Ein Spiel gegen das Vergessen

Ulrike Sträter

Von Ulrike Sträter

Mo, 04. Februar 2019

Lahr

Die Holocaustüberlebende Eva Cohn-Mendelsson wird beim Lahrer Theaterstück mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

LAHR. Lahrer Schüler und ihre Lehrer haben mit dem Theaterstück "Wartesaal der Würde" ein lebendiges Bild vom Leid der verfolgten Juden in der Region zur Zeit des Nationalsozialismus gezeichnet. Das Stück dreht sich auch um das Schicksal der Familie von Eva Cohn-Mendelsson. Als die Schüler erfuhren, dass sich die Holocaustüberlebende zufällig in der Ortenau aufhielt, wurde sie eingeladen. Der Besuch wurde zu einer bewegenden Begegnung mit der Vergangenheit.

Wenn sie in Deutschland ist, dann fühle sie sich immer wie ein Ball, der kreuz und quer über das Spielfeld gekickt werde. Ein Termin reihe sich da an den anderen und in allen gehe es um sie als Überlebende. Eva Cohn-Mendelsson ist Jüdin, geboren in der damals mehr als 300 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde von Offenburg, von denen nicht mehr als 27 den Holocaust überlebten. Lahrer Schüler haben ein Theaterstück aufgeführt.

Holocaust – einer Studie des Nachrichtensenders CNN zufolge wissen 40 Prozent der jungen Erwachsenen Europas wenig oder gar nichts darüber, jeder 20. der mehr als 7000 Befragten gab sogar an, noch nie etwas über die systematische Vernichtung der Juden gehört zu haben.

Die Mitglieder der Theater-AG des Max-Planck-Gymnasiums und der Kompositions-AG des Clara-Schumann-Gymnasiums in Lahr haben einen Weg gefunden, vom Leid der verfolgten Juden zur Zeit des Nationalsozialismus ein lebendiges Bild zu zeichnen. Eines, in das man sich hineinfühlen kann. In ihrer Aufführung "Wartesaal der Würde" erinnern sie an Menschen aus der Ortenau, die von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden. Zwei Vorstellungen haben die Schülerinnen und Schüler unter der Regie von Andrea Welz und der musikalischen Leitung von Christian Wenzel bereits gegeben, eine davon in der alten Synagoge in Kippenheim, als sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 74. Mal jährte.

Dort erfahren die Schüler eher zufällig, dass sich Eva Cohn-Mendelsson gerade in der Ortenau aufhält – und laden sie ein zur dritten und letzten Aufführung ihres Stücks, diesmal in der Turnhalle des Clara-Schumann-Gymnasiums. Eva Cohn-Mendelsson kommt. Ein gelungenes Abspiel des Balls, wenn man so will, dieser weitere Termin für die 87-Jährige. Sie weiß nicht, dass es in dem Stück auch um ihre Familie geht. Um ihre Mutter Sylvia Cohn, eine bekannte Schriftstellerin und Lyrikerin, die 1942 im Alter von 38 Jahren in Auschwitz ermordet wird, und Evas Schwester Esther, die zwei Jahre später ebenda erst 18-jährig stirbt. Ihr Vater Eduard Cohn emigriert im Mai 1939 nach England. Der Kriegsausbruch vier Monate später verhindert, dass er seine Familie nachholen kann. Er kämpft mit England gegen die Wehrmacht. Eva ist acht Jahre alt, als ihre Familie auseinandergerissen wird. Erst 1945 sehen sie und ihre Schwester Myriam ihren Vater in England wieder.

Eva Cohn-Mendelsson reist ein- bis zweimal im Jahr nach Deutschland, um von ihrem Schicksal zu erzählen. "Ich bin zufrieden, wenn ich hier bin, auch wenn das Erzählen über die Schoah mir bis heute den Schlaf raubt. Es ist wie eine verschorfte Wunde, an der immer wieder gekratzt wird und die einfach nicht heilt." Zurück in England fühlt sie sich getrieben. "Das Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung", mahnt eine Inschrift der internationalen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. "Ja, das ist es wohl, was mich antreibt", sagt Cohn-Mendelsson.

"Wer ruhig bleibt, wenn
judenfeindlich agiert wird, macht sich schuldig,
damals wie heute."

Eva Cohn-Mendelsson
Begonnen hat sie damit vor gut 30 Jahren: "Als ich merkte, dass es noch anständige Deutsche gibt." Anständige Deutsche gab es auch zur Zeit des Nationalsozialismus, wenn auch wenige. Ihr damaliges Dienstmädchen, Hermine Keller, war eine von ihnen. "Als unsere Wohnung geplündert wurde, landete auf einem Scheiterhaufen auf der Straße, was für die Nazis nicht von Nutzen war, darunter Bilder, Briefe, das Tagebuch meiner Schwester Esther. Unser Dienstmädchen sammelte alles auf. Ohne sie hätten wir nichts. Bis heute dreht sich mein ganzes Leben um diese Aufzeichnungen."

Auszüge dieser Texte und Gedichte hört Eva Cohn-Mendelsson nun in der Theateraufführung, vorgetragen von Schülern, die nur unwesentlich älter sind als sie bei Kriegsende. Sie ist ergriffen, applaudiert, dankt sichtlich gerührt: "Nie hätte ich gedacht, dass man dieses Leid darstellen kann. Und doch haben es diese Schüler geschafft. Die schroffen Stimmen des Gestapobeamten oder Sprecher des Volksgerichtshofs. Dazu diese tieftraurige Musik. Das rührt mich sehr." Eva Cohn-Mendelsson kämpft mit den Tränen, als sie spricht, ist dankbar, dass die Schüler gewagt haben, dieser bedrückenden Atmosphäre nachzuspüren und wird umarmt von Andrea Welz, die ihr in ihrer traurigen Erinnerung beistehen will.

Cohn-Mendelsson bedauert die Ergebnisse der CNN-Umfrage: "Wer ruhig bleibt, wenn judenfeindlich agiert wird, macht sich schuldig, damals wie heute." Die Jugendlichen der beiden Lahrer Gymnasien steuern dagegen und schaffen mit ihrem Schauspiel ein Stück lebendiger Erinnerungskultur.