Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
05. Februar 2010
Am Ende bleiben oft hohe Schulden
Die agj-Suchtberatung im Stiftsschaffneigebäude verzeichnet eine steigende Anzahl von Spielsüchtigen
LAHR. Mit Sorge verfolgt Marco Kneisel-Chiriatti die Zunahme der Gewinnspielautomaten im Stadtgebiet. Der Leiter der Lahrer Suchtberatungsstelle in der agj (Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe) weiß aus seiner Arbeit, dass Gewinnspiele am Automaten ebenso suchtkrank machen können wie Alkohol, Nikotin oder verbotene Drogen. Die Erschreckende Bilanz: Jürgen Trümper, Geschäftsführer des Arbeitskreises gegen Spielsucht, beziffert die Spielerverluste in Lahr für 2008 im Schnitt auf über 3,1 Millionen Euro.
Trümper unterstreicht, dass es sich dabei um einen Durchschnittswert handelt. Der aber basiert auf konkretem Zahlenmaterial, das alle zwei Jahre neu ermittelt wird. Grundlage sind Selbstangaben von Automatenaufstellern, die die Kasseninhalte der Geldspielgeräte vor Steuern der Berliner Forschungsstelle für Handel mitteilen. Anhand dieser Daten und der Zahl der Automaten pro Kommune errechnet Trümper dann seinen Zahlenspiegel. 2008 betrug der Kasseninhalt (die Spielergewinne sind dabei bereits abgezogen) pro Automat und Monat im Bundesdurchschnitt bei 1593,84 Euro. "Durchschnitt heißt, dass es dabei natürlich an einzelnen Standorten Ausschläge nach oben und unten geben kann", weiß der Geschäftsführer. Aber die Zahl belege, welche Summen im Spiel seien.Werbung
Schon jetzt stehen in Spielhallen und Gaststätten im Stadtgebiet insgesamt 258 Geräte – Stand 1.1.2010 (BZ vom 26. Januar). Demnächst kommen 48 Gewinnspielautomaten in Mietersheim dazu. Die Entwicklung entspricht dem Landestrend. Das Verhältnis von Einwohner pro Spielhallengerät hat sich in Baden-Württemberg in den Jahren 2000 bis 2008 fast verdoppelt (siehe Grafik). Dabei ist eine Tendenz auffällig: Die Zahl der Geräte in gastronomischen Betrieben ist rückläufig, während Spielhallen boomen.
Von einem Boom mag Kneisel-Chiriatti bei der Zahl der Hilfesuchenden in der agj-Suchtberatung zwar nicht sprechen. Ihre Zahl hat in jüngster Zeit aber auffällig zugenommen. Als er 2002 in Lahr seine Arbeit aufnahm, gab es keinen Spielsüchtigen, der Bedarf an Beratung hatte. Im vergangenen Jahr gab es 600 Mehrfachkontakte mit Glückspiel-Suchtkranken. 2006 waren es neun Klienten, im vergangenen Jahr bereits 18 – davon 17 Männer, die sich ihre Spielsucht eingestanden und in den Räumen im Stiftsschaffneigebäude beraten ließen. Dies ist nach Überzeugung von Kneisel-Chiriatti erst der Anfang. Inzwischen haben die Betreiber von Spielhallen auch Frauen in den Fokus genommen. "Sie sind eine bislang vergessene Klientel, und werden durch ein freundliches Ambiente und den Ausschank von kostenlosem Kaffee oder Erfrischungsgetränken umworben."
Als Vorbild, so der Leiter der agj-Suchtberatung, diene Las Vegas, wo inzwischen zwei Drittel der Spieler weiblichen Geschlechts seien. Häufig, so Kneisel-Chiriatti, litten nicht nur die unmittelbar Betroffenen unter der Spielsucht, sondern die ganze Familie – wenn etwa der Partner die ökonomische Grundlage verzockt und die Familie in den Ruin treibt. Oder wenn es Probleme am Arbeitsplatz gibt, weil der Broterwerb vernachlässigt wird.
Schulden als Spielfolge: Bei einem Klienten der Lahrer Suchtberatung hatten sich am Ende mehr als 50 000 Euro an Schulden angehäuft, beim Gros der Hilfesuchenden hatten sich Schulden in Höhe von bis zu 25 000 Euro angesammelt. Fast alle hatten das Geld an Spielgeräten in Spielhallen oder Gaststätten verdaddelt.
Was treibt die Menschen zu den Spielautomaten? Kneisel-Chiriatti tut sich schwer, eine gemeinsame Klammer zu finden. "Da ist sicher die Hoffnung auf den schnellen Gewinn, auch wenn alle angeben, sie wüssten, dass sie am Ende verlieren. Allein, dass sie auch gewinnen könnten, darin liegt die Verlockung. Manche sprechen von Gefühlen, die einem Orgasmus nahe kommen." Bei den neuesten Geräten gebe es alle drei Sekunden theoretisch die Chance auf einen Gewinn, tatsächlich sei es meist nur ein Beinahegewinn. Häufig, so berichteten Spieler, hätten sie am Anfang größere Summen gewonnen – bei 70 Euro Einsatz auch mal 1400 Euro Gewinn. In der Hoffnung, das ließe sich so fortsetzen, verschwindet diese Summe ebenso schnell wieder im Einwurfschlitz.
Gibt es den typischen Spielsuchtkranken? Nein, sagt der Sozialpädagoge: "Der ganz normale Suchtkranke kommt aus ganz normalen Familienverhältnissen. Da sind Handwerker darunter, eine Bedienung, Arbeiter und Angestellte. Klar ist: Mehrere Faktoren müssen zusammenkommen, damit jemand von den Geldspielautomaten nicht mehr loskommt. Veranlagung, Stress und Einsamkeit etwa, dazu das soziale Umfeld, ein großes Angebot und die nicht zuletzt die Verfügbarkeit:"Ich begreife nicht, dass man den einfachen Zugang zu Zigaretten Stück für Stück erschwert, aber bei der Konzession für Spielautomaten nichts unternimmt."
Autor: Manfred Dürbeck


