Grünstreifen als Gefahr für Insekten?

Katrin Dorfs

Von Katrin Dorfs

Fr, 23. März 2018

Gundelfingen

BUND-Vorsitzender André Grabs aus Gundelfingen kritisiert den Vorschlag des Verkehrsministeriums, Straßen ökologisch aufzuwerten .

GUNDELFINGEN. Der Artenschwund schreitet schnell voran – auch in Baden-Württemberg. Deshalb will das Landesverkehrsministerium die biologische Vielfalt an Straßen stärken, wie es in einer aktuellen Pressemeldung des Ministeriums heißt. Grünstreifen neben Straßen sollen ökologisch aufgewertet werden, um einen Rückzugsort für Insekten zu schaffen – dafür gibt es Geld vom Land. Einen "hilflosen Rettungsversuch" nennt der Gundelfinger BUND-Ortsvereinsvorsitzende André Grabs die Idee – und lässt den Minister das auch in einer E-Mail wissen.

In der Pressemitteilung des Verkehrsministeriums geht es unter anderem darum "die Grünbereiche entlang von Straßen, das sogenannte Straßenbegleitgrün, ökologisch aufzuwerten". Durch ein vielfältiges Angebot an unterschiedlichen Blumen und Gräsern sollen die 27 000 Hektar Straßenbegleitgrün in Baden-Württemberg die Artenvielfalt auf den Flächen neben der Straße vergrößern, heißt es in der Pressemitteilung. Kreisverkehre und Rastplätze sollen naturschutzfachlich aufgewertet und die Grünflächen neben den Straßen mit insektenfreundlichen Blühmischungen eingesät werden.

"Das sind keine Rückzugsorte", meint der Insektenkundler André Grabs. "Das ist, wie wenn ich Ihnen den mittleren Streifen auf der Autobahn als Rückzugsort für erholsame Stunden verkaufen möchte." Die Aufbesserung des Straßenbegleitgrüns sei kontraproduktiv und unbedacht. Zum einen hätten viele Straßen eine hohe Verkehrsdichte und die Fahrzeuge führen mit hoher Geschwindigkeit. So entstehe ein Sog, der die Insekten erfasst und tötet. Zum anderen seien die Flächen bei den Straßen zu separat. Sie seien nicht, anders als Wiesen, durch einen Heckensaum oder den Waldrand an ein Ökosystem angeschlossen. Die Randstrukturen seien wichtig.

Bisher gibt es in Gundelfingen nicht viele Straßenbegleitgrünflächen, spontan fällt Grabs eine ein. Diese liege zwischen einer Straße und einem asphaltierten Radweg. Raupen, die sich verpuppen wollen, wandern 100 bis 200 Meter. "Wohin sollen diese Raupen wandern, ohne getötet zu werden?", fragt Grabs.

Unbebaute Wiesen werden immer seltener

Auch die Flächen neben der Schnellstraße von Emmendingen oder Waldkirch kommend seien für Insekten ungeeignet. Gerade in den Nachmittagsstunden, wenn besonders viele Insekten unterwegs seien, führen dort sehr viele Autos. "Die filtern eine unglaubliche Insektenmasse aus der Luft", sagt Grabs. "Mit einem bunten Streifen neben der Straße, der wie ein Magnet fungiert, werden noch mehr Insekten getötet."

Der Insektenkundler schlägt daher vor, Grünflächen nur an Straßen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde aufzuwerten. "Generell wäre die Förderung weiter weg von Straßen sinnvoller", meint Grabs.

Da stehe jedoch direkt das nächste Problem an. Extensiv genutzte Wiesen würden immer seltener. Nur noch wenige Flächen lägen brach. "Und wenn es mal eine Fläche gibt, wird die in mittelbarer Zukunft bebaut. Auch hier in Gundelfingen ist das ein Problem", sagt Grabs. Denn Wiesen hätten ein schlechteres Image als beispielsweise der Wald. Sobald man auf einer Waldfläche bauen wolle, sei der Aufschrei groß. Bei Wiesen sage jedoch jeder: "Die kann man doch bebauen."

Mit der Gemeinde Gundelfingen habe Grabs noch nicht gesprochen. Ihm gehe es zunächst darum, Verkehrsminister Winfried Hermann in einer E-Mail darauf aufmerksam zu machen, dass der Appell zu pauschal und unklug sei. Grabs kann sich nur vorstellen, dass der Beschluss durch Unwissen entstanden ist. Er ist der Meinung, die Ministerien müssten sich mehr Beratung holen. So sei der Vorschlag zu plakativ. "Klar, die Gemeinden können damit punkten, weil es bunt und schön aussieht und die Menschen freuen sich daran. Viele scheinen jedoch nicht zu begreifen, dass da mehr als nur ein paar bunte Blumen hinter stehen müssen", meint Grabs.