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07. Oktober 2009

Kunst im Georg-Scholz-Haus: Beflügelt und begrenzt

Die Zeichnerin Marie Dréa und die Bildhauerin Iris Teipelke stellen im Georg-Scholz-Haus aus.

WALDKIRCH. Während Bildhauerin Iris Teipelke (Kehl) und ihre Kollegin, die Zeichnerin Marie Dréa (Elsass), ihre neue Ausstellung "Allegro ma non troppo" (deutsch: munter, fröhlich, aber nicht zu sehr) im Georg-Scholz-Haus aufbauen und einrichten, tönt Musikunterricht in den ersten Stock hinauf. Das Kunstforum, Betreiber des Georg-Scholz-Hauses, hat den großen Ausstellungsraum im Erdgeschoss ans benachbarte Gymnasium abgetreten (die BZ berichtete). Für Ausstellungszwecke ist im Erdgeschoss nur der kleinere Raum geblieben.

Iris Teipelke und Marie Dréa haben sich gemeinsam in Waldkirch beworben. Ein Jahr lang haben sie sich auf diese Schau vorbereitet, ihre Enttäuschung über die räumliche Einschränkung ist unüberhörbar. Trotzdem erzählen die beiden Künstlerinnen mit ansteckender Begeisterung, wie sie sich gegenseitig inspiriert haben.

Marie Dréa erläutert, beide zeigten Arbeiten aus Serien, mit denen sie sich unabhängig von der Ausstellung beschäftigten. Es seien auch Ergebnisse des vorbereitenden Dialogs zu sehen. Grafische und dreidimensionale Werke seien in die Räume hineinkomponiert worden.

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Das Piano einer Waldkircher Musikerin, das noch im ersten Stock in einem der Räume steht, war einer der Ausgangspunkte: Direkt neben dem Piano hängen feine Grafiken mit Flügeln. Nebenan ist ein Raum, der ganz Phobien gewidmet ist: Ein paar Spinnenskulpturen aus Draht, dazu Arbeiten mit allen nur vorstellbaren Käfern an den Wänden. Hier sind nur Andeutungen geliefert, was Ängste sind, bleibt dem Betrachter überlassen.

Gegenüber, in einem der kleineren Räume, findet eine Begegnung der besonderen Art statt. Marie Dréa zeigt Brand- und Loch-Arbeiten, unglaublich fein, ja wie mit der Lupe gearbeitet. Sie bestehen aus zwei "Schichten": Die untere Lage ist eine Grafik. Darüber ist ein Papier, das fast im Millimeterabstand mit kleinen Brandlöchern oder einfach durchstochenen Aussparungen überzogen ist. Dadurch entsteht ein sehr eigentümliches, faszinierendes Bild – das zugleich Fern- und Nahwirkung hat. An der gegenüberliegenden Wand hängt Iris Teipelke Skulpturenelemente aus Keramik auf: Sie wirken, auf den ersten Blick, wie Reste von Pferdezaumzeug, das schwer beschädigt, von Feuer verunstaltet ist. Die Stücke sind miteinander verschraubt; im Gespräch entstehen Assoziationen an die christliche Kreuzigungsszene.

Was bedeutet der Ausstellungstitel? Iris Teipelke spricht vom "kleinsten gemeinsamen Nenner". Sie beide seien "lebendig, aber nicht zu viel". Es gehe darum, vierhändig zu spielen, das sei "anders als im Solo", sagt Marie Dréa. Und das Erdgeschoss? Im verbliebenen Vorraum sind drei Arbeiten von Iris Teipelke ausgestellt. In der Mitte eine Skulptur, die wie ein überdimensionaler grellbunter Stiefel wirkt – mit ein paar Federn am Boden und filigranen Metallstäben im Schaft. Das seien die "neuen Käfige", sagt Iris Teipelke – mit diesem Hinweis stellen sich schnell unzählige Assoziationen, etwa an Guantánamo, ein. Iris Teipelke erzählt von der Insel Lampedusa, von wo auch eine der anderen beiden Arbeiten, eine große Fotomontage, stammt. Sie hat sich mit der Insel, die nun als "Bollwerk" vor Europa fungiert, auseinandergesetzt. Hass auf die Fremden, sagt die Künstlerin, habe sie dort nicht gefunden, im Gegenteil – Insassen aus dem Flüchtlingslager und Inselbewohner hätten gemeinsam gegen die Vergrößerung des Lagers, das neben dem Tourismus der einzige Wirtschaftsfaktor sei, demonstriert. Die Künstlerin will möglichst bald dort selbst ausstellen.

Die Waldkircher Schau ist, als die BZ zur Vorbesichtigung eingeladen wird, noch nicht bis ins letzte fertiggestellt. Aber es ist schon nachvollziehbar, wie vielfältig und intensiv der künstlerische Dialog zwischen Marie Dréa und Iris Teipelke sein muss. "Allegro ma non troppo" ist eine sehenswerte Einladung, selbst Assoziationen zu allem, was uns umgibt, zu entwickeln: zu ungebetenen Insekten, zum eingesperrt Sein, zu Verletzungen, zu Möbeln, mit denen wir uns umgeben. Davon ist im letzten der kleinen Räume die Rede.

Die Ausstellung: Marie Dréa, Iris Teipelke, Allegro ma non troppo, bis 13. 11. 2009, Georg-Scholz-Haus Waldkirch, Donnerstag 15-20 Uhr, Freitag & Samstag 15 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 13 Uhr. Vernissage ist am Sonntag, 11. Oktober, 11 Uhr. Mehr Infos im Internet unter http://www.georg-scholz-haus.de



Autor: Frank Berno Timm