Auf dem Sprung nach Berlin

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mi, 01. August 2018

Leichtathletik (regional)

Weitspringer Christopher Ullmann vom ESV Weil musste lange zittern, nun aber ist er für die Europameisterschaft nominiert.

LEICHTATHLETIK. 36 Grad und es wird noch heißer. Temperaturen, bei denen an Sport nicht zu denken ist? Denkste. Für Christopher Ullmann dürfte es gar wärmer sein. "Ich bin Fan von diesen Temperaturen", sagt der 24-Jährige am späten Montagnachmittag lachend. Während die Kollegen die Hitze meiden, blüht der Vorzeigeathlet regelrecht auf. Den Abend hat er frei, das Vormittagstraining lief gut. Der Schweizer Weitspringer, der in Deutschland für den ESV Weil startet, hat derzeit viel Grund zur Freude. Nach langen Monaten des Zitterns kam am späten Sonntagabend die Bestätigung ins Haus geflattert: Ullmann darf mit. Der Schweizer Verband hat den Leichtathleten der Old Boys Basel für die Europameisterschaft in Berlin nominiert. In einer Woche ist Abflug. Der Wahl-Basler ist startklar.

Die Geschichte von der späten Nominierung indes ist ungewöhnlich. Die nötige Norm von 7,95 Meter sprang der mehrfache Schweizer Hallenmeister bereits vergangenes Jahr. Das EM-Ticket schien gesichert, spätestens als er seine Bestleistung auf 7,98 m ausbaute. Weiter springt in der Schweiz derzeit nur Benjamin Gföhler (LC Zürich/8,13 m). Dennoch ließ die Zusage des Verbandes auf sich warten. "Wegen der Verletzung war der Verband unsicher, ob ich rechtzeitig wieder fit werde", erklärt Ullmann.

Auch die Verletzung verlief eigentümlich. Bereits im Juni vergangenen Jahres zog sich Ullmann eine Fraktur am Sprunggelenk zu. Ein Überbein und ein Knochen im Gelenk waren beim Absprung derart hart aufeinander getroffen, dass eigentlich fast der gesamte Sommer gelaufen war. Universiade und ein Meeting in Südafrika gingen in die Hose. Vor Schmerz konnte er nicht richtig abspringen. "Aber entdeckt haben die Ärzte die Fraktur erst im Januar." Im Februar folgte dann sofort die Operation. Seitdem befindet sich der Schweizer im Aufbautraining.

Sieben Wettkämpfe hat Ullmann dieses Jahr absolviert. Jedes Mal sprang er mindestens 7,60 m. Solide Werte, die für seine Genesung, vor allem aber für seine Konstanz stehen. Der Verband legte dennoch fest, dass er mindestens die 7,80 m aus dem Vorjahr bestätigt haben wollte. "Früher gab es andere Regelungen, aber nach den Umstrukturierungen ging es im Verband etwas drunter und drüber", erklärt Ullmann, der bei der Schweizer Meisterschaft im Juli mit 7,78 m zum Titel sprang – vor Gföhler (7,77 m).

Ullmann: "Alles ist Tokio 2020 untergeordnet"

Bis vor einem Jahr hatten die Athleten sogenannte A- und B-Werte. Hatte man im Vorjahr den A-Wert geschafft, reichte es im Falle einer Verletzung, zweimal den schwächeren B-Wert zu springen. So aber musste Ullmann zittern. "Jetzt freu ich mich riesig, wir haben ja trotz der Unsicherheit voll auf den Höhepunkt Europameisterschaft hintrainiert", strahlt er über das Nominierungs-Happyend. Wir: Das sind Ullmann und sein Trainer Anatoly Gordienko. Der Basler Coach entdeckte das Talent mit 14 Jahren. Seitdem trainiert Ullmann meist alleine mit Gordienko. Mindestens zweimal täglich. In der Vorbereitungszeit ab Herbst mehr als in der eigentlichen Wettkampfphase. Sie sind ein eingespieltes Duo.

Begonnen hat Ullmanns Karriere einst in Bad Säckingen, wo er auch das Gymnasium besuchte. Nach der Schule zog er für die sportliche Laufbahn nach Basel, begann ein Studium der Sportwissenschaften. "Das habe ich aber abgebrochen, weil es sich nicht gut verbinden ließ mit dem Training." Seitdem absolviert er eine Ausbildung zum Koch in Kombination mit einer Förderung als Sportsoldat. So bekommt der EM-Teilnehmer genug Trainingszeit freigeschaufelt und frei für Wettkämpfe. "Alles ist meinem großen Ziel Tokio 2020 untergeordnet", sagt Ullmann. Bei den Olympischen Spielen wäre er Ende 20. Bestes Weitsprungalter. "Weil es so ein technischer Sport ist, in dem man sich eigentlich nur über unzählige Wiederholungen verbessert, hat man im Weitsprung meist erst später als in anderen Sportarten seinen Höhepunkt", erklärt er. Ullmann hat also eigentlich noch Zeit. Startklar ist er trotzdem bereits jetzt.