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03. Februar 2009 14:53 Uhr
Hausbesitzer in Staufen
Leben zwischen den Rissen
Seit 15 Monaten leben die Staufener mit den Rissen – und haben lange vergebens gewartet, dass Stadt und Land zu Hilfe kommen. Nun soll sich tatsächlich etwas tun: In wenigen Tagen beginnt die Erkundungsbohrung, die Klarheit über die Ursache der Risse bringen soll.
Der Riss zieht sich quer durchs Kaminzimmer, spaltet den Fliesenboden drei Zentimeter breit. Aber Kaminzimmer kann Claus Hermann (58) den Raum im Erdgeschoss seines Staufener Altstadthauses kaum mehr nennen. Denn auch die Mauern des Ofens bröckeln. Zu gefährlich, da noch ein Feuer zu entfachen, sagt der Schornsteinfeger, erst muss ein neues Rohr her. Claus Hermann müsste reparieren, sanieren, investieren. Nicht nur am Kamin, sondern in jedem Zimmer des Hauses: Im Wohnzimmer dringt die Kälte durch die Ritzen, Risse durchziehen die Küche, im Flur bröckelt der Putz, die Wand der Toilette gleicht einem Spinnennetz aus Spalten.
15 Monate ist es jetzt her, dass sich in Staufens Altstadt die ersten Risse auftaten. Inzwischen haben 144 Hausbesitzer Schäden gemeldet, die beiden Rathäuser, zwei Schulen und die katholische Kirche haben Risse. Inzwischen berichten Medien in aller Welt über das, was mit der Stadt im Breisgau geschieht. Inzwischen gehen Touristen mit dem Kopf im Nacken durch die Altstadtgassen: "Risse-Tourismus" ist in Staufen zu einem Begriff geworden. Und inzwischen leben die Betroffenen seit mehr als einem Jahr zwischen diesen Rissen.
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"Es ist eine Katastrophe", sagt Claus Hermann. Es sollte ein Traumhaus werden: Hermann und seine Lebensgefährtin Ellen Gebel (44) haben viel Liebe, Zeit und Geld in das alte Gebäude an der Jägergasse gesteckt. Die Umbauarbeiten waren gerade beendet – da hätte das Paar mit Reparaturen weiter machen können. Risse traten auf, wurden zu Spalten. "Wir leben in diesem Haus und müssen das tagtäglich sehen", sagt Ellen Gebel. "Das ist frustrierend und ärgerlich." Das Paar hat ein Beweissicherungsverfahren gegen die Stadt angestrengt und klagt auf Schadenersatz. Das Gutachten, so hoffen die beiden, wird feststellen, dass die Risse von den Erdwärmebohrungen der Stadt ausgelöst wurden. Dann wäre klar, wer die Schuld und damit die Kosten trägt – und die dringend nötigen Reparaturen könnten beginnen.
Tatsächlich hatten in der Rathausgasse im September 2007 – ein paar Wochen vor dem Auftauchen der ersten Risse – die Erdwärmebohrungen begonnen. Die Stadt wollte das gerade renovierte Rathaus umweltfreundlich beheizen. Dass die Bohrungen die Risse verursacht haben, ist bisher nicht erwiesen – aber sehr wahrscheinlich. Untersuchungen von Geologen ergaben lediglich, dass in die unter Staufen befindliche Gipskeuper-Schicht Wasser eingedrungen sein muss. Der Gips quillt – und die Stadt hebt sich seither um monatlich einen Zentimeter. Im Moment deutet nichts darauf hin, dass diese Bewegung irgendwann endet. Nun soll eine zweite Bohrung – 15 Meter von den Erdwärmesonden entfernt – die Ursache der Hebung zu Tage fördern und Aufschluss geben, ob die Bewegung überhaupt gestoppt werden kann.
15 Meter vom ersten Bohrloch entfernt, heißt direkt vor der Haustüre von Wolfgang Trch (66). Der Mann mit dem Schnauzbart und dem bayerischen Dialekt sitzt am schweren Holztisch in seinem Häuschen, das sich einst an die Wand des hinteren Rathauses schmiegte. Inzwischen trennen zwölf Zentimeter einen Dachfirst vom anderen – so weit haben die Erdbewegungen die Gebäude auseinander geschoben. "Nachts höre ich es krachen, wenn sich wieder ein Stein löst und durch den Spalt fällt," erzählt Trch. Hat er Angst vor der neuen Bohrung direkt vor seinem Haus? Nein, sagt Trch. Er ist froh, dass nun endlich etwas passiert. Lange genug wurden die Betroffenen vertröstet. "Abwarten hieß es immer", schimpft Claus Hermann. "Aber der Mephisto da unter uns sagt nicht, jetzt warten wir mal ab."
Die Kommunikation zwischen Stadt und Hausbesitzern lief nicht immer erfolgreich. Bürgermeister Michael Benitz räumt einen "unglücklich formulierten Brief" ein. "Es ist für uns eine wahnsinnig schwierige Situation", sagt Benitz. "Ich kann mich juristisch doch nicht in die Ecke stellen lassen, dass wir Schuld sind." Vergangene Woche nun hat Benitz einen Mediator eingeschaltet: Der ehemalige Regierungsvizepräsident Wilfried Kollnig wird die Betroffenen über alle neuen Entwicklungen informieren, sich der Sorgen der Betroffenen annehmen und sie an die Stadt herantragen. Sich selbst zu organisieren, das haben die Hausbesitzer bisher nicht geschafft, zu unterschiedlich waren die Vorstellungen, ob und wie man gegen die Stadt vorgehen soll. "Es hat etwas für sich, wenn die Verwaltung nicht mit am Tisch sitzt", sagt Benitz und beteuert: "Wir wollen die Bevölkerung nicht alleine lassen." Schließlich habe man in den vergangenen Wochen die Statik der besonders stark beschädigten Häuser überprüfen lassen – auf Kosten der Stadt. "Damit gehen wir weit über das hinaus, was wir juristisch müssten."
Wolfgang Trch steht vor seinem Haus und späht in das Loch, das sich hier auftut: Der Gasversorger Badenova legt Leitungen frei, um zu prüfen, ob sie durch die Bodenbewegungen unter Spannung gesetzt werden. Trch selbst ist froh: Er heizt sein Haus mit Strom. Andere Hausbesitzer fragen sich seit Monaten, wie die Gasleitungen auf die Bewegungen im Boden reagieren? In der Seniorenwohnanlage an der Bahnhofstraße stemmt sich Heizungsinstallateur Edwin Meier von Badenova gerade gegen den Gasanschluss, der aus der Wand ragt. Nach ein paar Minuten gibt Meier Entwarnung: "Keine Verschiebung." Die beiden Rohrenden haben sich nicht auseinander bewegt.
Dieses Ergebnis brachten bisher alle Untersuchungen, die die Badenova in Häusern und Straßen durchführt. Die Kosten trägt der Energieversorger. Die Erkundungsbohrung, die wohl Mitte Februar beginnt und sechs bis acht Wochen dauern soll, zahlt das Land Baden-Württemberg – zumindest hat es die ursprünglich veranschlagten 300.000 Euro zugesagt. Inzwischen rechnet die Stadt allerdings mit bis zu 450.000 Euro. Benitz wirbt beim Land für die Übernahme aller Kosten. Wenn am Freitag Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Ernst Pfister in Staufen zu Gast ist, wird das ein Thema sein. "In die neue Summe sind alle möglichen Versuche eingerechnet", erklärt Bauamtsleiter Ottmar Riesterer. Ob sie alle notwendig und machbar sind, sei noch nicht klar.
Klarheit – das ist es, was alle Beteiligten von der neuen Bohrung erhoffen. Und möglicherweise sogar einen Stillstand der Bewegung. "Wenn man auf eine neue Wasserschicht stoßen würde, könnte man es eventuell abpumpen", hofft Benitz. Bei den Hausbesitzern aber herrscht noch das Gefühl vor, den Erdbewegungen ohnmächtig ausgeliefert zu sein. "Ich möchte hier bleiben", sagt Claus Hermann. "Aber wenn das so weiter geht ..." Er vollendet den Satz nicht.
Autor: Silke Kohlmann


