Vier Seelenwanderungen für das Gelb

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 22. Januar 2019

Kunst

"Was mich nährt und rettet, ist die Farbe": Anne-Sophie Tschiegg in der Galerie Baumgarten.

Wer die Galerie Baumgarten in Freiburg betritt, den empfangen jetzt Blicke: offene und distanzierte, abschätzige, coole oder neutrale. An der Stirnwand des großen Raums gegenüber der Eingangstür haben sich Gesichter versammelt: Je eins pro Leinwand blickt dem Besucher ungerahmt in Acryl entgegen. "Garçons", Jungs, nennt die in Straßburg lebende und in Mulhouse arbeitende französische Malerin Anne-Sophie Tschiegg ihre Werkserie, der die knapp 30 Porträts unterschiedlicher Größe entstammen. In Petersburger Hängung besetzt das vielköpfige Empfangskomitee die gesamte Wand.

Die Einladungskarte zu ihrer ersten Freiburger Ausstellung bietet ein Foto, das die Künstlerin im Atelier auf einer Leiter stehend bei einer Probehängung ihrer Jungs zeigt. Die führte, wie der Galerist Albert Baumgarten weiß, dazu, dass sie – typisch Tschiegg! – an manchen Bildern, die ihr zuvor bereits fertig erschienen waren, weiterarbeitete. Malen ist ein Prozess und festzustellen, wann ein Bild vollendet ist, nicht immer ganz einfach. Hier noch ein paar abschließende Pinselstriche, dort könnte der Farbton noch ein wenig verändert werden: Tschieggs Bilder sind – wie die Farbe, die sich an manchen Stellen als Farbrinnsal materialisiert – bis zuletzt im Fluss. Auch sonst hält die Künstlerin den Malprozess häufig sichtbar: mit ungebärdigen Farbwischern und Farbspritzern oder spontanen informellen Setzungen.

Die Bildhintergründe der "Garçons" sind anonym gehalten; Kopfhaltung und Mimik lassen nicht selten an Pass- oder Porträtfotos denken. Gemalt sind die Gesichter in unwirklich bunten Farben; auch sonst ist die malerische Handschrift nicht eben realistisch. Was die Porträts mit den Bildern der Serie "Botaniques" verbindet. Die nimmt man in der Ausstellung, die Werke der vergangenen Jahre versammelt, bisweilen sogar als Abstraktionen wahr. An Pflanzliches erinnern allenfalls die Farbpalette oder hier und da dezent angedeutete vegetabilische Formen. Vor zehn Jahren waren die Bilder der Serie noch erkennbar näher am Sujet.

Deutlich wird: Das zentrale Thema dieser Malerei ist die Farbe. Sie ist gleichzeitig so etwas wie Tschieggs "Luxusproblem": Sie bräuchte, hat sie einmal bekannt, "mindestens vier Seelenwanderungen, allein um das Gelb in all seinen Facetten zu erkunden". Und sie bedauere, nein, sei "verzweifelt darüber, es nicht besser hinzukriegen". Angesichts ihrer aktuellen Ausstellung aus Sicht des Betrachters wirklich ein Luxusproblem...

Galerie Baumgarten, Kartäuserstr. 32, Freiburg. Bis 2. März, Di bis Fr 15–19 Uhr, Mi, Do 10–12 Uhr, Sa 11–15 Uhr.