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23. Februar 2012

Unbezahlte Rechungen: Bestatter bleiben auf Kosten sitzen

Immer häufiger werden die Rechnungen nicht bezahlt.

  1. Einen Angehörigen zu bestatten, kostet viel Geld. Immer häufiger können die Hinterbliebenen die Rechnungen aber nicht bezahlen, weshalb Bestattungsunternehmen zunehmend Factoring-Unternehmen in Anspruch nehmen, um nicht auf ihren Kosten sitzen zu bleiben. Foto: dpa

LAHR. Bestatter schauen finanziell immer öfter in die Röhre, wenn es um die Begleichung ihrer Rechnungen geht. Über offene Ausstände sprechen die meist als Familienbetrieb geführten Unternehmen nicht gerne. Das Prinzip des Handels "Kein Geld, Ware zurück" funktioniert hier schließlich nicht. Ist der Sarg erstmal unter der Erde oder die Asche in der Urne, geht nichts mehr. Und eine Bonitätsprüfung der Hinterbliebenen vor dem Einsargen schreckt Bestatter ab. Damit sie liquide bleiben, verkaufen immer mehr ihre Forderungen deshalb an Factoring-Unternehmen.

In der Medizin gehören solche Finanzdienstleistungen bereits zum Standard – im Bestattergewerbe ist die Tendenz steigend. Adelta gilt als Marktführer. Aber auch andere Finanzdienstleister drängen auf den speziellen Markt und wittern Kundschaft. Haus gemietet, Auto geleast, Sarg gekauft: "Schon mal drüber nachgedacht?" Keiner findet so deutliche Worte wie Frank Roser von der Landesinnung Bestattungsgewerbe, wenn es um Fragen der Finanzierung von Bestattungen geht. "Immer häufiger bleiben Beerdigungsunternehmer auf ihren offenen Rechnungen sitzen", bestätigt der Innungsvertreter.

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Bestatter im Lahrer Raum signalisieren: "Nicht so schlimm, aber es wird mehr." Marina Rottenecker vom Lahrer Bestattungsinstitut Bolz GmbH sagt: "Der normale Bürger bezahlt. Für die meisten ist es im Hinblick auf ihren Verstorbenen wichtig, die Beerdigungskosten sofort zu begleichen." Unter "sofort" versteht die Geschäftsführerin, dass in der Regel drei Wochen nach der Beerdigung die Bestattungskosten in Rechnung gestellt werden. "Natürlich gibt es sie, die groß bestellen und hinterher nicht bezahlen wollen", so Rottenecker. Allerdings sei im ländlichen Raum die Zahlungsmoral der Hinterbliebenen noch gut. Eine ganz andere Erfahrung dagegen macht Siegfried Laug vom Bestattungshaus im Ried. "Tendenz stetig steigend", sagt er, und bemerkt das Problem der offenen Rechnungen seit der Euro-Einführung und verstärkt seit dem Wegfall des Sterbegeldes.

"Die gestiegene Altersarmut, aber auch die Zahlungsmoral vieler Hinterbliebener wird immer schlechter."

Innungsvertreter Frank Roser
"Immer mehr Menschen gerieten in den vergangenen Jahren außerdem in eine finanzielle Schieflage", sagt Frank Roser. Deshalb würden Bestatter auf ihren Kosten sitzen blieben. Er macht noch mehr Gründe aus: "Die gestiegene Altersarmut, aber auch die Zahlungsmoral vieler Hinterbliebener wird immer schlechter". Das bestätigt Brigitte Seitel vom gleichnamigen Friesenheimer Bestattungsunternehmen. "Manchmal muss man den Rechtsanwalt einschalten, um an sein Geld zu kommen." Die Finanzkraft der Menschen sei schwächer geworden und wer nichts angespart habe, komme seit dem Wegfall der öffentlichen Zuschüsse in die Bredouille. Einen weiteren Grund führt Frank Roser an: "Früher hat man seinen Vater bestattet. Heute fragen die Kinder, muss ich meinen Erzeuger beerdigen?"

Der Innungsvertreter bringt Verständnis für manche spezielle familiäre Situation auf: "Wenn Väter sich der Unterhaltspflicht entziehen, wollen die Kinder später auch für die Bestattungskosten nicht aufkommen." Doch wer soll es dann bezahlen? "Seit zum 1. Januar 2004 das Sterbegeld aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen ersatzlos gestrichen wurde, hat jeder eigenverantwortlich für die Absicherung seiner Bestattungskosten zu sorgen", kommt es unisono aus Richtung der Bestatter. Doch Bestattungsvorsorge sei für viele kein Thema. "Das betreibt nur, wer die finanzielle Mittel zur Verfügung hat", so Roser.

"Heutzutage haben viele sogar ihre Lebensversicherungen bereits aufgelöst", erklärt Siegfried Laug die Finanznot der Hinterbliebenen im Todesfall. Er plädiert für eine Sterbegeldversicherung. "Nicht nur für Alleinstehende macht ein Vorsorgevertrag Sinn", sagt Philipp Zähringer, Inhaber vom gleichnamigen Bestattungsinstitut in Lahr. Das bestätigt auch Marina Rottenecker: "Früher haben wir uns das Sterbegeld abtreten lassen und damit zumindest einen Teil unserer Kosten in der Kasse gehabt." Bei Rentnern würden die Rentenversicherer beim Tod eines Ehepartners den Sterbemonat und weitere drei Monate zahlen; beim Todesfall des anderen Ehepartners die Rente weiter im Sterbemonat. "Das ist immerhin eine Basis für die Bestattung", so Rottenecker. Während Bestattungsunternehmer wie Siegfried Laug und Brigitte Seitel ihr Rechnungswesen noch in Eigenregie betreiben, setzen immer mehr Bestatter auf Factoring. Der Vorteil: "Wir können uns so gegen Zahlungsausfälle schützen", sagt Philipp Zähringer, "wir können uns auf unser Tagesgeschäft konzentrieren", ergänzt Marina Rottenecker. Zudem könne der Factorer den Hinterbliebenen Finanzierungsmodelle anbieten, die eine Hausbank den Bestattern nie ermöglichen würde, sehen Zähringer und Rottenecker Vorteile. "Manche Hinterbliebenen wären sonst nicht in der Lage, die Beerdigungskosten zu zahlen."

Für die Bestatter entfällt auch eine unangenehme Aufgabe: Wer will schon vor der Bestattung Angehörigen auf ihre Bonität überprüfen. Für Factoring-Unternehmen kein Problem. Doch wenn es um die Bonität schlecht bestellt ist, dann bekommen auch die Factorer kalte Füße. Und die Bestatter? Sie müssen mit den Hinterbliebenen nach Lösungen suchen.

FACTORING

Factoring-Unternehmen kaufen den Bestattern (Factoringkunden) ihre Geldforderungen gegen deren Kunden/Hinterbliebenen ab und ziehen diese ein. Der Factor zahlt den Bestattern als Gegenleistung für die Abtretung ihrer Geldforderungen den Betrag abzüglich eines vereinbarten Betrags (in der Regel zwischen drei und vier Prozent der Rechnungssumme) sofort. Das Factoring-Unternehmen übernimmt dann auch das Debitorenmanagement.  

Autor: pbs

Autor: Bettina Schaller