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09. Juni 2011
Der Pianist war derselbe, die Musik eine völlig andere
Denys Proshayev präsentiert einen entspannten "italienischen" Bach sowie einen auftrumpfenden und parodierenden Liszt.
LAHR/OFFENBURG. Der ukrainische Spitzenpianist Denys Proshayev war schon mehrfach in der Ortenau zu Gast. Am zurückliegenden Wochenende spielte in der Reihe "Weltklassik am Klavier", zunächst samstags in Lahr, dann sonntags in Offenburg, mit einer ungewöhnlichen Programmzusammenstellung: Bach in Teil eins, danach Wagner-Bearbeitungen von Liszt.
Dies vorweg: Es war in jeder Beziehung begeisternd, und zeigte die Extreme auf, die im Genre liegen. Hier die Bach’sche Musik, drei Konzerte, darunter das unter BWV 971 verzeichnete "Concert nach italienischem Gusto" und das BWV 974 "nach Marcello" – gemeint ist der Naturwissenschaftler und Komponist Alessandro Marcello, dessen Oboenkonzert Bach hier bearbeitet hat. Proshayev spielt das ganz entspannt. Die Finger gleiten über die Tasten wie mühelos. Nichts wirkt forciert. Sein offensichtliches Vergnügen an diesen "italienischen" Bach-Werken teilt sich unmittelbar mit. Man taucht ein in diese Art der Klaviermusik, in diese Stetigkeit, die niemals durch Schroffheit gestört wird, in der es keine Dynamik-Klüfte gibt. Gelegentlich wird eine Schlussphrase durch Entschleunigung hervorgehoben, das war’s an Aufregung.
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Wer glaubt, dass sei langweilig, irrt sich sehr! Es ist so, dass diese Musik den Hörer einsaugt. Es hat etwas von Konzentration, vielleicht sogar von Trance. Und es hat Intensität. Zumal Proshayev diese Stetigkeit erzeugt, ohne zu plätschern oder gefällig zu perlen. Da ist immer eine Oberflächenspannung. Ganz wunderbar sind die langsamen Mittelsätze, liedhaft, singend, warm: Glückliche Musik – anders kann man es nicht sagen. Mit dem Schlussatz von BWV 971 zaubert Proshayev dann doch noch ein bisschen. Er nimmt das Tempo mehr als zügig, stanzt sich durch komplizierte Betonungswechsel und gibt den Verzierungen im Bass einen witzigen Zungenschlag. Große Klasse.
Der Pianist nach der Pause war derselbe, die Musik eine völlig andere. Liszt feiert Wagner. Er lässt ihn hochleben, zieht ihn da und dort durch den Kakao – und feiert mit vielen großen Gesten meist sich selber, indem er zeigt, wie man den üppigen Klang einer Wagner-Oper mit Effekten im Doppelplussuper-Format auf ein Pianoforte überträgt. Das beginnt mit "Lohengrin": Fanfarenstöße auf dem Klavier, sehr festlich. Dann großes Schweifen, wuchtige Bässe. Es beginnt ein schier endloses Triolen-Geknatter, die Tastatur rauf und runter, während die andere Hand wellt und wogt. Dann, leise und intim, das Thema des Brautlieds. Es wird wiederholt, pointiert, schelmisch fast. Dann wird es aufgelöst in körperlos-silbrige Arpeggien. Das "Tam Tam Tataaah" wird dann martialisch in die Tasten gerammt. Bei der Bearbeitung der Tannhäuser-Ouvertüre geht es noch wilder zu. Liszt zieht alle Register, und Proshayev zeigt, dass er mithalten kann. Elfentrippeln wird mit Groll-Bässen gekreuzt, Akkorde türmen sich auf, und die Klavierwogen schlagen hoch. Das mag ein effektheischender Schinken sein, ein Konzertknaller ist es allemal, und das Vergnügen, mit dem Liszt via Proshayev die Musik aus den Tasten spritzen lässt, wird vom Publikum geteilt.
Autor: Robert Ullmann
