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24. Juli 2010
"Bin ich verrückt? Oder ein Held?"
Der palästinensische Arzt Marwan Sadek geht in den Gaza-Streifen zurück und gründet dort die erste Herzklinik.
LAHR/GAZA. Eine Geschichte ist ja manchmal nicht nur eine Geschichte. Manchmal stecken gleich zwei oder drei darin. Zum Beispiel die Geschichte der beiden Ärzte Marwan Sadek und David Mozalbad, der eine aus dem Gaza-Streifen, der andere aus Israel. Beide haben sich am Lahrer Herzzentrum kennen gelernt und gehen jetzt zurück in ihre Heimatländer. Sadek, um sich dem weiteren Aufbau der Klinik zu widmen, die er dort Anfang des Jahres gegründet hat – der einzigen Herzklinik im ganzen Gaza-Streifen. Der andere, Mozalbad, um als Herzchirurg in seiner Heimatstadt Be’er Sheva zu arbeiten.
Allein schon die Biographien der beiden Ärzte sowie ihr Vorhaben, künftig über die abgeschottete Grenze zwischen Gaza und Israel hinweg zusammen zu arbeiten, böte genug Stoff für eine spannende Geschichte. Mozalbad kommt aus Be’er Sheva, hat in Italien Medizin studiert und ging dann zurück, um in Israel seinen Beruf auszuüben. Seinen Kollegen aus dem Gazastreifen hat er bei einem Ärztekongress kennen gelernt und dann im Herzzentrum wieder getroffen. Sadek, 45 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, ist nach dem Abitur nach Deutschland gekommen und hat in Frankfurt Medizin studiert. Weitere Stationen seiner Ausbildung hießen Jerusalem, Bonn, Cottbus und zuletzt Lahr. Insgesamt hat er 27 Jahre in Deutschland gelebt – um sich dann doch für Palästina zu entscheiden.Werbung
Warum er zurück geht und das schöne Leben hier verlässt? Sadek: "Manche sagen, entweder bin ich verrückt oder ein Held. Vielleicht bin ich keines von beidem. Oder beides zugleich." Doch dann kommt er auf den Grund seines Handelns zu sprechen und dort kommt ein Stück von dem zum Vorschein, was den Arztberuf ausmacht: "Hier kann man auf mich verzichten. Aber dort kann ich etwas leisten, was sonst keiner tun könnte."
Im Gaza-Streifen mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern gab es bislang kein Herzzentrum. Das hat sich durch die Initiative des Arztes geändert. Wobei er deutlich macht, dass die Gründung der Klinik, die Beschaffung von Material, vor allem aber, geeignete Kollegen zu finden, alles andere als einfach war. Letztlich musste der Herzchirurg seine Mitarbeiter selbst ausbilden. Die nächste Geschichte ist jene, dass es Sadek im März gelang, in seiner Klinik in El-Shaikh die erste Operation am offenen Herzen in Gaza durchzuführen. Ohne Unterstützung aus Lahr wäre dies kaum möglich gewesen.
"Manchmal fehlt nur ein winziges Teil für eine Operation", sagt Sadek. Die Klinik hat 450 Betten und 48 Mitarbeiter, was längst nicht ausreichend ist. Nach seinen Angaben müssten im Gaza-Streifen jedes Jahr eigentlich 1500 Menschen am Herzen operiert werden. In seiner Klinik kann er aber höchstens 350 Patienten im Jahr behandeln.
Viele der anderen Patienten kann er an andere Herzkliniken vermitteln, zum Beispiel nach Israel an Kollegen, die ihre Hilfe zugesagt haben. So wie auch David Mozalbad, der seine Unterstützung zusicherte. Mozalbad: "Wenn es notwendig wird, komme ich auch am Wochenende zu Operationen." Be’er Sheva sei nur eine halbe Fahrstunde von Gaza entfernt.
Natürlich gehört zu dieser Geschichte auch die Frage, wie die Ärzte die Situation zwischen Gaza und Israel und der mit einer Blockade versehenen Grenze politisch sehen. Mozalbad macht aus seiner ablehnenden Haltung zur gegenwärtigen Politik Israels keinen Hehl. Da bleibe nur, abzuwarten, bis eine neue Regierung gewählt sei, die sich mehr für den Friedensprozess einsetze. Sadek dagegen hält sich raus. Er könne in Gaza nicht arbeiten, wenn er politisch Stellung beziehe. Hier zu arbeiten sei nur möglich, wenn er neutral bleibe und mit beiden Seiten, also Hamas und Fatah, auskomme: "Ich möchte als Arzt arbeiten. Nur das ist wichtig."
Die ganze Geschichte schließlich wäre unvollständig ohne das Lahrer Herzzentrum, dessen Reputation als eine der besten Herzkliniken in Deutschland und seiner Bereitschaft, Ärzte aus der ganzen Welt hier auszubilden. Chefarzt Professor Jürgen Ennker nennt das eine "klassische Win-Win-Situation". Denn auch das Herzzentrum hat einen Vorteil, wenn Ärzte hier eine gewisse Zeitspanne arbeiten. Fachärzte sind Mangelware geworden in Deutschland. Ennker zum Stichwort Ärztemangel: "Ohne die internationalen Kollegen sähe es noch schlechter aus in Deutschland." So seien in der Herzchirurgie neben Sadek und Mozalbad noch die Ärztin Diana Diaz aus Spanien im Einsatz. Ein anderer Arzt, Fatmir Dalladaku aus dem Kosovo, sei ebenfalls in seine Heimat zurück gekehrt und eröffne in Prisztina demnächst eine Herzklinik. Aber das ist schon die nächste Geschichte.
Autor: Hagen Späth
