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18. März 2016 10:27 Uhr

Rennen am 3. April

Freiburg-Marathon: Wie ein Siegertyp die Sache angeht

Nils Schallner, der 2011 den Freiburg-Marathon gewann, hat in Boston ein Attentat und zwei bewegte Jahre erlebt. Was können Ausdauersportler von den Amerikanern lernen?

  1. Comeback am 3. April beim Freiburg-Marathon: Nils Schallner Foto: privat

Wer laufend zu seinem Job kommt, lässt den Müßiggang links liegen. Schon in Boston nahm Nils Schallner regelmäßig seine Beine in die Hand, um die acht Kilometer von seiner Wohnung zur Harvard Medical School zurückzulegen. Als Forschungsstipendiat erprobte der Intensivmediziner zwei Jahre lang an der US-Elite-Uni Schutzmechanismen für Schlaganfallpatienten.

In der Abgeschiedenheit der Gerätewelt eines Klinikriesen wie Harvard ist aus Schallner aber keine Laborratte geworden. Im Gegenteil. Der 35-Jährige, der 2011 den Freiburg-Marathon gewann und am kommenden 3. April hier wieder an der Startlinie stehen wird, erlebte zwei äußerst bewegte Jahre an der amerikanischen Ostküste. Alles begann mit dem Anschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013.

"Ich habe erst an einen geplatzten Autoreifen gedacht" Nils Schallner
Es war ein seltsames Gefühl, als der erste von zwei Sprengsätzen detonierte. "Ich habe erst an einen geplatzten Autoreifen gedacht", erinnert sich Schallner, der den Marathon zu diesem Zeitpunkt bereits in flotten 2:26 Stunden absolviert hatte und sich etwa vier Kilometer vom Anschlagsort entfernt mit seiner Frau Anna Kristin und Töchterchen Janike auf dem Heimweg befand.

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Dass es sich dabei tatsächlich um eine gewalttätige Attacke auf Sportler und Zuschauer des weltweit größten Laufklassikers handelte, wurde den Schallners erst bewusst, als sie daheim Anrufe von besorgten Freunden und Verwandten erhielten.

"Es war irreal, irgendwie absurd", sagt Nils Schallner heute über jenen Ausnahmezustand, der damals das öffentliche Leben rund um Boston tagelang lahmlegte. Wo waren die Freiburger da hineingeraten, drei Wochen nach ihrer Ankunft in Neuengland? Es herrschte Ausgangsperre, weil die Polizei zwei junge Attentäter mit tschetschenischen Wurzeln verfolgte. Einer starb bei dieser Fahndungsaktion, der andere wurde festgenommen.

Bilanz des Anschlags: drei Tote, 260 Verletzte

Was Schallner in jener Zeit am meisten beeindruckte, waren Courage und Widerstandsgeist der Amerikaner. Die Schockstarre wich schnell einer kämpferischen Haltung, Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung zu verteidigen. Unter dem Motto "Boston strong" erzielte der 1897 erstmals veranstaltete Marathon, traditionell am Patriots Day ausgetragen, ein Jahr nach dem Anschlag mit mehr als 35 000 Läufern die zweitgrößte Teilnehmerzahl seiner Geschichte. Ein Tag für Stars and Stripes: Ausgerechnet die Auflage 2014 gewann nach mehr als 30 Jahren wieder ein Amerikaner, Meb Keflezighi.

Mit einer Tochter in die USA, mit drei Töchtern zurück

Schallner blieb in 2:32 Stunden etwas hinter seinen Erwartungen zurück. Schließlich trainierte der Mediziner von Beginn an in einer der zahlreichen Laufgruppen der Boston Athletic Association (BAA). Niveau und Leistungsdichte erstaunten ihn schnell. Da kamen auf der Strecke am Charles River regelmäßig 20 Läufer zusammen, die Marathonzeiten zwischen 2:18 und 2:30 Stunden stehen hatten. Damit läuft man in Deutschland unter die Top 20.

"Im Training war ein ganz anderer Drive drin als in Freiburg, wo jeder eher sein eigenes Ding runterläuft", stellte er fest. Überhaupt war in der BAA der Teamgedanke stark ausgeprägt: Auf gemeinsames Training, einheitliche Klubkleidung und Erfolg in der Mannschaftswertung wurde großer Wert gelegt.

Auch deshalb erlebte Schallner nach seiner Rückkehr in den Breisgau im April 2015 einen kleinen Kulturschock: An die Einsamkeit des Langstreckenläufers auf den Pfaden zwischen Schwarzwald und Rheinebene musste sich der gebürtige Kölner, der 2001 zum Medizinstudium nach Freiburg gekommen war, erst wieder gewöhnen.

35. beim New-York-Marathon

Kurz vor der Rückkehr hatte er zum dritten Mal den Boston-Marathon bewältigt (2:34), er war beim profilierten New-York-Marathon als 35. der Gesamtwertung (2:28) bis auf fünf Minuten an seine persönliche Bestzeit herangelaufen, er hatte in Boston zwei Rekordwinter mit den schneereichsten Monaten der Geschichte überstanden und ein halbes Jahr vor seinem Abflug "eine kleine Überraschung" erlebt: die Geburt der Zwillinge Marit und Tilda.

Das Boston-Erlebnis hat Schallner geprägt. Der Dienst im Drei-Schicht-Betrieb als Anästhesist auf der Intensivstation der Freiburger Universitätsklinik schlaucht, die Mädchen daheim in Ebnet halten ihn auf Trab. Wenn alles gut läuft, wird er im kommenden Jahr habilitieren. Wenn alles passt, wird der ehemalige Läufer des PTSV Jahn beim bevorstehenden 13. Freiburg-Marathon vielleicht noch mal in die Nähe jener Zeit von 2:28 Stunden kommen, mit der er im Jahr 2011 gewann.

Doch konkreter Ansagen und Prognosen vor seinem dritten Heimspiel enthält er sich. Die Tagesform sei nicht vorhersehbar, "und beim Marathon ist es immer wichtig, sich auf sich selbst zu konzentrieren".

Kein Telefon, keine E-Mails, keine Computerarbeit und keine familiäre Hibbeligkeit – wenn Nils Schallner, der als Triathlet den Ausdauersport entdeckte, mal wieder abschalten und Ruhe finden will, schlüpft er zwischen Eigenheim und Arbeit in seine Funktionsklamotten und schnürt die Laufschuhe. Ein mobiles Pendlerleben ohne Pendlerpauschale, 130 bis 140 Kilometer pro Woche. "Ich genieße diese Zeit", sagt Schallner. "Es ist die einzige Zeit für mich."
Laufen, rocken, feiern

Am 3. April 2016 findet zum 13. Mail der Freiburg-Marathon statt. Tausende von Läuferinnen und Läufer aus Südbaden und sind am Start. Viele Bands und Fans unterstützen die Sportler an der Strecke. BZ-Online berichtet mit News, Videos und Fotos. Alle Infos in unserem Dossier.

Autor: Matthias Kaufhold