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15. August 2012 19:33 Uhr
Nachlese zu London 2012
Leiter Olympiastützpunkt Freiburg: "Wir müssen in der Schule ansetzen"
Die Olympia-Bilanz Deutschlands ist gut. Mehr nicht. Hans-Ulrich Wiedmann, Leiter des Olympiastützpunktes Freiburg, über notwendige Verbesserungen und die Perspektiven für Sportler aus Südbaden.
BZ: Herr Wiedmann, wie sind Sie mit dem Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft in London zufrieden?
Wiedmann: Man muss unterscheiden zwischen unserer regionalen Sicht und der nationalen Perspektive. In beiden Fällen bin ich eigentlich ganz zufrieden. Die Bilanz des Deutschen Olympischen Sportbundes kann sich sehen lassen. Wir haben die Bilanz von Peking übertroffen. Noch mehr Medaillen sind nur zu erreichen, wenn sich bestimmte Dinge im Sport weiterentwickeln. Unsere regionalen Athleten haben sich auch sehr gut präsentiert. Natürlich freut es uns sehr, dass Christina Obergföll und Sabine Spitz ihre Medaillenerfolge wiederholen konnten. Das waren schon tolle Leistungen
BZ: Trotzdem gibt es jetzt sportpolitische Diskussionen.Der Obmann im Sportausschuss des Bundestages hat noch in London gesagt, ein "Weiter so" dürfe es nicht geben. Wie könnte nach Ihrer Ansicht die Förderung besser organisiert werden?
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BZ: Großbritannien hat in vielen Sportarten abgeräumt. Was läuft dort besser als bei uns?
Wiedmann: Großbritannien hat gezeigt, was in einem mit Deutschland vergleichbaren Gesellschaftssystem möglich ist. Dort ist eine Riesenbegeisterung für den Sport entstanden. In Atlanta haben die Engländer 1996 nur eine Goldmedaille gewonnen, jetzt stehen sie im Medaillenspiegel an dritter Stelle.Da wurde viel bewegt in den vergangenen Jahren. Natürlich müssen wir schauen, was wir von Großbritannien lernen können.
BZ: Was könnte das sein?
Wiedmann: Vor allem die Talentsichtung und die Talentauswahl und auch die Konzentration von Athleten an Leistungszentren hat sich dort sehr gut entwickelt.Sie haben seit Jahren gezielt Nachwuchsathleten in den olympischen Disziplinen gefördert. Und die Briten haben natürlich auch viel Geld in die Hand genommen. Sie haben gute Trainer eingesetzt, aber auch gute Trainingsbedingungen geschaffen.
BZ: Wie sieht es mit dem Nachwuchs bei uns aus? Da wird immer geklagt, durch das achtjährige Gymnasium fehlt den Schülern die Zeit. Bleibt im engen Zeitplan eines Jugendlichen überhaupt noch Platz für Leistungssport?
Wiedmann: Die Themen Schule, schulische Belastung, aber auch der Stellenwert des Sports in der Schule sind mit Sicherheit entscheidend. Wenn wir in den kommenden Jahren mehr Erfolge erreichen wollen, müssen wir hier ansetzen. Schon im Schulalter muss die Sportförderung intensiviert werden. Wenn man durch das G 8 die Zeitfenster für das Sporttreiben im Verein nicht mehr hat, dann muss man Modelle überlegen, wie das Training im schulischen Rahmen stattfinden kann. Mit den Eliteschulen, mit denen wir kooperieren, hat das bereits begonnen, etwa für unsere Ringer oder Tischtennisspieler. Das muss in größerem Umfang mit mehr Schulen möglich sein.
Wiedmann: Das Thema wird leider viel zu wenig gelebt. Wir müssen die Kinder dort abholen und für den Sport begeistern, wo wir sie erreichen. Und das ist eben in der Schule. Wir brauchen die tägliche Sportstunde. Das wird immer wieder gefordert, aber leider nicht umgesetzt. Und wir brauchen eben auch im Sport leistungsorientierte Angebote an den Schulen. Da müssen Vereine und Schulen besser zusammenarbeiten. Es bleibt aber letztlich auch eine gesamtgesellschaftliche Entscheidung: Wie viel - und welchen - Leistungssport wollen wir? Wir werden Erfolge, wie sie jetzt Großbritannien hat, nur erreichen, wenn der Leistungssport einen höheren Stellenwert bekommt, und unsere Nachwuchsathleten auch die entsprechende Unterstützung in Schule, Ausbildung und Beruf erhalten. Gerade hier gilt: Wer Leistung fordert, muss auch Leistung fördern
BZ: Diskus-Olympiasieger Robert Harting klagt, aller Fokus liege auf dem Fußball. Nicht nur bei den Medien, sondern eben auch beim Schulsport. Lernen Kinder und Jugendliche heute zu wenig Sportarten kennen?
Wiedmann: Natürlich sind viele olympische Sportarten medial kaum mehr präsent. Gerade so genannte Randsportarten interessieren nur alle vier Jahre, dann erwartet man aber wieder Höchstleistungen. Es wäre schön, wenn man diesen Sportarten und ihren Athleten im Gegenzug mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung zukommen lassen würde.
BZ: Schauen Sie manchmal ein bisschen neidisch auf den SC Freiburg, der in seiner Fußballschule Talent um Talent herausbringt?
Wiedmann: Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir auch in Randsportarten so viel Zulauf und die entsprechenden professionellen Ausbildungsmöglichkeiten hätten. Aber Fußball hat eben auch medial einen hohen Stellenwert und auch bessere finanzielle Ressourcen als andere Sportarten, das kann und muss man so akzeptieren. Allerdings gelingt es uns auch in beiden Sportinternaten in Freiburg und Furtwangen durchaus, zusammen mit unseren Fachverbänden perspektivreiche Nachwuchsathleten unserer Schwerpunktsportarten erfolgreich an die internationale Spitze heranzuführen.
BZ: Kritiker sagen auch: Der deutsche Sport sei zu zerklüftet. Braucht es mehr Zentralisierung?
Wiedmann: Das Thema führt immer wieder zu Diskussionen. Nicht alle Sportarten eignen sich für eine Zentralisation. Schauen Sie auf Christina Obergföll. Sie trainiert in Offenburg mit einigen wenigen anderen Kaderathleten. Im deutschen Leichtathletikverband gibt es keine zentralen Konzepte, hier sind es eher kleine Trainer-Athleten-Gruppen, die erfolgreich arbeiten. In Offenburg steht man hinter dem Leichtathletikverein und hat durch eine neue Halle ganzjährig optimale Trainingsbedingungen geschaffen. Das Beispiel zeigt, wie effektiv dezentrale Strukturen sein können. In anderen Sportarten, wie in den Zweikampf- Sportarten, ist aber eine Konzentration von Topathleten durchaus sinnvoll. Das muss man also für jede Sportart individuell betrachten.
BZ: Wenn wir gerade bei der Region sind: Wie zufrieden sind Sie mit der Verzahnung von Vereinen und Leistungszentren?
Wiedmann: Wir haben die Förderung hier in der Region auf einige Schwerpunktsportarten konzentriert, bei denen diese Verzahnung sehr gut funktioniert. Da gibt es Vereine, die gute Arbeit machen, und Landesverbände, deren Landestrainer am Olympiastützpunkt eingesetzt sind. In diesen Schwerpunktsportarten ist ein durchgängiges Fördersystem vorhanden, etwa beim Ringen, beim Triathlon, beim Radsport und im Mountainbikebereich, beim Skisprung, Langlauf, der Nordischen Kombination und im Biathlon. Und punktuell auch bei der Leichtathletik und einigen anderen Sportarten. Bei den Spielsportarten unterstützen wir den Frauenfußball, die Basketballerinnen und Volleyball, auch hier arbeiten wir mit den jeweiligen Verbänden oder Vereinen gut zusammen
BZ: Woran muss man mit Blick auf die Vereine noch arbeiten?
Wiedmann: Entscheidend ist, dass wir Vereine haben, in denen der Leistungssport den notwendigen Stellenwert hat und in denen es für Leistungssport qualifizierte Trainer gibt.
BZ: Wenn wir in die Zukunft schauen: Sehen Sie in der Region junge Sportler, die Potenzial für die internationale Spitze haben, gerade auch mit Hinblick auf in Sotschi 2014 oder eben für Rio 2016?
Wiedmann: Wir werden auch in Sotschi bei den Winterspielen sicher wieder mit einigen gut vorbereiteten Athleten vertreten sein. Auch für Rio bin ich optimistisch, dass es wieder eine ähnliche Zahl von Athleten aus unserer Region schafft, sich für die Sommerspiele in Brasilien zu qualifizieren. Wir haben am Olympiastützpunkt jetzt schon einige Athleten im Blick, warten da aber in Ruhe die weitere Entwicklung ab. Schließlich sind es noch vier ganze Jahre, und der Weg zu den Olympischen Spielen 2016 ist noch lang.
Der 58-Jährige leitet seit 1988 den Olympiastützpunkt (OSP) Freiburg-Schwarzwald, zu dem auch das Nordic Ski Center am Notschrei, ein Sportinternat in Freiburg, das Ski-Internat Furtwangen und das Leistungszentrum am Herzogenhorn gehören. Der OSP betreut rund 500 Nachwuchs- und Spitzensportler.
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Autor: Jana Martens und Joachim Röderer



