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08. September 2010

Lahrer Zeugnis der Schwanauer Burg

Bei Führung durch den Storchenturm wird allerhand spannende Geroldsecker Geschichte wach.

  1. Der Storchenturm, einst Teil der Wasserburg. Foto: m. bamberger

LAHR. Wie spannend Geschichte sein kann, hat Helgard Schmuck bei einer Führung durch den Lahrer Storchenturm einer Gruppe von mehr als 20 Teilnehmern vermittelt. Anschaulich und kenntnisreich erzählte die Stadtführerin von Raubrittern und Burgenbauern, von Kriegslisten, Machtkämpfen und einschneidenden Naturereignissen wie dem Erdbeben in Lahr im Jahr 1728.

Im Hochmittelalter waren die Geroldsecker die mächtigste Familie in der Region, berichtete Schmuck. Sie hatten dem letzten Staufer-Kaiser Friedrich II. Treue geschworen und erhielten dafür zahlreiche Privilegien. Um 1220 erbauten die Herren von Geroldseck die Wasserburg in Lahr, deren Ruine seit 1913 als Storchenturm bekannt ist. Denn bis in die 1960er Jahre hinein war der Turm die Brutstätte von Störchen.

Die Burg wurde 1677 zerstört und knapp 100 Jahre später bis auf den heutigen Storchentum abgetragen. Im 19. Jahrhundert diente das heutige Wahrzeichen der Stadt als Gefängnis, das im Jahr 1937 zugemacht wurde, seit 1982 steht der Turm unter Denkmalschutz. Heute würde der Bau einer solchen Burg rund 15 Millionen Euro kosten.

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Die Lahrer Wasserburg ist in ihrer Bauweise beispielhaft für die Burgen der Stauferzeit. 50 000 Tonnen Steine wurden bei einer Bauzeit von fünf Jahren verarbeitet, die Mauern sind zwei Meter dick und der Wassergraben war 28 Meter tief. Fast im Quadrat gebaut, hatte die Burg bei einer Seitenlänge von 44 Metern vier Türme. 20 Steinmetze versahen ihren Dienst. Was heute noch steht, war der Palas, das Haupt-und Wohngebäude einer mittelalterlichen Burg. "Sehen Sie dort den Kleeblattbogen, das ist das Zeichen der Staufer", zeigte Helgard Schmuck in die luftige Höhe des Storchenturms.

Etwa 30 Jahre später wurde der Stammsitz der Geroldsecker, die Burg Hohengeroldseck in Seelbach gebaut. "Die ist schöner, solider", erklärte die Stadtführerin, denn die Wasserburg sei wie die meisten Burgen hauptsächlich als Zufluchtsort gebaut worden – nicht für Massen, es handelte sich um 80 bis 100 Menschen, so Schmuck. Die Burg in Lahr stand auf Allodialgebiet, was bedeutet, dass keine Steuern gezahlt werden mussten.

Lahr sei ein sehr günstiger Standort gewesen, zeigte Schmuck anhand einer Karte entlang der Handelsstraße Mannheim-Basel. Mit der der Rodung wurde sozusagen auch ein Gebiet abgesteckt. Es gab damals einen ganzen Gürtel von Burgen in der Region, dazu gehörte der Stammsitz der Familie Roeder von Diersburg, das Brigittenschloss in Sasbachwalden, das Schloss in Mahlberg und die Burg in Schwanau zwischen Gerstheim und Ottenheim. Diese Schwanauer Burg wurde für die Geroldsecker eine "Lizenz zum Gelddrucken", erklärte Schmuck. Deren Macht verfiel, und sie wurden um das Jahr 1300 "ein bisschen zu Raubrittern", indem sie bei Geldmangel die Fahrrinne des Rheins veränderten: Lief das Schiff auf Grund, fiel nach mittelalterlichem Gesetz der "Grundruhr" die Ware an den Grundherrn, die Besatzung konnte für Lösegeld oder in die Sklaverei verkauft werden. Das willkürliche Treiben der Geroldsecker war den Menschen im alemannischen Raum ein Dorn im Auge, doch weil die Burg als uneinnehmbar galt, dauerte es, bis die Stadt Straßburg gemeinsam mit anderen Städten den Raubrittern das Handwerk legen konnten.

Ironie der Geschichte – Angeberei wird zum Verhängnis

Es ist eine schöne Ironie der Geschichte, dass gerade Stolz und Angeberei der Geroldsecker den Sieg ihrer Feinde ermöglichten, erzählte Schmuck: "Meine Burg ist so stark, die kriegt ihr nicht klein", luden sie die Belagerer ein, sich von der Uneinnehmbarkeit zu überzeugen. Diese stellten bei der Besichtigung fest, dass zwar die Mauern stand halten würden, aber der Schwachpunkt die im Freien gelagerten Lebensmittel waren. So schoss die Allianz der Geroldsecker Gegner Fäkalien über die Burgmauern, um die Nahrungsmittel zu verderben – im Jahr 1333 eroberten Straßburg und Städte aus der Schweiz und dem Elsass die Burg Schwanau. Dass den Frauen dabei freies Geleit gewährt wurde und die ihre Männer dann huckepack mitnahmen, gehört zu den vielen Legenden, die sich um Burgen des Mittelalters ranken.

Autor: Renate Tebbel