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13. September 2017

"Wie Disneyland für Männer"

Stadthistoriker Thorsten Mietzner führte zum Tag des offenen Denkmals durch drei ehemalige Kasernenareale.

  1. Im Industriehof informierte Stadthistoriker Thorsten Mietzner über die Lahrer Militärgeschichte. Foto: Heidi Fössel

LAHR. Es hat schon viele Führungen und Vorträge zu Lahrs Geschichte als Garnisonsstadt gegeben, es gab schon Tage der offenen Tür im Zeitareal und VHS-Vorträge zu den Kasernen in Lahr – immer ist der Zuspruch groß. Am Sonntagnachmittag führte Stadthistoriker Thorsten Mietzner eine Gruppe von rund 80 Interessenten über die drei ehemaligen Kasernenareale Zeitareal, Neuwerkhof und Friedensheim.

Am Tag des offenen Denkmals referierte Mietzner allgemeinverständlich und eher dem Grundsätzlichen als dem Detail verpflichtet über die "in Stein gemeißelte Macht und Pracht der Kaiserzeit". Diese zeigt sich nicht nur in den ehemaligen Kasernenarealen, sondern auch in den Wohnhäusern der Offiziere, die zum Beispiel in der Kaiserstraße oder der Lotzbeckstraße das Lahrer Stadtbild bis heute prägen.

Mietzner stellte viele Bezüge her, die das Thema Lahrer Militärgeschichte mit der Stadtgeschichte verbinden. So war der erst nach mehrmaligem Bemühen erfolgte Zuschlag zum Bau der Infanteriekaserne Ende des 19. Jahrhunderts dringend notwendig, weil Lahr einen Wachstumsimpuls brauchte. Den "Wirtschaftsaufschwung" im doppelten Sinn brachten die Soldaten dann zwar – 1900 gab es in Lahr nicht nur 2000 Soldaten, sondern auch 120 Wirtschaften – aber es war nicht von allzu langer Dauer.

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Ein "Mittelstandsbauch" hatte sich entwickelt, aber für die angestrebte Industrialisierung hatte die Garnison nichts gebracht, konstatiert Mietzner. Städtebaulich bezeichnete er die historisierende, an Gotik und Mittelalter angelehnte massive und teure Bauweise als "Disneyland für Männer".

Kritik an der Militärpräsenz gab es von katholischer, sozialdemokratischer und kommunistischer Seite. Mietzner zitierte einen sarkastisch-polemischen Artikel aus dem sozialdemokratischen "Volksfreund". Heinrich Hansjakob befürchtete, dass "Arbeitslose und Köchinnen" nach Lahr gelockt werden, jedenfalls "keine Leute mit Geld". Außerdem befürchtete er einen unguten Einfluss auf den Heiratsmarkt in Lahr, wenn die schneidigen Offiziere die örtlichen Bewerber ausstechen. Es gab also ein ambivalentes Verhältnis zum Militär, auch mal Schlägereien, insgesamt aber habe die Stadt profitiert – nur nicht unbedingt so, wie ursprünglich gedacht. Nach dem Ersten Weltkrieg stand zwar die Stadt, die für den Bau der Kasernen in Vorleistung gegangen war und auf jahrzehntelange Mietzahlungen gehofft hatte, mit acht Millionen Mark Schulden da – und konnte wegen der Inflation beim Verkauf der Liegenschaften nicht die entsprechende Summe einnehmen. Dennoch waren durch die dann doch noch erfolgte Ansiedlung von Industrie – unter anderem der Roth-Händle und der bis heute bestehenden Firma Skrebba – Arbeitsplätze und Kaufkraft nach Lahr gekommen.

Im Lauf der Jahre wurden die Kasernenbauten schlichter, wie am Friedensheim zu sehen ist. Diese 1912 bis 1917 erbaute Kasernenerweiterung wurde 1920 von der Arbeiterbaugenossenschaft übernommen und war Keimzelle des "roten Lahr", wie Mietzner am Beispiel von Karl und Frieda Unger zeigte. Fazit: ein spannender historischer Streifzug durch gut hundert Jahre Lahrer Geschichte.

Autor: Juliana Eiland-Jung