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14. September 2017 00:00 Uhr

Sportpolitik

Leichtathletik-Verband: Der Meister muss Deutscher sein

Sollten ausländische Sportler deutsche Meister werden können? Diese Frage treibt die Läuferszene um. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat nun seine Bestimmungen geändert.

  1. Die Laufszene ist so bunt wie die Gesellschaft. Aber nicht bei deutschen Meisterschaften. Foto: dpa, Stn (2)

Sollten ausländische Sportler deutsche Meister werden können? Diese Frage treibt Teile der Leichtathletikbranche um. Speziell die Läuferszene. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat seine Bestimmungen geändert, mit Widerstand, aber auch mit Zustimmung als Folge.

Geht es um Leichtathletik, kann Roland Müller niemand ein X für ein U vormachen. Seit 40 Jahren ist der Sportwart des TuS Lörrach-Stetten in Sachen Leichtathletik unterwegs, unter anderem als Stützpunkttrainer. Doch vor ein paar Wochen war er "sprachlos", wie er sagt.

Müller hatte Omar Tareq, ein kleines Laufwunder des TuS, wie üblich online zur deutschen Straßenlaufmeisterschaft in Bad Liebenzell angemeldet, die Freischaltung kommt in der Regel nach ein paar Tagen. "Doch bei Omar passierte nichts. Da habe ich irgendwann an einen Fehler geglaubt", sagt Müller. Die Replik auf seine Nachfrage erstaunte ihn allerdings: Alles korrekt, Tareq dürfe nicht mehr starten. Für die integrierte baden-württembergische Meisterschaft wurde der Iraker angenommen, für eine DM müsste er nun aber einen deutschen Pass vorweisen. "Der DLV würde sich an anderen Ländern orientieren", sei Müller mitgeteilt worden. Landestrainer Christoph Geissler vermutet, "der DLV will wohl unterbinden, dass es einen Meisterschaftstourismus gibt".

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Der Ablauf ist insofern interessant, dass Leute wie Müller und Geissler nichts von einer Regelung wussten, die ihr Verband vor Monaten in Kraft gesetzt hat. Der DLV wollte die Änderung offenbar nicht an die große Glocke hängen, sie wurde leise kommuniziert. "Uns wurde nichts mitgeteilt", sagt Müller. Unter Punkt 5.2.1 der Deutschen Leichtathletik-Ordnung (DLO) heißt es seit Januar in Bezug auf eine DM, diese sei "grundsätzlich offen für alle Athleten, die die deutsche Staatsbürgerschaft und ein gültiges Startrecht für einen deutschen Verein/LG haben". Die früheren Zusätze für EU- und Nicht-EU-Bürger (mindestens ein Jahr im DLV-Gebiet und im Verein) wurden gestrichen. Beispiele aus anderen Sportarten? Im Tischtennis dürfen Ausländer deutscher (Einzel-)Meister werden, sofern sie schon längere Zeit in Deutschland spielen. Im Turnen ist ein Start nur außer Konkurrenz möglich.

Die sogenannte Stadion-Leichtathletik wird von der neuen DLO-Fassung kaum tangiert, ohnehin seltene Siege im Diskuswerfen etwa, die an Ausländer gingen, sind länger her. "Dabei könnte ich es bei den großen Meisterschaften nachvollziehen, aber doch nicht bei einer Straßenlauf-DM und ähnlichen Wettbewerben. Das ist lächerlich", sagt Müller. Insbesondere in Zeiten, da Integration ein viel diskutiertes Thema sei, wie er betont. Dies sei ein Zeichen gegen Offenheit und entgegen der propagierten Willkommenspolitik, sagen Kritiker.

"Die Betroffenen nehmen wie bisher am Vereinsleben teil, starten bei allen Wettkämpfen für ihren deutschen Verein – auch bei Landes- oder Regionalmeisterschaften", argumentiert der DLV dagegen. Auch solle die Praxis unterbunden werden, dass sich deutsche Vereine Sportler ausleihen, "um so ihr Erfolgskonto aufzubessern". Die Änderung, so DLV-Präsident Clemens Prokop, "bezweckt zunächst in erster Linie, sicherzustellen, dass die deutschen Meisterschaften zur Ermittlung des besten deutschen Staatsangehörigen dienen". Zudem soll es Fälle gegeben haben, bei denen in Pässen geschummelt wurde, um die geforderte Vereinszugehörigkeit oder das passende Alter im Jugendbereich zu erlangen.

Kritiker fragen aber, ob nicht eine gedämpftere Regelung angebracht wäre. Der DLV sei primär für die Vereine zuständig, weniger für den Spitzensport. In Berlin geht ein Italiener, der an der deutschen Seniorenmeisterschaft außen vor blieb, juristisch vor. Zumindest bei den Mannschaftswettbewerben, wo einige Vereine nun mangels ihrer Spitzenleute nicht mehr titelfähig sind, hat der DLV dünnes Eis betreten. Beim Blick auf den Fußball stört sich niemand daran, dass der siebenmalige deutsche Meister Franck Ribery aus Frankreich mit dem FC Bayern München wohl noch einige Meisterschaften holen wird.

Und so äußern sich Kenner der Leichtathletik-Szene zur neuen Regelung:

Wilhelm Seigel,   Trainer der LG Offenburg: "Wenn einer nicht bei der deutschen Meisterschaft starten kann, weil er kein Deutscher ist, dann wird er halt Deutscher. Manchmal muss man sich entscheiden. Warum der DLV das macht, weiß ich nicht. Vielleicht hat das mit der Praxis in der internationalen Leichtathletik zu tun, dass Länder wie die Türkei und Katar ständig Athleten einkaufen."

Benedikt Hoffmann, Streckenrekordhalter des Freiburg-Marathons:
"Das Thema beschäftigt uns Läufer schon einige Jahre. Davon sind einige Läufer betroffen, die bereits jahrelang in deutschen Trainingsgruppen üben und hier sehr gut integriert sind. Im Fall von Omar Tareq ist das so. Diejenigen empfinden Unverständnis. Ich habe aber auch schon erlebt, dass ich bei nationalen Meisterschaften gegen Kenianer antreten durfte, die keinerlei Deutschkenntnisse hatten. Es handelte sich dabei auch nicht um Flüchtlinge, sondern sie kamen aus sportlichen Gründen nach Europa. Durch deren Teilnahme und Dominanz wird eine nationale Meisterschaft zu einem unrealistischen Vergleichswettkampf. Es war wichtig, für deutsche Läufer für derartige Situationen eine Lösung zu finden. Wenn man verschiedene Einzelfälle betrachtet, spreche ich mich als Läufer für die getroffene Regelung aus, um den nationalen Vergleich bei Meisterschaften zu gewährleisten."

Winfried Stinn, Leichtathletik-Kenner und BZ-Mitarbeiter:
Dass der DLV den Protesten nachgegeben hat und seit Saisonbeginn das Startrecht für Ausländer bei deutschen Meisterschaften strich, ist unverständlich. Gerade jetzt, da von einigen Seiten offen Hass gegen Ausländer geschürt wird und der Nationalismus immer stärker wird, hat der DLV ein falsches Zeichen gesetzt und die Chance zur Offenheit in der Gesellschaft verspielt. Der DLV könnte deutsche Meisterschaften ja in internationale deutsche Meisterschaften umbenennen. Gerade in unserer Region zeigt sich seit zwei Jahren die starke Wirkung der Integration durch den Laufsport. Drei Flüchtlinge aus Eritrea und Marokko beleben durch ihre Erfolge und ihr sympathisches Auftreten die Leichtathletikszene. Die neue Regel hat Auswirkungen, auch auf die Region. So verpasste der LAC Freiburg bei der deutschen Crosslaufmeisterschaft den Teamtitel wegen der neuen Startregel für Ausländer. Markus Görger hatte gewonnen, Moritz Söffge war Elfter. Ein dritter Mann fehlte. Ayoub Kabriti oder Yemane Gebrezgher, beide aus Eritrea, hätten den Titelgewinn perfekt gemacht.

Alle Serienbeiträge finden Sie unter: http://mehr.bz/badeninbewegung

Autor: Uwe Rogowski