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28. Januar 2012

"Es ist ein Tier und kein Computer"

In Frank Hilbrichs Inszenierung von Wagners Oper "Lohengrin" spielt ein echter Schwan mit – am Donnerstag flog er von der Bühne.

  1. Am Donnerstag blieb Schwan Scapetti (dahinter Tiertrainerin Tatjana Zimek) nicht so ruhig stehen. Foto: M. korbel

Für einen Moment ist die Aufregung im Publikum groß, jedem im Großen Haus des Theaters ist sofort klar: So war es nicht geplant, weder bei Wagner noch bei Regisseur Frank Hilbrich. Es ist am Donnerstagabend in der zweiten Vorstellung der Wagner-Oper "Lohengrin", als der lebende Schwan, den Hilbrich für drei Minuten auftreten lässt, in die Runde guckt, aus seinem Nest springt, zum Bühnenrand flattert und im Orchestergraben verschwindet. Die Zuschauer staunen, während die Musiker anscheinend unbeirrt weiterspielen.

Tiere kommen viel in Filmen und eher selten in Theaterstücken zum Einsatz. In Zürich steht derzeit in Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ein lebendes Schwein auf der Bühne. In "Lohengrin" spielt der Schwan durchaus eine wichtige Rolle, aber ein echtes Exemplar stand schon viele Jahre lang in keiner Inszenierung der berühmten Wagner-Oper mehr auf der Bühne.

Tiertrainerin Tatjana Zimek hat ihren Scapetti – so heißt der ein Jahr alte Schwan – problemlos zwischen den Musikern wieder eingefangen; schon wenige Minuten nach seinem Sturzflug ist das weiße Tier – eine Zwergrasse und deshalb zierlicher als gewöhnliche Höckerschwäne – wieder in seiner Box im Auto. "Das ist halt live. Es ist ein Tier und kein Computer, den man programmieren kann", entschuldigt sich Zimek hinter der Bühne und strahlt dabei Gelassenheit aus. "Wenn ich nervös wäre, ginge das auf die Tiere über." Zimek kündigt an, Scapetti – der ein sehr verschmuster Schwan ist – bei der nächsten Vorstellung ein Geschirr anzulegen. "Das ist besser, denn er weiß jetzt, dass er davonfliegen kann." Das sei aber nicht schlimm für ihn, "sondern wie wenn man einen Hund an die Leine nimmt". Eigentlich arbeite sie aber lieber ohne Geschirr. Zuhause auf ihrem Bauernhof in der Nähe von Karlsruhe haben ihre Tiere freien Auslauf. Zimek hält in Minfeld auf einem zwei Hektar großen Anwesen 120 Tiere. Die 43-Jährige, die seit 25 Jahren als Tiertrainerin arbeitet, übernimmt stets die Mutterrolle: Die Vögel schlüpfen in ihrer Hand, der Steinbock wird von ihr mit der Flasche groß gezogen. Sie ist somit absolute Bezugsperson für die Tiere, die ihre Stimmlage und ihre Körperhaltung genau kennen. Nicht zuletzt deshalb steht sie in der Schwanszene auch direkt hinter dem Nest. "Das", sagt sie, "gibt Scapetti Sicherheit." Mit Tieren arbeitet Regisseur Hilbrich normalerweise nicht, "das ist eine absolute Ausnahme", der anmutige Schwan sei ein Symbol der Hoffnung, mit einem Stofftier sei diese Wirkung nicht zu erzielen.

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Zimeks Tiere treten europaweit in Filmen und Theateraufführungen auf. Einen Schwan auf der Bühne, das ist aber auch für sie eine Premiere; ihre Schwäne schwimmen bevorzugt in romantischen Filmen an Liebespaaren vorbei. Ihr allererster Hund Bonny spielte einst mit Günter Pfitzmann in einer TV-Serie, Schäferhund Chris war Hitlers Blondie in "Operation Walküre" mit Tom Cruise, viele ihrer Tiere wirkten in Sönke Wortmanns "Die Päpstin" mit – inklusive einer Schar Kakerlaken, die sie mit Düften von A nach B lockte. In dieser Woche hat sie für einen WDR-"Tatort" mit einem Raben gearbeitet, und Huhn Chocolate, vom Migros-Konzern für einen Spot engagiert, ist in der Schweiz ein Held der Werbung. Im Training arbeitet Zimek mit Hupen, Klicktönen und Leckerle – und viel Geduld.

Tatjana Zimek kennt das Verhalten ihrer Tiere eigentlich genau. Warum Scapetti diesmal nach wochenlangen Proben und nach der gelungenen Premiere vor einer Woche so aufgeregt war, kann sie sich nicht erklären. Der Auftritt des jungen Schwans besteht darin, ruhig in seinem Nest zu stehen, während Mitglieder des Chors ihm singend Eier zu Füßen legen, auch dies hat Zimek daheim mit ihren Tierpflegern geübt. Im Originallibretto gibt es diese Szene nicht. Auch auf Wagners pompöse Musik hat Zimek den Schwan gut vorbereitet: Drei Wochen lang hat er jeden Tag vier bis fünf Stunden "Lohengrin" zu hören bekommen. "Es ist wichtig, dass er alles kennt. Dann hat er keine Angst." Offenbar, mutmaßt Zimek, hat Scapetti nicht gefallen, dass viele Sänger nicht nur von einer, sondern von allen Seiten auf ihn zuliefen – er fühlte sich bedrängt. Verletzt wurde bei seinem Spontanflug niemand, kein Musiker – ein Flügelschlag kann die Wirkung einer Ohrfeige haben – und auch nicht der Schwan.

Autor: Frank Zimmermann