Nah am Wald und nah am Volk

Ulrike Derndinger

Von Ulrike Derndinger

Di, 01. März 2016

Lahr

Der Lahrer Wald- und Familienmensch Lukas Oßwald kandidiert bei der Landtagswahl für die Partei Die Linke.

LAHR. Politiker haben Positionen, aber auch Privatleben. Um die Landtagskandidaten von der persönlichen Seite kennen zu lernen, trifft sich die BZ mit ihnen an einem ihrer Lieblingsorte. Heute: Lukas Oßwald (49), Kandidat der Linken. Treffpunkt ist das "Soldatengrab" im Heiligenzeller Wald.

Als Lieblingsort der Wald? Das ist lustig und schlüssig bei jemandem, der Oßwald heißt und Forstwirtschaftsmeister ist. Wenig heiter ist dagegen der konkrete Ort, den er an einem sonnigen Januartag als Treffpunkt wählt: Das Soldatengrab im Heiligenzeller Wald zwischen dem Friesenheimer Dorf und Lahr-Burgheim. Es ist für den 49-jährigen Oßwald, Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), ein Mahnmal gegen staatlich verordneten faschistischen Terror.

Es gilt als wahrscheinlich, dass hier drei fahnenflüchtige Soldaten aus Rheinfelden von SS-Soldaten kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs hingerichtet wurden. Eine erst 2010 aufgestellte Tafel erläutert das Geschehene sowie die vorhandene Kreuzesinschrift aus den 1960er-Jahren, die vom "Heldentod" der Männer spricht. Historiker meinen, man solle den Text belassen, weil er den Geist der Nachkriegszeit widerspiegle, in der die Bevölkerung bereitwillig glaubte, dass die Soldaten im Kampf gegen Franzosen getötet wurden. Dass man die Inschrift so belässt, ist für Oßwald nicht in Ordnung: "Wo der Faschismus aufkeimt, sollte er bekämpft werden", sagt er und blickt auf die Bäume neben dem Grab.

"Die Wildkirschen habe ich gepflanzt", meint er dann, geht zur Baumgruppe und freut sich, wie gut sie gewachsen sind. Er mag diesen Ort nicht nur, weil hier Geschichte spürbar ist, sondern auch seine Arbeit als Forstwirtschaftsmeister. Der Orkan Lothar habe hier mächtig reingefegt, erklärt er und deutet mit der Hand, wo der Sturm im Dezember 1999 Schneisen in den Wald geschlagen hatte. Und wie der Wiederaufbau stattfand.

Unzählige Stunden sei er als Selbständiger, oft für die Gemeinde Friesenheim, im Unterholz herumgekrochen, erzählt der kompakte Mann, der einmal über sich sagte, er wolle in erster Linie das Volk vertreten und nicht die Partei. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er sich gern anschaulich ausdrückt. "Des isch ä mords Bolle", meint Oßwald und deutet auf einen vermoderten Eichenstrunk, Überbleibsel von Lothar. Aalglatte Wahlkampfstrategen sprechen anders. Oßwald kennt sich aus. Wo andere nur ungeordnet Bäume und Sträucher sehen, hat er im Dickicht eine Orientierung: "Der Wald hier ist in einem tollen Zustand."

Heute geht der agile Oßwald fast nur noch privat in den Wald, "um zur Ruhe zu kommen", und oft mit seinen Mischlingshunden Pablo und Laila. Vor fünf Jahren war ihm ein Schlepper über die Hand gefahren, seither ist er arbeitsunfähig. Der Wald fehle ihm, sagt er, aber er wirkt deshalb nicht deprimiert.

Die Familie fange ihn auf, er konzentriere sich nun in Vollzeit auf die Politik und könne seine Amtspflichten als Stadtrat in Lahr (seit 2009), als Bezirksvorstand bei der Gewerkschaft IG Bau Südbaden und als Landes- und Bundesdelegierter der Linken erfüllen. Sowieso seine Familie: Sie liegt ihm am Herzen.

"Bei uns bringen die Frauen das Geld heim,

so wie früher der Mann."

Lukas Oßwald
Es gefällt Oßwald, dass sie unter einem Dach im Haus in Lahr-Burgheim lebt und alles ein bisschen anders ist. "Bei uns bringen die Frauen das Geld heim, so wie früher der Mann", meint Oßwald. Ehefrau Beatrix leitet eine Abteilung einer sozialen Organisation, die Tochter, von der Mutter mit in die Ehe gebracht, ist berufstätig, während der Schwiegersohn die zwei Töchter und den Haushalt versorgt. Lukas Oßwald selbst ist als Sohn einer Hausfrau und eines Postbeamten in Schutterwald-Höfen aufgewachsen, in einer gut katholischen Familie. Alle vier Geschwister bekamen als Zweitnamen den Muttergottesnamen "Maria". Aus der Kirche ist Oßwald längst ausgetreten. Den vollen Namen trägt er mittlerweile gern – auch auf der Visitenkarte der Linkspartei: "Das hat was Schönes."

2009 ist Oßwald Parteimitglied bei den Linken geworden. Wie viele Politiker treibt auch ihn die Flüchtlingsfrage um. Warum die Linken dadurch in Umfragen nicht zulegen, liegt für ihn auf der Hand: "Der rechte Rand macht Politik mit Angst, und das will die Linke nicht." Im Moment liege das politische Bewusstsein der Menschen leider am Boden, so Oßwald. Er will antreten, es wieder aufzurichten, sagt er und steht von der Bank am Soldatengrab auf. Beim Wald hier hat er das bereits geschafft.