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14. September 2017

"Es fehlt der politische Wille"

Mit der "Nocturne" starten die Kunsthäuser und Galerien der Stadt Freiburg in die neue Saison.

  1. - Foto: judith

Seit ein paar Wochen ist im Dachgeschoss der Gertrud-Luckner-Schule in der Freiburger Kirchstraße von morgens bis abends das Rascheln und Reißen von Plastik, Packpapier und Gafferband zu hören. An den Wänden der langen Flure lehnen inzwischen Hunderte von bemalten Leinwänden auf Keilrahmen, sauber verpackt in Noppenfolie und nach Größe sortiert. Daneben stapeln sich gefaltete Umzugskartons, flankiert von zahllosen Kisten voller Farbdosen, Tuben, Pinsel und Lappen. Ein paar Künstler kauern am Boden und wickeln ihre Bilder ein.

Anfang Oktober gehe hier das Licht aus, sagt Eduard Dick, dann müssen alle raus. Der junge Maler studiert bei Tatjana Doll, einer der beiden Professorinnen, die bis Juli an der Freiburger Außenstelle der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe lehrten. Nachdem der Rechnungshof des Landes Baden-Württemberg 2013 empfohlen hatte, die 1956 gegründete Außenstelle wegen Unwirtschaftlichkeit zu schließen und die Malereiklassen nach Karlsruhe zu verlagern, was sowohl Doll als auch ihre Kollegin Leni Hoffmann begrüßten und von der Stadt Freiburg nicht verhindert wurde, ist nun tatsächlich Schluss. Für Eduard Dick beginnt das nächste Semester in Karlsruhe. Am vergangenen Wochenende hatte er dort in einem kleinen Offspace bereits eine kleine Ausstellung, zusammen mit einem anderen Kommilitonen aus Freiburg. Nik & Dick nennen sich die beiden. "War cool", sagt

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er. Ob er am Freitag dabei ist, wenn in Freiburg mit der "Nocturne" die Galerien und Kunsthäuser gemeinsam in die neue Saison starten? Mal sehen.

Das Format des abendlichen Kunstrundgangs im Frühherbst gibt es seit eineinhalb Jahrzehnten – in mehr oder weniger unveränderter Form. Auch in diesem Jahr dürfte der Andrang groß sein. Und doch ist etwas anders. Gleich um die Ecke in der Basler Straße, nur einen Steinwurf von der Außenstelle der Akademie entfernt, betreibt Marek Kralewski seine Galerie. Vor fünf Jahren eröffnete er in einer Hinterhofgarage und erfüllte sich damit einen Traum. Seither realisierte er gut drei Dutzend Ausstellungen mit Kunstschaffenden, deren Arbeiten ihn packen, darunter auch mit Absolventen der Freiburger Außenstelle wie dem radikalen Malerwriter DOMINIK. Zur "Nocturne" zeigt Kralewski Decollagen der amerikanischen Künstlerin Naomi Middelmann. "In Freiburg wird es ohne die Außenstelle weniger junge Künstlerinnen und Künstler geben, die hier arbeiten, sich mit Kunst auseinandersetzen und im besten Fall etwas bewegen wollen", sagt er. Zu hoffen sei, dass das Vakuum von Studierenden der Freiburger Hochschule für Kunst, Design und populäre Musik gefüllt werde – auch wenn die Bedingungen in Freiburg nicht die besten seien. Es fehle an bezahlbaren Ateliers und an Räumen, um Ausstellungen zu organisieren. Das Hauptproblem aber sei ein anderes: "Es fehlt in Freiburg der politische Wille, um die Position der zeitgenössischen Kunst zu stärken."

Das sieht Heinrich Dietz ähnlich. Seit einem Jahr leitet der Kunsthistoriker den Kunstverein und erprobte mit seinem Langzeitprojekt "Site Visit" performative Formen des Ausstellungsmachens. Keine leichte Kost, fanden viele – und kamen trotzdem. Genau das begeistere ihn, sagt Dietz. "Das Freiburger Publikum ist offen und interessiert. Die Menschen nehmen Kunst auf eine neugierige Weise ernst, die nicht selbstverständlich ist". Anlass genug haben sie, findet der 37-Jährige. Im Museum für Neue Kunst und im E-Werk habe es wegweisende Leitungswechsel gegeben. "Christine Litz und Heidi Brunnschweiler machen Programme auf Augenhöhe mit internationalen Häusern, während das Kunsthaus L6 enorm wichtig für die regionale Szene ist", sagt Dietz. Das Publikum wisse das zu schätzen. "Umso mehr wundert mich, dass sich die Politik kaum darüber bewusst zu sein scheint, auf welchem Niveau zeitgenössische Kunst in Freiburg gezeigt wird."

Während der Kunstverein oder das Museum für Neue Kunst sogar Projektmittel der Bundeskulturstiftung akquirieren konnten, verharren die städtischen Förderungen nach wie vor auf Niedrigniveau. Statt darüber zu klagen, will Dietz der zeitgenössischen Kunst in Kooperationen mit anderen Kunsthäusern in Freiburg, der Universität oder wissenschaftlichen Instituten vor Ort neue Potenziale erschließen.

Darin sieht auch Heidi Brunnschweiler einen wichtigen Ansatz für die Zukunft der Kunst in Freiburg: "Man muss die Politik von der Relevanz zeitgenössischer Kunst überzeugen und sie dafür begeistern". Dazu gehöre es, die eigenen Kräfte mit denen unterschiedlichster Partner zu bündeln. Die Schließung der Außenstelle der Akademie sehen beide kritisch. "Die Akademie hat die Freiburger Kunstszene nicht nur geprägt, sondern größtenteils erst hervorgebracht", sagt Dietz. Der Kunstboom der letzten Jahre ist vorbei. Markt und Szene konsolidieren sich. "Das hat sicher dazu beigetragen, dass es in der Stadt keine Mehrheit dafür gab, die Akademie zu halten." Umso mehr müsse es darum gehen, neue Wege zu beschreiten.

Albert Baumgarten, der kürzlich das 40-jährige Jubiläum seiner Galerie feierte, kann dem nur zustimmen – auch wenn er die Präsenz der Akademie in der Stadt schon länger vermisst. "Einzelne Studierende haben immer wieder gemeinsam etwas auf die Beine gestellt, Off Spaces betrieben oder temporäre Projekte organisiert", sagt er. Doch Stadt und Akademie verließen sich auf deren Eigeninitiative, ohne Anstalten zu machen, den Kunststandort Freiburg zu stärken. Im Gegenteil: Die Anfang der Nullerjahre entfesselte Dynamik, mit der Kunsträume wie die Städtische Galerie – heute Kunsthaus L6 – oder die Künstlerwerkstatt aus lukrativen Immobilien im Zentrum an die Peripherie verdrängt wurden, wirke bis heute nach. Dennoch sieht er die Zukunft für die Kunst in Freiburg keineswegs pessimistisch. Immerhin gebe es nach wie vor viele junge Kunstschaffende in der Stadt. Und ein Publikum, das sich für experimentelle Formate genauso begeistern lässt wie für die kraftvolle Malerei eines Cornelius Völker, dessen jüngste Arbeiten Baumgarten bei der "Nocturne" vorstellt.

Nocturne

Nocturne – Rundgang durch Freiburger Kunsträume, 15. September, 18–22 Uhr.
Mit Vernissagen im Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21 (Immortalismus, 19 Uhr), Kunsthaus L6, Lameystr. 6 (Alexander Bürkle Kunstpreis 2017: Judith Kakon, 18 Uhr), Kulturwerk T66, Talstr. 66 (Mali Arun, 18 Uhr), Centre Culturel Français Freiburg, Kornhaus Münsterplatz 11 (Yohan Zerdun, 19 Uhr),
Galerie Artkelch,
Günterstalstr. 57 (Neue Werke von Tjala Arts), Galerie Albert Baumgarten, Kartäuserstr. 32 (Cornelius Völker), Galerie G, Reichsgrafenstr. 10 (Georg Frietzsche) und
Galerie Meier,
Gerberau 4 (Celso Martinez Naves). Ausstellungen im E-Werk, Eschholzstr. 77 (Van Look-Preis 2017: Zora Kreuzer), Kunstraum Alexander Bürkle, Robert-Bunsen-Str. 5 (Solo! Phil Sims), Künstlerwerkstatt L6, Lameystr. 6 (Katharina Neunzig), Galerie Claeys Kirchstr. 37 (Herta Seibt de Zinser) und Galerie Marek Kralewski; Basler Str. 11 (Naomi Middelmann).
Weitere Informationen im Internet
unter http://www.kunst-in-freiburg.de  

Autor: roe

Autor: Dietrich Roeschmann