Die erstaunliche Dimension des Brotteigs

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Di, 20. November 2018

Kunst

KUNST IN KÜRZE: Chris Popovic stellt in Merdingen aus, Helge Emmaneel in Emmendingen und Marianne Hopf in Kenzingen.

Chris Popovic

Kurt Tucholskys launigen Hirnverzwirner "Ein Loch ist das, was etwas nicht ist" nimmt Chris Popovic als Leitmotiv für ihre Ausstellung im Kunstforum Merdingen. Mit ihren auf Alu-Dibond aufgezogenen Fotos endet das diesjährige Forum-Ausstellungsprogramm "Digital".

Dass sich die Natur der von Löchern perforierten Substanz auf den Bildern nicht unmittelbar erschließt, erweist sich durchaus als Vorteil, weil die wie Science-Fiction-Landschaften wirkenden Motive sich weitaus komplexer anlassen. Denn was diese vordergründig rätselhaften Formen verbindet, ist ihre strukturelle Verwandtschaft mit Schwämmen, Vulkangestein und Ähnlichem aus der physikalischen Kategorie der Schäume. Die von festen oder flüssigen Wänden eingeschlossenen Blasen sind unstete Gebilde, die als Sujets vor allem darin attraktiv sind, dass sie ein zufallsbedingtes Chaos erzeugen, gleichzeitig aber auch einer erkennbaren Ordnung unterliegen.

Nach der ins Irreale getriebenen Vergrößerung sind Popovics analog fotografierte Motive digital weiterverarbeitet, mit Farben inszeniert, die Kontraste verstärkt, die Raumwirkung intensiviert. Als Resultat dieser Prozeduren entstehen Bilder einer ungreifbaren Dimension zwischen Körper, Fläche und dem Nichts, was den Ausstellungstitel genau trifft. Dass es sich um so wenig Erhabenes handelt wie Brotteig, erdet dieses Universum aus Löchern mit einem raffinierten Dreh.

Helge Emmaneel

Auch für Helge Emmaneel ist die Kamera ein obligates Produktionsmittel. Sie zeichnet Wolken auf, um eine der flüchtigsten und am wenigsten körperlichen Naturerscheinungen festzuhalten, damit dieses vergängliche Phänomen malbar wird. Neben wenigen Zeichnungen und Fotografien bilden Ölgemälde den Schwerpunkt der Ausstellung "H2O/CO2" in Emmendingens Galerie im Tor. Dass die Fotografie das Medium des Augenblicks ist, beweist sich einmal mehr an Helge Emmaneels Thema. Ist das ephemere Motiv erst einmal still gestellt, verlangsamt sich das Malen zu einer gewissenhaften Erforschung jener so allgegenwärtigen, altvertrauten wie unbeständigen Dunstformationen, die das Blau der Atmosphäre durchkreuzen.

Ob sie sich schnell verändern oder nur ganz langsam – seit Kindheitstagen fühlt sich der Künstler, wie er selbst berichtet, angezogen von Wolken, allerdings nie mit der Neigung, irgendwelche Luftschlösser in sie hinein zu phantasieren. Was ihn dagegen endlos fasziniert, sind die realen Formen, wie sie sich in bestimmten Augenblicken hoch über dem Horizont einzeichnen. Wenn Emmaneel gleich mehrere Bilder mit "Cloud Atlas" betitelt, verweist das weniger auf eine bekannte Literaturverfilmung als seinen subjektiven Atlas persönlicher Beziehungen zu den berückenden Gebilden, in deren künstlerischen Verdopplungen sich ähnlich wie in Musikstücken Erinnerungen an Zustände, an Orte und Erlebnisse speichern.

Marianne Hopf

Schachtelhalme, Mohnkapseln und Jahresringe dürften die Vorbilder für die in Mischtechnik ausgeführten Papier- und Leinwandarbeiten gewesen sein, die Marianne Hopf für die Ausstellung "Transparenz und Totem" in der Galerie Menzel in Kenzingen ausgewählt hat. Auch wenn auf ihren zwischen 2002 und 2011 entstandenen Bildern naturähnliche Formen dominieren, so wird diese biomorphe Harmonie immerwährend von krakeligen Linien oder Netzmustern gestört, während als graphisches Gegengewicht zentralperspektivische Raumkonstruktionen ein stabilisierendes Element in die Kompositionen einbringen.

Der titelgebende Begriff "Transparenz" lenkt die Aufmerksamkeit auf eine dreiteilige, von der hohen Decke über die Fenster herabhängende Arbeit. In den mit Leinöl durchsichtig gemachten Papierbahnen überschneiden sich Bild und Installation. Das Leinöl ermöglicht es auch, die Rückseiten so zu bearbeiten, dass das dort Aufgemalte sich schattenhaft durchpaust.

Indem der zweite Titelbegriff "Totem" auch eine Rauminstallation aus vier turmartig hochgezogenen Quadern bezeichnet, eröffnet sich gleichzeitig ein ethnologisches Assoziationsfeld, in dem sich die pflanzenhaften Motive in einen mythischen Kontext verschieben. Ab da werden Hopfs abstrakte Formen plötzlich als Zeichen lesbar, die eine längst verschüttete Tiefenbeziehung zwischen den Menschen und der Natur als ganzer in Erinnerung bringen.

Merdinger Kunstforum, Merdingen, Stockbrunnengasse 2a. Bis 2. Dez.,
Sa 16–18 Uhr, So 12–18 Uhr.
Galerie im Tor, Emmendingen, Lammstr. 8. Bis 9. Dez., Mi 14–17 Uhr, Sa 11–14 Uhr, So 11–17 Uhr.
Galerie Thomas Menzel, Kenzingen, Mühlestraße 25a. Bis 19. Jan., Do bis Fr 15–19 Uhr, Sa 12–18 Uhr.