"Es ist der Kopf, der läuft"

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Do, 07. September 2017

Leichtathletik

BZ-INTERVIEWmit dem Freiburger Hendrik Fenz, der in 19 Tagen von Sylt auf die Zuspitze lief.

LEICHTATHLETIK. Von oben nach unten, von Sylt bis auf die Zugspitze in 19 Tagen – Hendrik Fenz hat es tatsächlich geschafft und laufend einmal die Republik durchmessen. Der 56-jährige Freiburger bewältigte die 19 Etappen des Deutschlandlaufs über eine Gesamtlänge von 1319,6 Kilometern in der Zeit von 227:52 Stunden – Platz 37 unter 40 ins Ziel gekommenen Einzelstartern. 20 Teilnehmer gaben vorzeitig auf. Matthias Kaufhold hat Fenz zu seinen Erfahrungen bei diesem Ultralauf befragt.

» Der Ansporn für diese Herausforderung war, … mal einen richtig langen Lauf zu machen. Ich habe schon einige Mehrtagesläufe absolviert. Aber 19 Tage waren eine neue Dimension. Ich war neugierig, am Start zu stehen und nicht zu wissen, was passieren wird.
Die Vorbereitung für den Deutschlandlauf bestand aus … laufen, laufen und laufen. Natürlich kann man da immer mehr machen, doch wer so einen Etappenlauf zum ersten Mal angeht, kann sich darauf nicht wirklich vorbereiten.
» Der härteste Moment war … ungefähr in der Mitte, als wir in Solingen ankamen. Nach drei langen Etappen kam ich nachts um halb elf müde gerade zwei Minuten vor dem Zielschluss an und wusste: In vier, fünf Stunden muss ich wieder aufstehen und weiterrennen. Das war hart.
Das schönste Erlebnis? Das Finale auf die Zugspitze. Nach zwei Wochen war ich erstmals beschwerdefrei, hatte das Ziel vor Augen. Irgendwie ging’s leicht.
» Schmerzen hatte ich … durchweg vom 3. bis zum 18. Tag. Die Beschwerden traten am rechten Schienbein und Knöchel auf. Blasen bekomme ich grundsätzlich nicht. Ich hätte danach sofort als Fußmodel arbeiten können. Das ist sicher ein bisschen Glück und auch die Folge von regelmäßiger Fußpflege und passender Ausrüstung. Es ist erschreckend und erstaunlich, mit was für Füßen andere Menschen in der Lage sind, zwei Wochen am Stück zu laufen. Das mag man gar nicht sehen. Ich sage gerne, es ist irgendwann nur der Kopf, der läuft, es sind nicht die Füße.
In der Einsamkeit auf der Strecke dachte ich häufig an … gar nichts. Wenn es leicht geht, schaue ich mir die Gegend an. Wenn es schwer geht, zähle ich meine Schritte, um mich abzulenken.
» In den Schlaf fand ich … sofort. Meistens hatte ich ja nur fünf Stunden. Hinlegen und schlafen waren eins. Manchmal hätte ich im Stehen einschlafen können.
Mein Antrieb war stets … die Zugspitze. Da wollte ich hin.
» Die anderen Läufer – Konkurrenten oder Leidensgenossen? Auf jeden Fall Leidensgenossen und -genossinnen. Vielleicht ergab sich für die Läufer an der Spitze des Feldes eine Konkurrenzsituation. Ich habe mich über jeden gefreut, der neben mir zur Zugspitze gelaufen ist.
Unmenschlich ist so ein Rennen, … weil man mit seinen körperlichen Ressourcen arbeitet und die Gefahr besteht, sie zu überstrapazieren. Mental ist es hingegen etwas ganz Spannendes.
» Beim Deutschlandlauf 2019 bin ich … noch nicht sicher, ob ich mitlaufe. Weil ich die Strecke schon kenne, fehlt mir der Anreiz, es noch mal zu tun. Leichter würde mir die Zusage fallen, wenn der Streckenverlauf anders wäre.
Belohnt habe ich mich hinterher mit … Schokolade und Schlaf.

» Erstmals gelaufen bin ich im Anschluss … zwei Tage später wieder.
Gespendet wurde für drei gemeinnützige Projekte über den Lauf … insgesamt etwa 1000 Euro. Vielleicht hatte ich mir da etwas mehr gewünscht, aber ich hatte zum ersten Mal die Idee, über das Laufen zu Spenden aufzurufen. Beim nächsten Mal sollte ich wohl etwas professioneller die Werbetrommel rühren.

Hendrik Fenz, 1,80 Meter groß, derzeit 70 Kilogramm leicht, wohnt in Freiburg und arbeitet als Mediator. Er begann 2011 für (Ultra-)Marathons zu trainieren und hat davon inzwischen 240 absolviert. Seine Lieblingsläufe: der Mauerweglauf um Berlin und der Comrades Marathon in Südafrika.