Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

30. April 2010

Protest im Haus Johannis

Mitarbeiter der Druckerei und des Verlags klagen über ausstehende Löhne / 30 Kündigungen.

  1. Protest in der Johannis-Druckerei: Eine Insolvenzanmeldung soll geprüft werden, forderte Franz-Xaver Faißt (rechts) von Verdi. Foto: heidi fössel

LAHR. Zahlreiche Mitarbeiter der St. Johannis-Druckerei C. Schweickhardt GmbH an der Heiligenstraße haben gestern früh mit einer öffentlichen Protestaktion die Geschäftsführung mit Ilyama Becker an der Spitze aufgefordert, ausstehende Löhne vollends zu bezahlen. Franz-Xaver Faißt von der Gewerkschaft Verdi Südbaden mahnte die seit Juli 2009 als Geschäftsführerin tätige Frau Becker, die Frage einer Insolvenzanmeldung zu prüfen.

Denn neben ausstehenden Löhnen gebe es wohl noch unbezahlte Rechnungen von Lieferanten und zumindest einige ehemalige Mitarbeiter hätten keine Betriebsrente mehr erhalten, erklärte Faißt. Was gestern bei der St. Johannis-Druckerei geschehen ist, ist für den christlichen Verlag eine Revolution. Spruchbänder wie "1896 – 2010 nach 114 Jahren Wende oder Ende" hatten die Mitarbeiter aus den Arbeitsräumen in den Hof gebracht. Derzeit hat das Unternehmen noch 78 Mitarbeiter, so Betriebsratsvorsitzender Heinz Köbler, mehr als 30 davon befinden sich im Zustand eines gekündigten Arbeitsverhältnisses. In der Summe verlangen die Mitarbeiter ausstehende Löhne und Gehälter für den März, der Lohn April sei auch fällig. Außerdem habe der Betriebsrat auf Bitten der Geschäftsleitung eine Ratenzahlung des Weihnachtsgeldes für 2009 vereinbart, wobei eine der Raten ebenfalls überfällig sei. Mitarbeiter, die Forderungen geltend machten, würden vertröstet oder durch kleinere Teilzahlungen zu beruhigen versucht.

Werbung


Mitarbeiter der Johannis-Druckerei sind aus Überzeugung dabei

Seit vergangenem Herbst rumorte es in der Belegschaft, als die Kunde einer ersten Kündigungswelle durchs "Heiligenviertel" drang. Viele der Mitarbeiter sind aus christlicher Überzeugung in dem traditionsreichen Unternehmen, bei dem es nach der Frühstückspause noch üblich ist, eine Andacht zu halten. Lange Betriebszugehörigkeiten sind die Regel, so dass sich auch recht lange Kündigungsschutzfristen ergeben. "Das Unternehmen hat zwei Weltkriege und zwei Inflationen überlebt, eine solche Situation gab es noch nie", kritisierte man lautstark.

"Es muss was passieren’", forderten die Mitarbeiter, die sich meist von Verwandten Geld geborgt haben, um die ausstehenden Löhne zu überbrücken. Nach zwei Monaten ohne Salär wäre Arbeitslosengeld möglich. Franz-Xaver Faißt beklagte in seiner Ansprache, dass es bei den Mitarbeitern wegen ausstehender Löhne und bestehender Lebenshaltungskosten zu einem Notstand komme, verbunden mit sinkendem Vertrauen in die Geschäftsleitung. Trotz schmerzhaftem Personalabbau sei es zu den Gehaltskürzungen gekommen. Die Geschäftsführung sollte sich eine ordentliche Insolvenzanmeldung überlegen, was zu einem sauberen Schnitt führen würde. Auch wenn der nicht schmerzfrei für die Mitarbeiter wäre. Immerhin gäbe es dann Anspruch auf Insolvenzgeld, drei Monate rückwirkend. Zweieinhalb Jahre lang hatten die Mitarbeiter des Unternehmens im übrigen wöchentlich zweieinhalb Stunden ohne Lohn gearbeitet.

Ilyana Becker hatte das Unternehmen im Sommer 2009 von Reinhold Fels übernommen. Dessen zehn Jahre als Eigner waren aus Sicht der Belegschaft auch nicht mehr das, was man aus den Zeiten der Eigentümer Walter Guthmann und Helmut Schlegel kannte. Auftritte bei Buchmessen gab es aus finanziellen Gründen nur noch wenige. Neben der Druckerei gehören zur Firmengruppe zwei Verlage: Es gibt den Christlichen Verlag Johannis, daneben den säkulären Schwarzwald-Kalender-Verlag.

Von Geschäftsführerin Ilyana Becker war keine Stellungnahme zu erhalten. Welche Rolle deren Vater Berthold Becker spielt, weiß die Belegschaft nicht. Dieser hatte die Gebetsbewegung "Fürbitte für Deutschland" mitgegründet.

Autor: Bruno Kohlmeyer