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02. Oktober 2016 18:26 Uhr

Lahr / Oberschopfheim

Flüchtlinge daheim: Freud und Leid von zwei Vermietern

Zwei Rentner aus Lahr und Oberschopfheim vermieten ihre leer stehenden Wohnungen an Flüchtlinge . Die Erfahrungen, die sie mit den Mietern gemacht haben, sind extrem unterschiedlich.

  1. Fühlt sich in seinem eigenen Haus in Oberschopfheim wie ein Fremder: Rolf Kranz Foto: Christian Engel

  2. Fast wie ein Familienfoto: Else Haßler mit den Syrern Daoud Khawam (links) und Jack Razzuck Foto: Christian Engel

Else Haßler steht auf dem Balkon und raucht. Rolf Kranz sitzt in seinem Garten und trinkt Wasser. Sie blickt auf die Lahrer Innenstadt. Er schaut auf den Ortsausgang von Oberschopfheim. Die eine ist gelernte Apothekerin. Der andere war Lehrer. Viele Gemeinsamkeiten fallen einem auf Anhieb nicht ein, wenn man Else Haßler und Rolf Kranz betrachtet. Eines haben beide allerdings gemein: Sie haben Zimmer an Flüchtlinge vermietet.

Der Tod ihres Mannes habe einiges verändert, sagt Else Haßler und zündet sich die nächste Zigarette an. "Seit er tot ist, ist mein Leben nicht mehr so wie zuvor." Die Kippe qualmt, sie nimmt einen Zug, atmet langsam aus. Sie könne es nicht ändern und müsse ohne ihn leben, daher wolle sie die verbliebene Zeit wenigstens sinnvoll nutzen. "Und das tue ich", sagt sie, "indem ich meinen Mitmenschen helfe."

"Ich wollte den Flüchtlingen ein schönes Weihnachtsfest bescheren."

Else Haßler
Else Haßler lebt in einer Wohnung im elften Stock eines Hochhauses in Lahr. Sie ist allein, die Wohnung nebenan, die ihrem Sohn gehört, steht meistens leer. Nur wenn ein Fest ansteht, nutzen Freunde und Verwandte die Immobilie zum Übernachten. Weihnachten 2015 war mal wieder so ein Anlass, zu dem Familienmitglieder die Wohnung haben wollten. "Ich habe ihnen aber gesagt, dass sie sich etwas anderes suchen müssten", erzählt die 80-Jährige und drückt die Zigarette aus. "Denn mir kam da etwas dazwischen." Und das waren sechs Worte von Frank-Uwe Kündiger.

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Er suche noch Wohnungen für Flüchtlinge, sagte der Pfarrer der Luther-Paulus-Gemeinde Ende des vergangenen Jahres im Anschluss an einen seiner Gottesdienste. Er habe Zimmer gesucht für drei christliche Syrer, erinnert sich Else Haßler. "Die wohnten da noch in der Ortenauhalle, gemeinsam mit Dutzenden von Flüchtlingen. Ich wollte ihnen aber ein schönes Weihnachtsfest bescheren."

Während die Lahrerin vergangenen Dezember mit ihrem Sohn über die Wohnung spricht, das Finanzielle klärt, die Flüchtlinge kennenlernt und sie einziehen lässt, tobt knapp acht Kilometer weiter nördlich ein Nervenkrieg. Rolf Kranz hat die Faxen dicke.

Bereits seit zehn Wochen wohnt zu jenem Zeitpunkt eine Flüchtlingsfamilie im Obergeschoss seines Hauses. Zehn Wochen zu lang, findet er. Denn schon vier Wochen nach dem Einzug hat er ihnen wieder gekündigt.

Zu Beginn sei er noch euphorisch gewesen, berichtet Rolf Kranz und schenkt sich ein Wasser ein. Er sitzt auf einer Bank in seinem Garten und erzählt, wie es dazu kam, dass er Flüchtlinge bei sich aufgenommen hat. Wie er vor einem Jahr mitbekommen hatte, dass eine Flüchtlingsfamilie zu sechst in einem Zimmer lebte und er ihnen ein schöneres Leben bescheren wollte. Wie er im ersten Stock seines Hauses drei Zimmer zur Verfügung stellte, putzte, teilweise renovierte, und neue Möbel besorgte. Und auch, wie bereits nach zwei Wochen die Euphorie wich und sich Enttäuschung breitmachte.

"In den ersten 14 Tagen habe ich ihnen bei vielen Dingen geholfen, Papierkram für sie erledigt, versucht, ihnen etwas Deutsch beizubringen", erzählt Rolf Kranz. "Der Familienvater hat mir aber schnell klargemacht, wie er sich das Leben hier vorstellt: Er sagte mir, er wolle kein Deutsch lernen, er brauche das nicht. Da habe ich schnell die Lust verloren – und die Hoffnung dazu."

Negative Erfahrung von Rolf Kranz

In seinem eigenen Haus fühlt sich Rolf Kranz bald schon wie ein Fremder. Der Vater der Flüchtlingsfamilie habe ihm gesagt, es sei sein Haus, berichtet der 72-Jährige. Sie machten mir klar, dass ich kuschen müsste. "Dabei ist das mein Haus. Mein Haus, in dem ich seit über 30 Jahren lebe."

Else Haßler zeigt ein Foto, auf dem sie zu sehen ist, wie sie gemeinsam mit den drei Syrern und einem Hausbewohner an einem Tisch sitzt. "Sieht doch aus wie eine kleine Familie", kommentiert sie. Rolf Kranz zeigt eine Stelle im Badezimmer, auf der ein Loch zu sehen ist. "Die Familie hat oben das Bad überflutet, das Wasser ist durchgesickert, die Decke muss repariert werden", kommentiert er. Wenn Else Haßler bei den Flüchtlingen klingelt, machen sie auf, freuen sich, bieten ihr etwas an. Wenn eines der Flüchtlingskinder im Garten von Rolf Kranz das Fahrrad abstellt, ignoriert es den Mann auf der Veranda und läuft wieder weg. Zu Else Haßler sagen die Mieter "Oma". Zu Rolf Kranz sagen sie nichts.

Der Freundeskreis Flüchtlinge Lahr unterstützt Flüchtlinge bei der Wohnungssuche. Das sei nicht immer so leicht, sagt Günter Endres, einer der Sprecher des Freundeskreises. Endres hat selbst schon Wohnungen für Flüchtlinge organisiert – und dabei unterschiedliche Erfahrungen mit den Vermietern gemacht. "Viele freuen sich, dass sie helfen können", berichtet er. Andere würden sich aber nicht trauen, den Fremden etwas anzubieten. "Häufig schwingt da die Angst mit, dass die Flüchtlinge plötzlich noch acht weitere Freunde mitbringen und alles kaputtmachen", sagt Endres. Das ist natürlich übertrieben, findet er. "Aber klar ist auch, dass die Flüchtlinge, wie alle Menschen, sehr unterschiedlich sind." Da seien auch welche dabei, über die Vermieter sicherlich klagen könnten. "Aber auch Vermieter", sagt Endres, "über die Flüchtlinge klagen könnten."

Oma Else und die Flüchtlinge

Die Flüchtlinge in der Wohnung von Else Haßler sind zufrieden mit ihrer Situation. Die Wohnung sei toll, sagt Daoud Khawam. "Wir verstehen uns alle gut, werden von unserer Oma Else wunderbar betreut, können uns hier entwickeln." Der 30-Jährige möchte rasch Deutsch lernen, damit er in Deutschland als IT-Fachmann arbeiten kann. "Das Putzen teilen wir gerecht auf", sagt er, als er durch die Wohnung führt. "Dann bleibt genug Zeit für Vokabeln und Grammatik."

Die Flüchtlingsfamilie im Haus von Rolf Kranz fühlt sich hingegen nicht wohl. Das teilt ein Familienfreund mit, der seinen Namen nicht nennen will, aber für den Vater sprechen soll, dem der Autor dieses Artikels seine Nummer für einen Rückruf hinterlassen hat. Der Vermieter verbiete der Familie, Besuch zu bekommen, wettert der Familienfreund am Telefon los. Er gebe ihnen keine eigene Waschmaschine, verlange zehn Euro pro Waschgang und behandle sie unmenschlich.

Vor knapp einem halben Jahr lernte der Mann aus Oberschopfheim die Flüchtlingsfamilie kennen, da ihr jüngstes Kind in die Klasse seiner Tochter kam. "Die Familie will dort schon lange raus aus der Bude", sagt er. "Die können dort nicht mehr leben."

"Sie machen alles kaputt und rauben mir die Nerven."

Rolf Kranz
In der Praxis sieht das anders aus. Seit Rolf Kranz vergangenen November gekündigt hat, streitet er vor Gericht mit der Familie, die die Kündigung nicht akzeptieren will. Er sei zu Beginn so blauäugig gewesen, sagt Rolf Kranz. Den Mietvertrag hätte er zeitlich begrenzen sollen, denkt er im Nachhinein. "Sie haben meine Waschmaschine kaputtgemacht, gehen ungefragt auf unser Klo im ersten Stock, überfluten das Bad, rauben mir die Nerven", zählt Rolf Kranz auf. "Und ich kriege sie hier nicht raus."

Else Haßler hat dieses Problem nicht. Ganz im Gegenteil. Ihre syrischen Nachbarn gehen in absehbarer Zeit raus aus der Wohnung ihres Sohnes und suchen sich aus beruflichen Gründen neue Mietwohnungen. Der letzte wird bald schon ausgezogen sein. "Die Zeit mit ihnen will ich nicht missen", sagt sie. Aber nun stehe die Wohnung halt wieder leer. "Dann können Freunde und Verwandte wieder zu Besuch kommen. Gerne auch zu Weihnachten – wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt."

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Autor: Christian Engel