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07. März 2009 01:04 Uhr

BZ-Serie Teil 4

Vom Nutzen eines Marathons

Der Freiburg-Marathon ist die größte Sportveranstaltung der Region. Am 29. März findet er schon zum sechsten Mal statt. Die BZ fragte Fachleute: Wie hat er sich auf Südbaden ausgewirkt? Hat auch die Laufszene außerhalb Freiburgs von dem Massenlauf profitiert?

  1. Immer mehr Südbadener schnüren die Laufschuhe. Foto: fotolia.com/Thomas Brostrom

Hat er anderen Veranstaltern eher geholfen oder eher geschadet? Laufen jetzt mehr Menschen? Erleben Vereine Zulauf? Gab es seit 2004 einen Aufschwung oder eher einen Verdrängungswettbewerb?

Andreas Obrecht (Organisator des Lörracher Grüttlaufs und Lauftrainer beim TuS Lörrach-Stetten): "Generell gibt es inzwischen eher zu viele Läufe, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Allein vier finden genau eine Woche vor dem Freiburg-Marathon statt: in Sulzburg, Villingen, Rixheim und hier in Lörrach. Persönlich bedaure ich den starken Trend zu Stadtläufen und den damit verbundenen Rückgang etwa von Wald- und Crossläufen. Noch mehr bedaure ich die Kommerzialisierung des Laufens. Sie hat, wie ich finde, in Freiburg besonders penetrante Formen angenommen: Das geht von der anfänglichen Weigerung zur Zahlung der Verbandsabgabe über die horrenden Startgebühren zum Beispiel für den Halbmarathon (40 Euro) bis hin zu bescheuerten Sprüchen wie "Freiburg rockt den Marathon". Natürlich hat er der Laufregion aber auch etwas gebracht: Für viele Menschen ist er eine Motivation zum Training. Und sicher trägt er zur Popularität des Laufens bei, wenn auch vielleicht nicht nur in positivem Sinne. Denn leider fördert er das Bild vom "Laufen als Event", was allen echten Läufern ein Gräuel ist. Doch zum Glück können Kommerz und Event die Faszination des Laufens nicht zerstören: Und da es trotz allem Spaß macht in Freiburg zu laufen, war ich als Lörracher Sportlehrer im vergangenen Jahr mit zwei Lehrermannschaften beim "S’cool Run" im Rahmen des Freiburg-Marathons dabei. Die Kollegen waren so begeistert, dass ich dieses Jahr auch ein paar Schülerteams mitnehmen werde."

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Winfried Stinn (Leichtathletik-Fachmann der Badischen Zeitung): "Ich stand dem Projekt Marathon anfangs eher skeptisch gegenüber, da ich der Auffassung war, dass Freiburg den Zeitpunkt für einen City-Marathon verpasst hat. Damals boomten die ganz großen City-Marathons wie New York, Amsterdam, London, Hamburg und Berlin, während die "Kleineren" stagnierten, deutliche Einbrüche verzeichneten oder gar aufgeben mussten. Doch meine Skepsis war unbegründet. Es wurde deutlich, dass sich der Freiburg-Marathon recht schnell zu einer festen Größe in Südbaden etablierte, recht hohe Teilnehmerzahlen registrieren konnte und es schaffte, sich nach anfänglichen, unnötigen Auseinandersetzungen um die Verbandsabgabe mit positiven Schlagzeilen ins rechte Licht zu setzen. Die Veranstalter hatten zudem ein gutes Gespür dafür, von Beginn an auch den Halbmarathon ins Programm aufzunehmen. Gleichzeitig scheint das Konzept, keine Stars einzukaufen und auf die lokalen Lauf-Asse zu setzen, aufzugehen. Dass dadurch die Ergebnisse nicht an nationale oder gar internationale Spitzenzeiten herankommen, dürfte nur eingefleischte Insider interessieren. Aber da liegt Freiburg ganz im Trend. Spitzenläufer, und damit Spitzenzeiten, können sich nur die ganz "Großen" leisten. Die anderen müssen auf die Läufer aus der Region setzen. Der Freiburg-Marathon sorgt das gesamte Jahr für Gesprächsstoff, und das nicht nur in der Laufszene, und hat so dem Laufsport in der Region einen Schub gegeben. Viele Veranstalter können davon profitieren."

Gernot Weigl (Veranstalter des Freiburg-Marathons): "Der Marathon hat der Laufregion ganz klar Impulse gegeben. Die Läuferinnen und Läufer Südbadens sehen in ihm sogar eine Leuchtturmveranstaltung. Alle haben profitiert: der lupenreine Freizeitläufer ebenso wie die Top-Läufer aus Südbaden, die sich vor heimischem Publikum einmal im Jahr präsentieren können. Dass der Marathon in der Region etwas bewegen kann, ist täglich zu beobachten. Man muss nur einmal entlang der Dreisam schauen – Läufer über Läufer. Allein um den Freiburg-Marathon herum haben sich unseres Wissens drei weitere Läufe gebildet: der Countdown-Lauf, der Trans-Tuniberg und der Testlauf zur Marathonstrecke am 15. März. Der Marathon ist das größte Sportevent in Südbaden. Er gibt auch anderen Läufen Impulse. Profitiert haben könnte zum Beispiel der Schluchseelauf. Er verzeichnet seit 2005 einen Teilnehmerzuwachs von 30 Prozent. Der Schwarzwald-Marathon in Bräunlingen findet im Herbst statt und tritt somit nicht in Konkurrenz zum Freiburg-Marathon. Unsere Läufer kommen auch nicht nur aus der Stadt selbst, sondern aus der ganzen Region und teilweise sogar von weit her: Jeder zweite Teilnehmer beim Rennen über die volle Distanz lebt mehr als 100 Kilometer von Freiburg entfernt. Laufen ist ein Individualsport. Man trifft sich eher in losen Lauftreffs als eine Vereinsbindung einzugehen. Vereine wie der PTSV Jahn gewinnen aber zum Beispiel durch die Werbewirkung, die ihre Top-Läufer durch Spitzenplatzierungen beim Freiburg-Marathon erzielen."

Hartwig Potthin (südbadischer Spitzenläufer, Organisator des Schluchseelaufs): "Der Freiburg-Marathon hat der Laufszene der Region eindeutig Impulse gegeben. Viele haben durch ihn überhaupt erst mit dem Laufen angefangen oder wurden wieder neu dazu motiviert. Einige Läufe, zum Beispiel der Countdown-Lauf, entstanden erst durch ihn. Im Gewerbepark Breisgau wurde im vergangenen Jahr erstmals eine "Schnelle 10" gelaufen. Beim Schluchseelauf konnten wir in den vergangenen beiden Jahren sogar fast 40 Prozent zulegen. Inzwischen haben wir fast 5000 Teilnehmer und feiern in diesem Jahr unser 25-jähriges Bestehen. Das ist eine stolze Leistung für einen Volkslauf, der von einem Verein organisiert wird. Unser Startgeld ist vergleichsweise günstig und seit Jahren konstant. Viele Freizeitsportler sind vielleicht zuerst in Freiburg gelaufen und haben sich dann in der Region umgeschaut, welche Angebote es sonst noch gibt. Uns hat der Marathon jedenfalls nicht geschadet."

Jens Boyde (Landestrainer Lauf aus Freiburg): "Als Landestrainer gilt meine Hauptaufgabe der Förderung und Entwicklung des Nachwuchses. Das schließt natürlich die Weiterentwicklung von Athletinnen und Athleten im Bereich der Junioren und der Aktiven nicht aus – sofern sie in der Region bleiben. Der Freiburg-Marathon ist aber für meine tägliche Arbeit kein besonderes Ereignis. Ich bin nicht involviert und kann in dem Wettbewerb auch keinen leistungssportlichen Effekt erkennen. Bei mir ist in den vergangenen zehn Jahren kein einziger Läufer über die Schiene Marathon zum Training gekommen. Selbstverständlich ist der Lauf an sich aber für viele Menschen ein tolles Ereignis. Ich habe Respekt vor jedem, der das Ziel erreicht."

Max Frei (Marathon- und Halbmarathonsieger aus Freiburg): "Ob halb oder ganz, ich denke, dass es viele bei dem einmaligen Erlebnis dann auch wieder belassen haben. Ein deutlicher und dauerhafter Zuwachs für die gesamte Laufszene ist eher nicht zu beobachten. Kleinere, bescheidenere Veranstaltungen haben nur in geringem Maß von dem "Event" profitiert, auch in den Vereinen hält sich die Gruppe derer, die über das punktuelle Erlebnis hinaus dauerhaft am Laufsport teilhaben, eher in Grenzen. Allerdings beobachtet man schon, dass jedes Jahr im Vorfeld ein gesteigertes und über alle Gesellschaftsgruppen hinweg existierendes Interesse auch an der Theorie und Trainingsgestaltung des Langstreckenlaufens herrscht. Der Lauf ist mit seiner Anziehungskraft vielen Aktiven im Winter ein Grund, nicht in Lethargie zu verfallen und sich gezielt über mehrere Wochen im Jahr mit dem Laufen zu beschäftigen. Das ist doch auch etwas. Man kann nicht verlangen, dass es plötzlich 10 000 neue, in Vereinen organisierte Läufer im Kreis gibt, die fortan bei jedem Wald- und Wiesenlauf rennen."

Autor: Andreas Strepenick