symphony.land

Ein Großprojekt des in Freiburg lebenden Künstlers Till Velten

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 04. September 2017

Kunst

"symphony.land": Ein Großprojekt des in Freiburg lebenden Künstlers Till Velten in Luzern, Basel, Dornach und Zürich.

Wie Dinge manchmal zusammenkommen: Man hält es nicht für möglich. Der in Freiburg wohnende, in der Schweiz und in Wien arbeitende Künstler Till Velten (56), Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie, ist so jemand, dem kuriose, verrückte Geschichten zustoßen – vermutlich weil er auf dem weiten Gebiet der sozialen Plastik arbeitet, die für ihn in arrangierten Gesprächen besteht. In Freiburg ist er zuletzt mit einem ungewöhnlichen Projekt mit Demenzkranken hervorgetreten (BZ vom 17. 4. 2015 ).

Die jüngste Geschichte geht so: Vor zwei Jahren lernt Velten bei einer Einzelausstellung in der Zürcher Galerie von Nicola von Senger den Kunstsammler Theodor von Oppersdorff kennen, Abkömmling eines uralten schlesischen Adelsgeschlechts. Oppersdorffs Urururgroßvater Graf Franz Joachim von Oppersdorff, Schlossherr in Oberglogau – das heute in Polen liegt – war mit Ludwig van Beethoven gut bekannt. Er lernte ihn über dessen Gönner Karl von Lichnowsky kennen und war offenbar Zeuge des tiefgreifenden und sogar körperlichen Zerwürfnisses zwischen Lichnowsky und dem Komponisten, weil dieser 1806 nicht vor französischen Soldaten spielen wollte. Der adelige Mäzen gab bei Beethoven zur selben Zeit die vierte und die fünfte Sinfonie in Auftrag. Zum Dank widmete Beethoven ihm die vierte.

Diese Widmung hängt den von Oppersdorffs bis heute an. So jedenfalls erzählt es Till Velten. Vom späten Nachkommen Theodor erhielt er den symbolischen Auftrag, ihn von dieser traumatischen Bürde zu befreien: die Sinfonie abseits des Konzertbetriebs in einen neuen, ungewöhnlichen, unerwarteten Zusammenhang zu stellen. Das lässt sich Velten nicht zweimal sagen. Da er sich in seinen Skizzenbüchern anhand von Zeitungsausschnitten, übermalten Fotos und Zeichnungen intensiv mit der Situation von Geflüchteten in ihren Ankunftsländern beschäftigt – speziell in Wien, wo er seit zwei Jahren eine Professur für Ikonographie an der privaten Sigmund-Freud-Universität innehat und ihm ihre Omnipräsenz im Stadtbild auffällt – , verfällt er auf den Gedanken, Beethovens Komposition mit der nicht unheiklen gesellschaftlichen Situation in Österreich engzuführen. Herausgekommen ist das Projekt "symphony.land".

Vom ursprünglichen Plan, Beethovens Vierte von einem ausschließlich mit geflüchteten Musikern besetzten Sinfonieorchester spielen zu lassen, ist Till Velten schnell abgekommen. Er wollte und konnte die Situation des Castings nicht ertragen, sagt er. Statt dessen spielt jetzt ein neunköpfiges Profi-Ensemble aus Wien und Berlin unter dem syrischen Dirigenten und Komponisten Ayman Hal, der auf der Schnittstelle zwischen Beethoven und den Herkunftsländern der Musiker eine eigene Musik komponiert hat. Sie bildet den Rahmen für die Auftritte eines syrischen Oud-Spielers, eines "Teufelsgeigers" aus dem Irak und ein Sufitänzers aus Afghanistan. Beethovens Sinfonie wird motivisch umkreist, aber kommt in dieser "Collage von Ost und West, Musik und Erzählung, Scheitern und Erfüllung" (Velten) mit dem schönen Untertitel "ways of leaving" nicht in Gänze zu Gehör. Einen anderen Weg – von der bildenden Kunst zum Gesang – legt dabei der Sänger Peccu Frost aus Finnland zurück: eine Kunstfigur, die in einem mit schwarzen Vogelfedern besetzten priesterähnlichen Gewand auftritt, einer Kreation von Velten und Frost, umgesetzt von der Schweizerin Chantal Hoefs. Mit der Darbietung des berühmten "Cold-Songs" aus Henry Purcells Oper "King Arthur" erfüllt sich Peccu Frost einen Lebenstraum. Das ist vielleicht weniger eine Geschichte vom Fliehen als vom Ankommen – die bei der Aufführung von "symphony.land" am Goetheanum in Dornach unter dem Motto "Den Menschen sehen" auch eine Rolle spielen wird.

Zum Erbe Rudolf Steiners unterhält der einstige Waldorf-Schüler Till Velten eine offene, produktive Beziehung. Aus der durch seine Ausstellung "Seelenräume" in Zürich vor sechs Jahren intensivierten Beziehung zu Bodo von Plato, Vorstandsmitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach, wurde die Idee geboren, einen Teil von "symphony.land" in der Zentrale der Anthroposophen zu zeigen – als Rahmen für ein Gespräch mit dem Initiator Theodor von Oppersdorff, der die Verantwortung zwischenzeitlich an seinen Bruder Emmanuel abgegeben hatte und sich im Gespräch mit Till Velten zum Projekt äußern wird.

Lucerne Festival, Museum der Kulturen Basel, Goetheanum Dornach, Kulturhaus Helferei Zürich: An diesen vier sehr unterschiedlichen Orten wird "symphony.land" vom 9. bis zum 12. September zur Aufführung kommen. Für das nächste Jahr sind bisher Termine in Bregenz, Graz und Schloss Elmau geplant. Die Spannbreite der Aufführungsorte ist nicht nur den zahlreichen Sponsoren und Kooperationspartnern geschuldet. Sie ist auch symptomatisch für die alle Grenzen von Genres und Milieus hinter sich lassende, sich jeder Einordnung widersetzende Arbeit des Künstlers Till Velten. Man kann "symphony.land" eine "multimediale, begehbare Plastik" nennen – wie im aufwendig gestalteten Ankündigungsheft. Man kann Till Veltens Projekt schlichter als Versuch verstehen, Begegnungsräume zu schaffen von und für Menschen zwischen Flucht und Ankunft, Exil und Heimat. Die Musik, so viel scheint klar zu sein, spielt in diesem Transferraum, diesem imaginären Zwischenreich eine entscheidende Rolle.

Premiere: 9. September, 16 Uhr, Maihof-Kirche, Luzern. Weitere Termine: 10. September, 14 Uhr, Museum der Kulturen, Basel, 11. September, 20 Uhr, Goetheanum,

Dornach, 12. September, Kulturhaus Helferei Zürich. www.symphony.land