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13. September 2017

Ein Konzert mit Tiefgang abseits ausgetretener Pfade

Die Altistin Kerstin Wagner und der Organist Peter Kranefoed gestalteten die letzte Sommermusik in der Lahrer Stiftskirche.

  1. Kerstin Wagner und Peter Kranefoed gestalteten die letzte Sommermusik. Foto: W. Künstle

LAHR. Was für eine Stimme! Schon die ersten Töne der Altistin Kerstin Wagner bei der dritten und letzten Sommermusik am Sonntag in der Lahrer Stiftskirche haben mit ihrer Kraft und ihrem Volumen dafür gesorgt, dass man sich wohlig umgeben fühlte von der Wärme und Intensität ihrer gesanglichen Präsenz.

Organist Peter Kranefoed hat dem im ganz auf romantische geistliche Werke konzentrierten Programm in nichts nachgestanden. Auch er akzentuierte präzise und gefühlvoll, sowohl als Liedbegleiter wie solistisch bei Joseph Gabriel Rheinbergers Orgelsonate Nr. 4, die so fröhlich beginnt und sich dann nach und nach zurücknimmt, verinnerlicht, und dennoch grundlegend heiter bleibt. Der im schwäbischen Winnenden lebende Organist beendete mit der experimentell klingenden "Fuga cromatica" aus der Orgelsonate das Konzert virtuos und stimmig.

Doch nicht Rheinbergers Orgelsonate, sondern seine "Missa puerorum" stand im Mittelpunkt des Konzerts. Schon das einleitende Kyrie ging unter die Haut, Rheinbergers Gespür für Stimmungen, seine Stilsicherheit und die Orientierung am menschlichen Maß werden von Wagner und Kranefoed hervorragend herausgearbeitet. Die Romantik als Epoche des Liedes zeigt sich in dieser Messe, deren Gloria opernhafte Züge trägt, die sich im Credo traut, weite Passagen des Gesangs auf einem Ton verweilen zu lassen, und deren Agnus Dei von den beiden Akteuren des Konzerts so feingliedrig und subtil intoniert wird, dass man es gerne ein zweites Mal gehört hätte.

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Auch bei Albert Beckers "Meine Seele ist stille zu Gott", eine ursprünglich für Sopran und Orgel geschriebene Vertonung des Psalms 62, überzeugt der fein akzentuierte Gestus der beiden Musiker, die subtile Anpassung an den religiösen Gehalt des Textes und der zarte Schluss. Wie schön, dass bei Kirchenkonzerten erst am Ende geklatscht wird, denn solche nachhängenden Töne und Schwebungen bekommen allzu selten Raum im Alltag. Dass Wagner und Kranefoed die Texte der "Neun geistlichen Lieder über das gregorianische Pater Noster (Vater unser) des Dichterkomponisten Peter Cornelius zum Mitlesen für die rund 50 Zuhörer mitgebracht hatten, war eine willkommene und zuhörerfreundliche Aufmerksamkeit. Cornelius hat sich nicht nur vom gregorianischen Gesang inspirieren lassen, sondern auch vom klassischen und volkstümlichen Lied. In dem sehr abwechslungsreichen Zyklus tragen Melodie und Singstimme, Rhythmik und Melodik, kunstvoll gereimter Inhalt und Form gleichermaßen die religiöse wie musikalische Botschaft. Kerstin Wagner und Peter Kranefoed erwiesen sich nicht nur hier als hervorragend aufeinander ab- und eingestimmt. Dass die Stiftskirchen-Orgel, nach barockem Vorbild gebaut, sich in einem rein romantischen, liedhaften Programm so hervorragend präsentierte, war eine kleine Überraschung. Ein hervorragendes Konzertprogramm mit inhaltlichem Tiefgang abseits ausgetretener Pfade. Ein stimmungsvoller Abschied vom Sommer.

Autor: Juliana Eiland-Jung