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07. März 2016

Im Hosenanzug und im Häs

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Sandra Boser hat sich bewusst für eine Rückkehr in ihren Heimatort Wolfach entschieden.

  1. Sandra Boser im Flößerkaffee in ihrem Heimatort Wolfach mit Blick auf die Kinzig. Foto: Christian Kramberg

LAHR. Politiker haben Positionen, aber auch Privatleben. Um die Landtagskandidaten von der persönlichen Seite kennen zu lernen, trifft sich die BZ mit ihnen an einem ihrer Lieblingsorte. Heute: Sandra Boser (40), Kandidatin der Grünen.

Der Treffpunkt ist von Sandra Boser mit Bedacht gewählt: das Flößercafé in Wolfach. Der Treffpunkt verrät viel über das derzeitige Leben der Grünen-Politikerin. Die 40-Jährige ist als Mutter von zehnjährigen Zwillingen und als Landtagsabgeordnete stark eingespannt, nicht nur während des Wahlkampfs: "Ich habe wenig Zeit, die ich frei gestalten kann." Da bedarf es eines Platzes, der mit der Familie schnell erreichbar ist, der den Kindern mit der Wiese und dem Spielplatz Auslauf bietet – und an dem sich Boser natürlich auch wohlfühlt: "Wenn ich hier bin, dann fühle ich mich gleich daheim." Dass sie ein gern gesehener Gast ist, belegen die freundschaftlichen Worte mit dem Wirt.

Es ist an diesem Tag regnerisch und ungemütlich, die großen Fensterscheiben bieten einen Blick auf die Kinzig, die sich in Richtung des Rheintals durch das Kinzigtal wühlt. Von hier aus sind es nur wenige Schritte bis zu ihrer Wohnung, "man kann meinen Balkon sehen". Seit zwölf Jahren lebt sie wieder in Wolfach, wo sie aufgewachsen ist, nur Studium und Beruf hatten für eine Unterbrechung gesorgt. Sie hat beides kennengelernt – Stadt und Land – und sich am Ende mit ihrem Ehemann wieder für das Land entschieden: "Die Stadt bietet mehr Kultur und Infrastruktur, das Land dafür andere liebenswerte Dinge: die Natur oder die Familie." Im Kinzigtal fühlt sich Boser verortet, auch wenn sie in klarem Hochdeutsch, Hosenanzug, Pagenschnitt und schwarzer Brille wie aus dem Ei gepellt ausschaut und in jeder Stadt eine gute Figur abgeben würde. Und damit liegt man gar nicht so falsch: Sandra Boser ist Diplom-Betriebswirtin, arbeitete 13 Jahre lang bei der Sparkassenversicherung, bevor sie 2008 in die Politik ging. Sie kann aber genauso gut das Häs des "Streifenhanseli" und der "Kaffeetante" tragen, beide Fasentfiguren verkörpert sie in der örtlichen Freien Narrenzunft.

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Wolfach mit seinen knapp 6000 Einwohnern liegt am Zusammenfluss von Wolf und Kinzig im Kinzigtal, rundherum gibt es Täler und Berge. Für manche, das weiß Sandra Boser, ist die Lage im Wolftal bedrückend, sie schätzt aber dafür die Nähe des Waldes. Das Rauschen und Plantschen der Kinzig, die durch Wolfach fließt, findet sie "total beruhigend", gesteht aber ein, dass sich sie nach der Rückkehr erst einmal daran gewöhnen musste. Die Menschen da oben sind etwas verschlossener, zurückhaltender, ist ihre Erfahrung, es braucht etwas länger, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

In diesem Wahlkampf hat Sandra Boser eine andere Rolle: Vor fünf Jahren war sie ein Neuling, der gegen den arrivierten CDU-Abgeordneten Helmut Rau antrat, jetzt ist sie die Landtagsabgeordnete, die mit fünf Jahren Politikerfahrung in den Wahlkampf geht. Sandra Boser ist bekannter, routinierter, selbstbewusster, kämpferischer. Und sie will das Angefangene fortsetzen: "Ich habe große Lust dafür kämpfen, dass es weitergeht." Das Privatleben muss dafür zurückstehen, in den Wochen vor dem 13. März gibt es kaum einem freien Tag.

"Ich habe große Lust dafür zu kämpfen, dass es weitergeht."

Sandra Boser
Sandra Boser ist viel unterwegs in ihrem Wahlkreis, nicht nur vor dem Wahlkampf. Ihre häufigen Besuche in den Städten und Gemeinden, bei Institutionen und Vereinen wurden ihr auch schon negativ ausgelegt. "Ich verstehe das als meine Aufgabe", entgegnet Boser, "die Menschen haben mich nicht gewählt, damit ich in Stuttgart sitze, sondern, dass ich auch präsent bin vor Ort." Sandra Boser hat sich in den vergangenen Jahren in der Landespolitik einen Namen gemacht, sie ist bildungspolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag. Und sie ist so selbstbewusst, dass sie sich für neue Aufgaben ins Gespräch bringt. In der Wirtschaft will sie sich künftig stärker engagieren und ein Thema angehen, das ihr am Herzen liegt: Eine Infrastruktur im ländlichen Raum zu schaffen, beziehungsweise zu erhalten, damit die Menschen nicht in die Städte abwandern müssen. Dazu gehören nicht nur Breitband oder Straßen, sondern auch der Ausbau der Kleinkindbetreuung, ein weiteres großes Anliegen in Bosers politischer Arbeit. Denn mit diesem Thema schließt sich bei ihr quasi ein Kreis. Sie begann sich politisch zu engagieren, weil sie sich als junge Mutter in Wolfach um eine bessere Betreuung für ihre Kinder einsetzte.

Zeit für einen weiteren Kaffee im Café bleibt nicht, der nächste Pressetermin steht an. Nach dem 13. März wird vielleicht wieder mehr Gelegenheit sein.

Autor: Christian Kramberg