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19. September 2014

Ein dunkles Kapitel der deutschen Polizeigeschichte

"Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat": Ausstellung im Institut für Ausbildung und Training, der ehemaligen Bepo.

  1. Schuldig geworden sind viele Polizisten im Dritten Reich. Foto: CHRISTOPH BREITHAUPT

LAHR (wob). Das Institut für Ausbildung der Polizei-Hochschule hat am Mittwoch in Kooperation mit der Stadt Lahr in Mietersheim die Ausstellung "Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat" eröffnet. Den historischen Hintergrund zur Ausstellung lieferte Professor Wolfram Wette von der Uni Freiburg.

Unbedingter Gehorsam, Korpsgeist, Gruppendruck und Kameradschaft haben nach Auffassung von Professor Wette die Polizisten der Jahre 1939 bis 1945 zu Teilen einer gigantischen Vernichtungsmaschinerie werden lassen. Wette, der am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg arbeitete und Professor für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg ist, zeigte am Beispiel des SS-Standartenführers Karl Jäger aus Waldkirch auf, wie Polizisten im Dritten Reich durch keine formalen Schranken gehemmt gewesen seien und sich tausendfach an der Ermordung von Juden beteiligt haben. Das Besondere dabei: Erst viele Jahrzehnte nach Kriegsende sei durch intensive Forschung zu Tage gefördert worden, was lange unter den Teppich gekehrt wurde: Die Militarisierung der Polizei und Verflechtung der Ordnungshüter in Strukturen wie SS, Geheimer Staatspolizei (Gestapo) und Sicherheitsdienst.

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Nach Wette sind 600 000 Männer der Ordnungspolizei und 2,3 Millionen Polizisten im Dritten Reich zu tragenden Säulen des NS-Staates geworden. Mehr noch: Die Polizei als "Weltanschauungselite" sei Teil des Vernichtungskrieges gewesen und an der Ermordung von mindestens zwei Millionen Juden beteiligt gewesen. Der Historiker, der die Ausstellung in Kooperation mit dem Historischen Museum, dem Innenministerium des Bundes und der Länder sowie der Deutschen Hochschule der Polizei konzipiert hatte, machte Schluss mit der Legendenbildung und zeigte an zahlreichen Beispielen auf, dass Wehrmacht und Polizei im Dritten Reich alles andere als Saubermänner gewesen seien.

Die "Weißwäscher in grünen Uniformen" seien zum Teil erst sieben Jahrzehnte später durch historische Forschungen entlarvt worden, so der Referent. Für viele Zuhörer im Vortragssaal, darunter junge Polizeianwärter und an Geschichte Interessierte, bedeutete der Vortrag von Wette eine schier unfassbare Feststellung: Dass es teilweise bis in die Gegenwart gedauert habe, die Gräueltaten der Polizisten aufzudecken. Wette führte aus, dass sich Polizisten vielfach auf einen "Befehlsnotstand" berufen und gemeint hätten, sie seien nicht verantwortlich für ihr Tun gewesen.

Die Lehre aus dieser Erfahrung lieferte der Historiker mit deutlichem Appell: "Jedermann ist auch für seinen Gehorsam selbst verantwortlich". Das bedeute nicht zwingend, so Wette, dass Ungehorsam generell eine Tugend sei, wohl aber, dass die Grenzen erkannt werden müssten, die der Rechtsstaat dem soldatischen und polizeilichen Gehorsam setze. Bei der Ausstellungseröffnung dankte Institutsleiter Thomas von Ey den Mitinitiatoren von Ausstellung und Vortragsreihe Caroline Wedler Krebs vom Projekt "Polizeigeschichte" an der Hochschule für Polizei sowie Bürgermeister Guido Schöneboom als Kooperationspartner der Stadtverwaltung.

Schöneboom dankte den Verantwortlichen bei der Polizei, dass sie die Tore der Einrichtung für alle öffnen, die sich mit der dunklen Seite der Polizeigeschichte beschäftigen möchten. So soll auch den Lahrer Schulen die Möglichkeit gegeben werden, mit Schulklassen die Ausstellung zu besuchen. An informativen Bild- und Texttafeln wird aufgezeigt, wer die Männer in der deutschen Polizei und wie die Strukturen waren, durch die die politischen und weltanschaulichen Gegner des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.

Veranstaltungen: Die Vortragsreihe wird am 25.September, 19 Uhr, fortgesetzt. Polizeikommissar Marcus Pawlowski spricht zum Thema "Die Karlsruher Polizei zur Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten". Am 15. Oktober, 19 Uhr, hält Erster Polizeihauptkommissar Norbert Klein einen Vortrag zum Thema "Der Lahrer Synagogen-Prozess und die Beteiligung der Lahrer Polizei".

Autor: wob