Wenn die Orgel Klezmer tanzt

Babette Staiger

Von Babette Staiger

Mi, 12. September 2018

Lahr

Gelungenes Zusammenspiel und vielseitiges Programm bei der Sommermusik in der Stiftskirche .

LAHR. Susanne Moßmann (Orgel) und Christoph Wirz (Klarinette) sind musikalische Könner: Für das dritte Konzert der Sommermusiken in der Stiftskirche haben sie das Publikum umgarnt und nicht nur in der breiten Programmwahl unterschiedliche Geschmäcker getroffen. Das Programm war breit ausgelegt: Die Stücke reichten vom Barock (Johann Sebastian Bach), über den französischen Impressionismus (Claude Debussy) und die Spätromantik (Joseph Gabriel Rheinberger) bis hin zu zeitgenössischen Komponisten, die vor allem den zweiten, eher populärmusikalischen Teil des Abends, füllten.

Der Abend war allerdings nicht nur eine Frage des Musikgeschmacks. Insbesondere den ersten Teil gestalteten Moßmann und Wirz als Schaulauf der musikalischen Möglichkeiten. Und das traf die Hörerwartungen der Instrumentenkenner. Bereits zu Beginn eröffneten Wirz und Moßmann den Zuhörern mit Léon Boëllmanns (1862 – 1897) "Suite Gothique" aus dessen Opus 25 eine schier unendliche Palette möglicher Zusammenklänge beider Instrumente.

Wirz spielte in seiner Dynamik solistisch und dennoch perfekt abgestimmt auf die Orgel. Dieser entlockte Moßmann entweder mit gedeckten Flötenregistern oder mit samtener Tiefe die Rolle eines zurückhaltenden Streichquartetts oder eines Continuo. Selbst bei der Toccata im vierten Satz ging es feinsinnig zu: Da schwirrte Wirz’ Klarinette im Kirchenraum, während Moßmann mit passenden Registern, silbrig und zurückhaltend, Akkordeonharmonien beisteuerte: ein in den Äther versetzter Bal Populaire, und ein Beweis für das Können der beiden Musiker.

Doch auch ein Wechsel des Solothemas von einem Instrument auf das andere gelang glaubhaft, wie etwa bei Rheinbergers Cantilène aus dessen Opus 148. Hier wurde die Disposition der Orgel mit ihren hellen, fein schwebenden Kronregistern voll ausgenutzt, um der Klarinette sozusagen antworten zu können. Der erste Teil bewies also, dass beide Instrumente dieselbe Sprache sprechen können – jedoch mit ihrem jeweils eigenen Akzenten und Klangfarben.

Der zweite Teil entlockte dem Publikum schließlich mehrfach Applaus. Kein Wunder, denn Wirtz durfte sich auf der Klarinette unter anderem mit Klezmerstücken austoben. Dave Tarras’ (1895 – 1989) "Freilach" und Béla Kovács (geboren 1937) " Sholem-alekhem, rov Feidman!" verließen eindeutig den sakralen Musikstil und schwangen sich auf den Tanzboden eines jüdischen Familienfestes. Es waren die beiden Höhepunkte des Konzerts, gemessen an der Publikumszustimmung. Hier durfte die Klarinette nach Herzenslust kreischen, kichern, flirten und umgarnen, während Moßmann das Klezmerorchester gab. Und das Publikum durfte überrascht feststellen, dass die Orgel der Stiftskirche enorm wandelbar ist: Sie dient nicht nur als Medium für bachsche Fugen, sie tanzt eben manchmal auch zu Klezmer.