtet man die ausgestellten Landschaften, die Zirkusbilder, die Auseinandersetzungen mit der Kinderkunst sowie die freien Farbkompositionen, wird genau das deutlich. Kerkovius behandelte gegenständliche und ungegenständliche Konstellationen gleichwertig und spielte mit den Motiven. Aus einem Kreis wird ein Gesicht, aus einem Dreieck ein Turm, aus einem Oval eine Manege. Über allem steht die Farbe. Mit elementarer Kraft stellte die Künstlerin ein Rosa neben ein Grün, ein Violett neben ein Rot. Nur zwei Jahre vor ihrem Tod entstand die prachtvoll leuchtende Komposition "Frühlingsblumen". Ein Rausch an sich versprühender Farbe, eine innige Vereinigung von Motiv und Grund, eine unbändige Kraft im Strich wird hier offenbar. Kaum zu glauben, dass dies das Werk einer 88-Jährigen ist. "Ich lebe und webe ganz in und aus der Farbe", sagte Ida Kerkovius und brachte mit ihrer Malerei die Blüten zum Leben.

Städtisches Museum und Galerie,
Klostergasse 19, Engen. Bis 30. Juli, Di bis Fr 14–17, Sa, So 11–18 Uhr.