Ausdauernd wie Afrikaner

Winfried Stinn

Von Winfried Stinn

Di, 08. Januar 2019

Leichtathletik (regional)

Je länger und härter, desto besser: Charly Doll feiert am Mittwoch seinen 65. Geburtstag.

BERGLAUF. Mit einer Wette unter Freunden hat für den damals 24-jährigen Charly Doll alles angefangen: "Es ging darum, ob ich den 60 Kilometer langen Skimarathon von Schonach nach Hinterzarten schaffe. Ich hielt zwar durch, danach war mir aber so elend, dass ich beschloss, mehr zu trainieren." Es folgten deutsche Meistertitel, Medaillen bei Weltmeisterschaften und Siege bei Laufklassikern. Der einstige Weltklasse-Bergläufer, der mit seiner Frau Friederike in Breitnau lebt und dort seit 24 Jahren das Seminarhotel Sonnenhof leitet, feiert morgen, Mittwoch, seinen 65. Geburtstag.

Doll lief in den 1980er und 90er Jahren als Berg- und Ultralangstreckenläufer in der Weltspitze mit, gewann drei deutsche Meistertitel (zweimal Berglauf, einmal 100 Kilometer), dazu unzählige Seniorentitel, holte Medaillen bei Berglauf-Weltmeisterschaften (damals Weltcup), gewann internationale Klassiker wie den Swissalpine-Marathon in Davos (67 Kilometer/2300 Meter bergauf und bergab), den Comrades-Marathon (90 Kilometer) in Südafrika und hielt jahrelang den Weltrekord im Zwölf-Stunden-Skilanglauf. Der Schwarzwälder startete für die LG Hohenfels, den Freiburger FC, LC Breisgau und SV Kirchzarten.

Doll hält sich als Ü-Sechziger mit täglichen Laufeinheiten von zehn bis 15 Kilometern immer noch fit. "Im Winter schnalle ich mir die Langlaufski unter die Füße und mache im Feldberggebiet auch Schneeschuhtouren. Krafttraining bei meinem Verein, dem SV Kirchzarten, ergänzt mein Fitnessprogramm." Auch nimmt er immer weiter an Laufwettbewerben teil. "Natürlich mache ich nicht mehr so viele Wettkämpfe wie früher. Ich suche mir die Läufe aus, die mir Spaß machen, dazu gehört selbstverständlich der Schluchseelauf. Hier war ich bei allen 34 Auflagen am Start und konnte neunmal den Klassiker im Schwarzwald gewinnen", erzählt Doll.

Sportliche Schlagzeilen produzieren seit einigen Jahren seine Kinder Stefanie und Benedikt. Sohn Benedikt gehört im Biathlon zur Weltspitze. Er wurde 2017 Weltmeister im Sprint und gewann im Vorjahr bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zwei Bronzemedaillen. Stefanie Doll wurde, 30 Jahre nachdem ihr Vater erstmals die deutsche Berglaufmeisterschaft gewann, deutsche Vizemeisterin am Berg. Bei der Berglauf-Weltmeisterschaft wurde sie als beste Deutsche 14. und lief beim Frankfurt-Marathon als zweitbeste Deutsche und viertbeste Europäerin 2:37:59 Stunden. "Ich bin stolz auf die Erfolge meiner Kinder. Ich habe beide gefördert, trainiert und beraten, aber nie Druck auf sie ausgeübt."

Beide Kinder kommen ins Schwärmen, wenn sie auf die Erfolge ihres Vaters und auf die Unterstützung der Eltern angesprochen werden: "Meine Eltern, nicht nur mein Vater, haben einen großen Anteil an unseren Erfolgen. Zum einen haben sie uns überhaupt erst zum Sport gebracht und dann ständig unterstützt", sagt Benedikt Doll und fährt fort: "Sie haben uns trotz aller Sportbegeisterung immer bewusst gemacht, dass es neben dem Sport noch viele andere Dinge im Leben gibt. Auf jeden Fall habe ich von meinem Vater viel über Ernährung und die optimale Wettkampfvorbereitung erfahren." Tochter Stefanie sagt: "Seine Siege und Erfolge haben uns immer stolz gemacht. Heute kann ich schon sagen, dass er ein Vorbild für mich war und ist. Wie er Beruf und Sport vereinbart, das fasziniert mich. Der Sieg beim Comrades-Marathon war für mich als Kind damals wie ein Olympiasieg."

"Seine Siege und Erfolge

machen uns stolz."

Tochter Stefanie über den Vater
Neben seiner Sportkarriere hat Doll kontinuierlich seine berufliche Laufbahn als Koch weiterentwickelt. Seit 1979 ist er Küchenmeister und leitete große Hotelküchen. Seit 24 Jahren führt er gemeinsam mit seiner Frau Friederike, ebenfalls eine begeisterte Läuferin mit einer Marathonbestzeit von 3:03 Stunden, als Geschäftsführer das Seminarhotel "Sonnenhof" in Breitnau. Mit Herbert Steffny, dem EM-Bronzemedaillengewinner im Marathonlauf von 1986, veranstaltet er Seminare für Ausdauersportler und Vollwertkochkurse. Höhepunkt seiner Kochlaufbahn war 2002 die Berufung zum Olympiakoch der deutschen Skisprungnationalmannschaft. "Als Sportler konnte ich nie zu Olympia, da meine Disziplinen nicht olympisch waren. So habe ich es dann doch noch geschafft, einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Ich hatte auch Gelegenheit, mir einige Wettkämpfe anzusehen und konnte da olympisches Flair genießen", schwärmt er noch heute von Salt Lake City (USA).

Als Doll begann, systematisch zu trainieren, stellten sich Erfolge schnell ein. Er entwickelte eine innige Liebe für alle Ausdauersportarten, egal, ob Triathlon, Radfahren, Skilanglauf und Laufen. Je länger, je höher, je spektakulärer die Strecken waren, umso mehr Spaß machte es ihm und umso erfolgreicher wurde er. 1985 gewann er in seinem Geburtsort Bühlertal den ersten Berglauf. "Ich war überrascht, dass ich gleich mit den Spezialisten mithalten konnte und sogar als Erster oben war", sagt Doll. In Bühlertal gewann er seinen ersten deutschen Meistertitel am Berg. In Müllheim wurde er ein Jahr später erneut Deutscher Berglaufmeister. Zuvor war ihm bereits 1986 beim Berglauf-Weltpokal in Sondrio (Italien) mit dem Gewinn der Bronzemedaille in der Einzelwertung der internationale Durchbruch gelungen. Dazu gab es noch eine Bronzemedaille mit der Nationalmannschaft, die er ein Jahr später beim Berglauf-Weltpokal in Lenzerheide versilbern konnte.

Für internationale Schlagzeilen sorgte Doll 1987 und 1988 mit dem Gewinn des Swissalpine-Marathons über 67 Kilometer. In der Schweiz gewann er viele Klassiker und bekam den Beinamen "König der Schweizer Berge". 1990 wurde er mit der damaligen Weltbestzeit von 6:29:39 Stunden Deutscher Meister im 100-Kilometer-Lauf. In der deutschen Bestenliste rangiert er bis heute auf dem dritten Platz. "Eigentlich hätte ich gar nicht laufen dürfen, ich hatte einen Infekt. Aber ich hatte mich über Monate hinweg intensiv auf diesen Lauf vorbereitet, ich wollte nicht auf einen Start verzichten. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich falsch." Es kam noch schlimmer. Nach den 100 Kilometern konnte Doll eine Woche lang kaum gehen. Trotz aller Warnungen nahm er acht Tage später am Schluchseelauf teil. "Das war natürlich totaler Blödsinn, ein großer Fehler", sagt er. Danach hatte Doll ständig mit Verletzungen und Krankheiten zu tun. Das Immunsystem war angegriffen.

Nach einer Durststrecke von drei Jahren meldete sich Doll 1993 mit einem Paukenschlag zurück. Mit 39 Jahren, als ihn schon viele abgeschrieben hatten, gewann er in Südafrika den Comrades-Marathon. "Für mich war es das schönste Lauferlebnis meiner Karriere. Millionen von Menschen jubelten uns zu", schwärmt Doll. Ein zäher Schwarzwälder ist den Afrikanern davongelaufen.

Der Sport hat sein Leben bestimmt. Charly Doll zieht eine positive Bilanz: "Durch das Laufen habe ich viele wunderschöne Orte kennen gelernt. Der große Drang nach Bergen, Natur und Bewegung ist bei mir immer noch da. Das Laufen macht mir immer noch Spaß."