Australien

Kurienkardinal George Pell wegen Missbrauchs verurteilt

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Fr, 14. Dezember 2018 um 22:06 Uhr

Ausland

Er war einst einer der mächtigsten Männer im Vatikan. Jetzt wurde George Pell wegen Missbrauchs verurteilt.

ROM. Er war lange Zeit der mächtigste Mann der katholischen Kirche in Australien und galt als einer der einflussreichsten Prälaten im Vatikan. Diese Woche hat ein Gericht im australischen Melbourne offenbar den tiefen Fall von Kardinal George Pell auch juristisch besiegelt. Bereits am Dienstag verurteilte eine zwölfköpfige Jury den 77-Jährigen wegen sexuellen Missbrauchs, wie es heißt einstimmig. Der Schuldspruch, der wegen eines gerichtlich verfügten Presseembargos bislang nicht offiziell, aber von Insidern bestätigt wurde, markiert nicht nur einen Wendepunkt in der Vita des katholischen Würdenträgers. Er stellt auch den Vatikan und Papst Franziskus vor große Herausforderungen.

Pell war zwischen 2013 und 2017 eine der zentralen Figuren im Pontifikat Jorge Bergoglios. Der Papst berief den früheren Erzbischof von Melbourne und Sydney nicht nur in seinen K-9 genannten Kardinalsrat zur Kurienreform, sondern auch zum Chef des neu geschaffenen Sekretariats für Wirtschaft. Dessen Aufgabe war es, die Finanzen des Kirchenstaats in Ordnung zu bringen. Als "Wirtschaftsminister" galt Pell hinter Papst und dem Kardinalstaatssekretär als Nummer Drei im Vatikan. Als Ermittler im Sommer 2017 Anklage gegen Pell erhoben, beurlaubte der Papst den erzkonservativen Kleriker.

Pell wollte sich den Vorwürfen stellen und "seinen Namen reinwaschen". Doch dies gelang offenbar nicht. Wie das Vatikanportal Vatican Insider berichtete, sei Pell in fünf Anklagepunkten für schuldig befunden worden. In vier Fällen habe er Jugendliche in den 70er Jahren in einem Schwimmbad belästigt. Auch der Vorwurf, er habe als Erzbischof 1996 in der Sakristei der Kathedrale von Melbourne zwei Chorknaben zum Oralsex gezwungen, sei bestätigt worden. Am 4. Februar will das Gericht das Strafmaß verkünden. Ein zweiter Prozess wegen sexuellen Missbrauchs soll im März beginnen.

Das Gericht in Melbourne hatte zuvor eine Sperre für die Berichterstattung über den Prozess gegen Pell verhängt. Dem Vernehmen nach wollte die zuständige Richterin die Rechte des Angeklagten und die Unabhängigkeit der Jury wahren. Der in der australischen katholischen Kirche mächtige Pell war über die Jahre wegen seines zweifelhaften Verhaltens in der Öffentlichkeit zu einer polarisierenden Hassfigur mutiert. Als er 2016 in Rom von einer staatlichen australischen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch befragt wurde, protestierten Opfer vor Ort. Sie warfen Pell damals Kaltherzigkeit und Vertuschung vor. Seit seiner Rückkehr nach Australien mied der 77-Jährige die Öffentlichkeit, um Beschimpfungen zu entgehen.

Am Mittwoch teilte der Vatikan in einem Briefing zum Stand der Kurienreform mit, dass Pell und zwei weitere Kardinäle dem K-9-Rat in Zukunft nicht mehr angehören werden und ihre Plätze auch nicht neu besetzt würden. Diese Entscheidung sei im Oktober getroffen worden und "aus Altersgründen" geschehen. Der Papst habe sich bei den Betroffenen für ihre Arbeit in den vergangenen fünf Jahren bedankt. Dem K-9-Rat gehört auch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, an.

Während über die Abberufung des kongolesischen Kardinals Laurent Monsengwo Pasinya (79) keine genauen Hintergründe bekannt sind, erfolgt das Amtsende von Francisco Javier Errázuriz aus Kalkül. Der 85-jährige frühere Intimus des Papstes war wegen seines Verhaltens im Missbrauchsskandal der Kirche in Chile untragbar geworden. Betroffene beschuldigen ihn der Vertuschung, auf ihn geht der Misserfolg des Chile-Besuchs des Papstes im Januar zurück. Wie sich herausstellte, hatten Errázuriz und andere Prälaten dem Papst jahrelang falsche Informationen über die Ausmaße der Krise in Chile gegeben und diese verharmlost.

Als Reaktion auf die Missbrauchsskandale in Chile, in Australien, den USA, Deutschland und anderen Ländern, berief Franziskus für Ende Februar die Vorsitzenden aller katholischen Bischofskonferenzen zu einem Krisengipfel ein.